Werde Deutschland-Versteher! – Lektion: Umweltzone und Beschilderung

Wichtige Grundregel um ein Deutschland-Versteher zu werden: Versuche die Schilder zu verstehen. Dann kommst du automatisch dazu, die dahinterstehende Regel verstehen zu wollen und schon bist Du mitten drin, den Deutschen zu verstehen.

Heute: Die Umweltzone

Die EU zwingt zum Handeln: Das Befahren besonders abgasbelasteter Zonen soll in Zukunft Pkws und Lkws mit schlechteren Abgas-Standards verwehrt bleiben.
Quelle: adac.de

Wenn Deutschland eine EU-Regel (die sie wahrscheinlich mit ‚verbrochen‘ hat) umsetzt, dann macht sie das in aller Gründlichkeit. Ohne Frage ist Feinstaub nicht gut für die Umwelt und im Speziellen für uns. Daher ist das auch vernünftig das zu senken. Jetzt könnte man sagen: Ok, es gibt also Handlungsbedarf, ab sofort dürfen nur noch Fahrzeuge zugelassen werden, die weniger Feinstaub hinten rauspfeffern. Dafür gäbe es eben einen Richtwert und daran haben sich alle zu halten.

Nicht in Deutschland – das wäre doch viel zu einfach.

Wir machen das in Deutschland so: Wir überlegen uns in unglaublich schwierigen Gremien und Expertenrunden einen unglaublich komplizierten Schlüssel, der zwischen allen möglichen Kriterien unterscheidet und die man im Detail auch beim TÜV nachlesen kann. Das Tolle ist: Wonach sich das nun genau richtet, ist einem dann 100% unklar. Warum also z.B. mein Turbo-Diesel, der mir einst wie die Rettung der Menschheit politisch verkauft wurde und der heute noch seine 5,5 bis 6 Liter auf 100 km sparsamst verwaltet, eine (rote Alarm-)Stufe 2 bekommt, so mancher 15 Liter-Bolide aber lächelnd neben mir mit einer grünen 1 parkt, weiß ich nicht – aber ich bin auch kein guter Bürokrat.

Also stuft man so im groben die alten Autos als böse und die neuen als gute ein, egal was hinten an Masse rauskommt, solange die Kasse klingelt Klasse passt. Wenn also des Deutschen Fuhrpark so einklassifiziert werden soll, muss jeder zur Werkstatt oder zum TÜV und sich so ein Ding reinkleben lassen. Kostet, ist klar, braucht Zeit, auch klar.

Nun hat man also Deutschland etikettiert und muss nun Schritt 2 durchführen: Die Umweltzonen einführen. Man zieht also vermeintlich – und sicher lang diskutierte – fiktive Grenzen in Städten (jede nach Gusto) bis wohin Otto-Normal-Stinker fahren darf, danach winken Bußgelder, wer in die Zone einfährt.

Aber wer darf nun in die Umweltzone? Jaa, auch das haben wir uns nicht einfach gemacht. Also wir haben ja 4 Stufen eingeführt. Stufe 1 ist schon gleich mal die Ausnahme, denn Stufe 1 ist quasi die fiktive „Nicht-Plakette“, also alle die, die keine kriegen oder keine geholt haben – Strafe muss sein! Dann gibt es Rot (fast so böse wie keine Plakette, aber jetzt noch nicht), Gelb (noch nicht böse, aber bald) und Grün (alles gut). Wenn also die Umweltzonen mit viel Steuergeldaufwand an jeder kleinen Straßen, die in diese Umweltzonen münden, beschildert wurden, macht man zwei Dinge: Erstmal durchstreichen (weil ja erst noch offiziell zu eröffnen), dann ein Zusatzschild anbringen. Auf dem Zusatzschild steht erstmal, dass jeder darf, der eine hat (also Rot, Gelb, Grün, aber eben nicht die fiktive Stufe 1 Nicht-Plakette, denn die gibts ja nur „im Sinn“). Jetzt könnte man sagen: Aber dazu braucht man doch kein Zusatzschild weil man sagen könnte „haste eine, darfste“!?! Aber das zeigte nur, dass man den Deutschen noch nicht verstanden hat.

Wir machen also Regeln und definieren die Ausnahmen und die Ausnahme der Ausnahmen. Aber auch das ist erst der Anfang.

Dürfen jetzt also immer alle mit Plakette (Rot, Gelb, Grün) einfahren? Mitnichten! Denn dafür gibt es einen Stufenplan zu den Stufen. In Hessen z.B. braucht man ab 2010 schon mindestens die gelbe Plakette, um einzufahren, ab 2012 dann die grüne! Warum nur in Hessen? Ja, genau, denn natürlich ist das in Deutschland föderal gelöst. In Niedersachsen z.B. wird schon 2009 für rote Stinker Schluß sein, ab 2010 braucht man dann schon grün für freie Fahrt.

Kurzum: Du hast auf deiner Reise durch Deutschland keine Ahnung wer wo wann, wenn du nicht mindestens den kleinen Leitfaden für die Umweltplakette im Handschuhfach liegen lässt (vielleicht gibt es ja auch eine GPS-gesteuerte Software-Anwendung für das Blackberry?).

Jetzt muss einem da aber nicht bange sein. Man kann sich darauf verlassen, dass wir auch entsprechende Beschilderungen (anfangs durchgestrichen) rechtzeitig in der ganzen Republik (natürlich föderal regional unterschiedlich) anbringen werden.

Im Ergebnis: Unterschiedlich. Für Baden-Württemberg z.B. ist bis 2015 alles erlaubt, was gelb ist. Also sind das noch gute 7 Jahre und bis dahin kann man davon ausgehen, dass kaum noch ein Auto auf der Straße sein wird (altersbedingt), der keine grüne Plakette hat. Bei den anderen Bundesländern ist das mal enger, mal lockerer, aber auch alles schön langfristig.

Und jetzt wird man zum Deutschlandversteher!

Was man eingangs mit dem Vorschlag als Verpflichtung an die Hersteller noch so dahinsagte, hat man jetzt über den Zeitablauf und den Marktdruck (weil keiner mehr einen Wagen neu kaufen wird, der die grüne Plakette nicht erreicht) einfach so hinbekommen OHNE die heilige freie Wirtschaft mit bösartigen politischen Eingriffen zu belästigen. Ist das nicht GENIAL ausgedacht! Na, mal ehrlich! Brilliant. Und so einfach! Deutsches Qualitätsprodukt sozusagen.

Und wer das jetzt verstanden hat, der kann sich auch mal Gedanken über Riester und sowas machen. Aber Finger weg von Steuerthemen!

P.S. Und die Realität sieht dann sicher so aus, dass die Umweltzonen-Regelung von der nächsten Regierungspartei (oder auch der gleichen, das macht dann nicht so viel Unterschied) als totale Verfehlung, als politisches Versagen der vorhergehenden Regierung geächtet wird und nach langen Debatten entweder komplett (mit Neu-Etikettierung und Neu-Beschilderung) modifiziert oder gar ganz abgeschafft wird – oder teilweise, mit Übergangsregelungen…