Der kleine Mann von der Straße

Warum verstehen wir nur nicht die Sorgen und Nöte der großen Leute? Und warum viel Information alles nur noch schlimmer macht.

Ich bin ein kleiner Mann. Nicht mal von der Größe her, aber doch aus der Perspektive bestimmter Leute. Sogar „von der Straße“ bin ich, dabei hab ich ein sehr annehmliches Dach über dem Kopf und sogar nette Nachbarn. Dennoch bin ich der „kleine Mann von der Straße“, weil ich eben keiner der Großen bin, der Großen aus Politik und Wirtschaft. Ich bin eben einer der nicht versteht, verstehen kann, die Zusammenhänge, die Notwendigkeiten, die Zwänge, die man eben nur begreift, wenn man selbst im Haus sitzt – und nicht nur von außen draufsieht, von der Straße, wenn man eben nur mal vorbeiging und Blicke erhaschen konnte von drinnen, durchs Fenster, oder was man eben verkündet bekommt oder was zu redseelige Bedienstete oder Boten aufgeschnappt und nach draußen trugen.

So ist unser Leben bestimmt, für die meisten von uns, ein „kleiner Mann von der Straße“ zu sein. Wir bekommen nur mit, was nach draußen dringt, was man uns zumutet, was durchrutscht, was nach außen dringen soll – strategisch oder boshaft zum Schaden eines anderen oder um die Volksseele dosiert zum Köcheln zu bringen – nur nicht zum Kochen, das wäre zu unkontrollierbar, am Ende stürmt noch einer den Palast. Was man dem „kleinen Mann“ auf der Straße zumuten kann, darüber machen sich die drinnen viele Gedanken, Gedanken über das „was“ und „wie viel“ und „in welcher Form“. Denn nicht alles versteht der „kleine Mann von der Straße“ so auf anhieb – ja, er könnte alles mißverstehen, könnte am Ende nicht begreifen, wie eben die Zusammenhänge, die Notwendigkeiten und die Zwänge waren, die zu dem führten, was man nun verkünden muss, und der „kleine Mann von der Straße“ wird einen Kopf fordern in seinem Unverstand, seinem fehlenden Kausalverständnis, das man sich erst aneignen kann, wenn man selbst einmal die Zusammenhänge, die Notwendigkeiten und die Zwänge am eigenen Leibe erlebte.

Manchmal zeigen andere „Menschen von der Straße“ den anderen solche Zusammenhänge auf. Gefährliche Aussteiger und Freigeister sind das – Leute, die das ganze System mit ihren unbedachte Äußerungen gefährden, die meinen die Wahrheit würde etwas besser machen. Kinder sind es, Kinder, die nicht verstehen, dass die Wahrheit keine leichte Kost ist, eine Kost, die dem „Mann von der Straße“ gar nicht bekommt, weil er damit gar nicht umgehen kann. Wer sowas tut, tut der Gesellschaft keinen Gefallen – jedenfalls aus der Sicht bestimmter Leute mit dem Blick auf den „kleinen Mann von der Straße“.

Das ganze Internet hat alles nur noch schwieriger gemacht. Medien konnte man wenigstens kaufen – und zwar mit dem Geld, dass der „kleine Mann von der Straße“ mit seiner Leistung, seinen Einlagen und auf sein Risiko erwirtschaftet hat – zu seinem Schutze. Doch nun sprießen immer neue Stimmen zu Tage, immer mehr dieser Querdenker beginnen zu reden, man kann sie nur juristisch erschlagen, doch wie Ratten kommt immer wieder ein neuer Kopf aus den Löchern. Man muss sie an der Wurzel packen, ihre Glaubwürdigkeit zerstören, sie einschüchtern und überwachen – die Politik ist in der Pflicht, in der Pflicht das System zu schützen, ein System, dass sie selbst zu den Großen der Politik erst machte, sie sind in der Pflicht und in der Schuld!

Doch Schuld, Schuld an allem, an der Panik, an den Überreaktionen, das haben doch sie! Die, die reden, die modernen Aufklärer. Sie sind die Unbekannte der Gleichung, mit all ihrer Furcht und ihrem Idealismus, ihre kleinkarierte Denke um das Wohl des Einzelnen – und sie meinen sich doch nur selbst! Sie sorgen sich nur um ihr eigenes Wohl und das aller kleinen Männer!

Doch das Wohl kann gar nicht für den Einzelnen bestimmt sein, denn das System funktioniert nur im begrenzten Maßstab – eben wenn viele „auf der Straße“ sind und nur wenige „im Haus“ – so sind die Regeln unserer Gesellschaft, so war es immer.

Doch ist das Kind im Brunnen, wenn zu viel bereits passiert ist um die Stimmung noch retten zu können mit Vertuschung. Wenn der „kleine Mann von der Straße“ den Stimmen aus dem Haus nicht mehr glaubt, dann heisst es die Gelegenheit ergreifen. Sich unters Volk mischen, sich zu einem von ihnen machen, seine eigenen Aussagen von gestern verwischen und sich einfach mit dazu stellen – zum Pulk vor dem Haus und mitgrölen, einfach das, was die Volksseele schreit: „Raus mit ihnen! Wir wollen sie zur Verantwortung ziehen!“ Aus Inbrunst, bis man einen oder zwei gefunden hat, die bei drei nicht auf den Bäumen respektive aus dem Hause waren – gern genommen die, die sich nicht selbst schnell genug verleugnen konnten. Und reden muss man, viel reden, am Besten das, was jetzt offensichtlich ist und die Mahner schon riefen, als man selbst noch im Haus saß und sich über dieses Geschmeiß echauffierte.

Nach einer Weile darf man den Absprung nicht verpassen, sonst wird man selbst zu einem von ihnen, vergessen und bedeutungslos in der Masse. Nun gilt es einen Schritt vorzutreten, sich zwischen Haus und Straße zu stellen. Es gilt nun Reformer zu sein, aus der Vergangenheit lernen wollen, Einsicht zeigen ob der Fehler des Systems, natürlich nicht der eigenen, und aufbrechen wollen, diese Zusammenhänge, die Notwendigkeiten und die Zwänge. Nicht wirklich und wollend, aber überzeugend – und darauf kommt es an.

Der „kleine Mann von der Straße“ wird bald müde werden, seine Konzentration bricht gern ein, wenn man nur lange genug redet um auf den Punkt zu kommen. Als sie begannen wieder zuzuhören, war das Spiel auch schon gewonnen. Dann baut man sie wieder auf, die Zusammenhänge, die Notwendigkeiten und die Zwänge, und wirbt im Rahmen des Machbaren und möglichst perspektifisch um Geduld und versichert seinen 100%igen Einsatz. Der „kleine Mann“ könne daher getrost nach Hause gehen – und man selbst zurück ins Haus. Jeder auf seinen Platz zurück, der ihm gebührt.

Doch manchmal reicht das alles nicht. Manchmal brechen Systeme tatsächlich zusammen und lassen sich nicht wieder herreden. Schlimme Zeiten sind das, Zeiten der Zerstörung, der Neuordnung, des Chaos. Dann sitzen sie plötzlich alle wirklich in einem Boot, der kleine und der große Mann, und der „große Mann“ weiß, dass er jetzt viel zu verlieren hat, auch gerade weil die „kleinen Leute“, die eh schon wenig hatten und nun noch mehr verloren haben, jetzt im Vorteil sind. Wer wenig zu verlieren hat, neigt zu radikalen Dingen.

Und das macht ihnen großen Kummer, den großen Leuten. Gerade weil sie nicht mehr tragen, die Zusammenhänge, die Notwendigkeiten und die Zwänge, die einen Schutz gaben und das stabile System bildeten. Großen Kummer, nicht um der Krise selbst, den Zerstörungen und den Opfern willen. Es macht ihnen Kummer, denn am Ende könnten andere die Gewinner sein.