Seminararbeit zum Thema Web 3.0 von Lennart Brand – Transkript Interview Alexander Endl

Vor dem Hintergrund des Artikels bei Dr. Web »Die Zukunft im Web 3.0 – Eine Vision«, über das mich eine ganze Menge Anfragen erreichten (was mich wirklich positiv überraschte), bat Lennart Brand im Rahmen seiner Seminararbeit »Semantic Web und IPv6 – Ein Zukunftsszenario des Internets« im Seminar »Multimediale Präsentationsformen / Content Management« beim Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik und Theater Hannover zum Thema um ein Interview.

Hier das „Transkript“ des finalen E-Mail-Interviews – für die, die es interessiert:

Fragenkatalog an Alexander Endl

1.
Bitte beschreiben Sie kurz Ihre berufliche Tätigkeit und Ihr Aufgabenfeld.

Ich bin seit 7 Jahren verantwortlicher Projektleiter mit Schwerpunkt Internet und Neue Medien in einer Agentur für visuelle Kommunikation in Frankfurt/Main.

2.
Wie ist die Idee zu dem Artikel bei Dr. Web („Die Zukunft im Web 3.0 – eine Vision“) entstanden?

Eine einfache Weiterentwicklung eines Gedankens. Als der Artikel entstand war eine Diskussion über die Differenzierung von Web 2.0 als „social network“ in aller Munde, aber nur wenige gingen dabei auf die Entwicklung danach ein. Wer über das Web nach 2.0 schrieb, meinte das entweder als vage Zukunftsvision a la Flash Gordon oder als technisches Projekt im Sinne der Semantik. Ich wollte hier meine Gedanken in eine andere Richtung, eine vielleicht naheliegende, reelle, ‚zu Papier‘ bringen.

3.
Ihrer Grundthese nach werden, durch weiterentwickelte Technologien im Internet (semantic web, IPv6), Informationen auf ihren Kern reduziert und unabhängig von ihrem Kontext selbständige Einheiten darstellen. Benutzer können diese Einheiten – abhängig von den Berechtigungen durch den Urheber – nutzen und frei kombinieren. Können Sie dazu bitte ein Beispiel anführen?

Letztendlich sind Beispiele bereits real existent: Via RSS-Feeds werden ‚entkernte‘ Contentelemente bereitgestellt und anderswo im anderen Zusammenhang eingebettet und neu aufbereitet. Der Gedanke darüber hinaus, den ich bei dem Artikel hatte, ging in die Richtung, dass auch der Ort obsolet wird. Jetzt wird der Content noch von einer Quelle ausgeliefert, diese Quelle könnte in Zukunft unwichtig sein, weil der Content die Quelle selbst ist. Ich versuche das mal so zu formulieren: Wer mich erreichen wollte, hatte früher meinen Festnetzanschluß und meine Anschrift benötigt, heute trage ich meine Erreichbarkeit mit mir herum, meine Erreichbarkeit ist mit mir verschmolzen (außer der Akku meines Handys geht aus…). Aber auch das ‚witzige‘ Beispiel in Klammern ist gar nicht so daneben: Wenn ich jetzt noch eine Möglichkeit habe, dass bei Ausfall meiner primären Erreichbarkeit eine Alternativ automatisiert bereit steht oder die Alternative sogar sich nicht nach einer Hierarchie, sondern nach simpler Einfachkeit geknüpft wird, ist das vielleicht eine simple Erläuterung für meinen Gedanken. Jemand versucht mich zu erreichen und landet dort wo ich eben gerade bin, am Festnetz, am Mobilen Endgerät, per Voice-Stream im Netz. Man muss nur diesen Gedanken noch übertragen auf ein Objekt, das multiplizierbar ist: „Content“. Verteilt und erreichbar über unendliche Kombinationsmöglichkeiten.

4.
Wie schätzen Sie die Problematik der Rechtekontrolle durch den Autor und die Wahrung der Urheber- und Verwertungsrechte bei einer solchen Unabhängigkeit und flexiblen Kombinierbarkeit von Informationseinheiten ein?

Sehr hoch. Oder noch weitergehend: Man müßte sich von den existierenden Denkmodellen von Urheber- und Verwertungsrecht komplett lösen müssen und neue Modelle entwickeln. Tut man das nicht, wird das gleiche Schicksal ereilen wir der Musikindustrie und der schreibenden Presse: Content für lau wird entweder eingefordert oder Piraterie breitet sich aus.

5.
Wie ist Ihre Meinung zu der Kritik, dass durch das semantic web die Informationstiefe und das Bildungsniveau der Benutzer aktiv eingeschränkt werden könnte. Die Idee hinter dieser Kritik ist, ähnlich des Videos EPIC über das fiktive Google-Monopol, dass man nur noch die Informationen finden kann, die durch eine teils maschinengestützte Ontologie als für einen Benutzerprofil zutreffend bewertet werden. Zufällige Treffer, die den Wissenshorizont erweitern könnten, werden dadurch nahezu ausgeschlossen.

Wie sagte Jeff Goldblum alias Dr. Ian Malcolm in Jurassic Park so schön: „Das Leben bahnt sich seinen Weg“. Das Internet ist nicht von ungefähr auch deshalb so eine „killer application“, weil es so praktisch ist, sondern weil es eben Pluralität brachte, Meinungs-Pluralität. Die Masse wird sicher ähnlich wie beim Privatfernsehen abzufangen sein, wer sich aber informieren will, wird das können. Das wird sich nicht mehr ändern lassen, das merkt man heute schon in Krisenregionen, wo trotz größter Bemühungen zur Vertuschung die Informationen nach außen dringen, – und das ist auch gut so, birgt im Privaten aber auch enorme Risiken.

6.
Wo liegt Ihrer Meinung nach der Vorteil, Informationseinheiten mittels IP-Adressen statt über eine erweiterte Funktionalität von URIs zu adressieren?

Ausfallsicherheit und Variabilität. Wenn ein Objekt nicht an einen Ort gebunden ist, kann es dorthin „gehen“, wo Erreichbarkeit gewährleistet ist. Auch ist eine Verteilung eine Lösung bei hoher Zugriffslast, das „Bit Torrent“ Modell ist ja quasi schon der Beweis, dass dieses Modell funktioniert.

7.
Das Schlagwort „Killer-Applikation“ ist schnell zur Hand, wenn man von technischen Innovationen spricht. Viele Experten sind der Meinung, dass die drastische Verbesserung der Zugangsbedingungen die „Killer-Voraussetzung“ für das Web 2.0 bildete. Schätzen Sie IPv6, auch z.B. aufgrund von mobile IPv6, als die mögliche „Killer-Voraussetzung“ für das Web 3.0 ein?

IPv6 ist für mich keine Applikation, es erweitert einfach den Adressraum. Das ist wie die Einführung von 7-stelligen Telefonnummern in einer Stadt nachdem man mit 5 Stellen nicht mehr zu Recht kam. Die 7 Zahlen sind dann nicht die Killer-Applikation, das war ‚das Telefon‘. Die Rahmenbedingungen müssen aber natürlich stimmen für Entwicklung, IPv6 erweitert einfach die Grenzen und ist der Boden eine solche Weiterentwicklung.

8.
Durch die IPv6 wird es möglich, jedem Endgerät eines Benutzers mittels stateless autoconfiguration eine IP zuzuweisen. Bei mir wären das allein bei den klassischen Medien schon 6 verbrauchte IPs (Computer, Laptop, Mobiltelefon, PDA, Fernseher, Radio). Als virtuelle Person im Internet belege ich eine weitere IP. Als Blogger fallen für mich wöchentlich etwa 5 weitere IPs für meine Blogeinträge an, meine Kommentare in anderen Blogs nicht mitgezählt. Ist unter diesen Gesichtspunkten Ihre Idee, dass mittels IPv6 jeder Informationseinheit eine IP zugeordnet werden kann, kritisch betrachtet überhaupt realisierbar?

Ja. Auch weil IPv6 ja nicht das Ende der Fahnenstange sein muss und weil man noch gar nicht abschätzen kann, wie alles sich entwickelt. Manche prognostizieren ja ‚eine‘ IP für jedes einzelne Objekt dieser Welt, von der Wasserflasche bis zum Toaster. – Vielleicht wird es regionale IPs geben? Oder IPs in (semantischer) Kombination? Wie oben gesagt: IPv6 ist für mich nichts anderes als eine Erweiterung des Terrains. – Zudem kann man mit 340,28 Sextillionen Adressen aber erst mal arbeiten.

9.
Im Dr. Web Weblog schlug „Siegfried“ im Kommentar #15 am 8.09.2006 vor, die IPs nur an Personen zu binden. Im Sinne einer ontologischen Zuordnung wären personenabhängige Aspekte wie geschriebene Artikel und Kommentare dann mit dem Autor verknüpft. Über thematische Gemeinsamkeiten gelänge man über die Aspekte von einer Person zur anderen. Wie bewerten Sie diese Modifizierung Ihrer Vision?

Streng genommen geht das für mich dann nicht weit genug. Ob ich den Ort oder die Person dann verknüpfe ist dann nur eine neue Definition, kein neuer Ansatz. Das Problem beginnt dann bereits bei Gemeinschaftsarbeiten, verliert sich endgültig dann in Wiki-Projekten, bei denen dem Grunde nach unendlich viele Personen zuordenbar wären. Nur wenn man alle Informationen voneinander löst und nur noch in Korrelation über eine Systematik setzt, wäre es für mich eine Evolution.

10.
Hat sich Ihre Sicht auf Ihren Artikel in den zwei Jahren seit der Veröffentlichung geändert? Was würden Sie ergänzen, streichen oder verändern, wenn Sie heute eine gleiche Zukunftsvision formulieren sollten?

Ein Problem der „Theorie“ ist für mich ungelöst, das Problem des „Versioning“. Wie garantiere ich, dass die Content- und Web-Objekte alle am letzten Stand sind, oder wie entferne ich etwas wieder? Aber das sehe ich eher als Lücke des Artikels, die man schließen könnte mit einer Idee. Auch denke ich wären Details von Semantik- und IT-Experten besser auszuleuchten als von mir. Die Resonanz dieses Artikels – vor allem die bemerkenswert geringe Kritik daran in Anbetracht der Verbreitung – zeigt mir aber, dass die Idee dahinter so falsch nicht sein konnte.
Was ich heute anders oder differenzierter sehe ist die Wirtschaftsmacht, die dieser Entwicklung eine ganz andere Richtung geben könnte. Ich hielt damals weit mehr als heute es für eine fast unaufhaltsame Entwicklung, dass sich alles voneinander löst. Beobachtet man heute die Entwicklung und Bestrebungen der global internet player, kommt man vielleicht zu dem Schluß, dass das Gegenteil der Fall sein könnte: Statt Lösung eine Bündelung, Konzentration. Statt einer freien Verknüpfung gesteuerte Verknüpfungen, die allein darauf abzielt am Ende auch wirtschaftlich verwertbar zu sein (was der oberflächlichen „Qualität“ nicht unbedingt anzusehen sein muss). Das Netz dann (negativ ausgedrückt) nicht als semantisches Monster, das unkontrolliert eine Art Eigenleben entwickelt – Skynet (Terminator) lässt grüßen -, sondern ein Modell basierend auf nacktem wirtschaftlichen Kalkül alter Schule, nur eben ins Netz übertragen: Wer Information hat, verdient Geld – und wer die Kontrolle darüber hat, hat Macht – und wer die anderen verdrängen kann, ist auf dem Weg zu einem Monopol. – Es gibt also durchaus ‚gewichtige Gründe‘ dem freien Wildwuchs einer rein auf Logik basierten semantischen Verknüpfung von der ersten Stunde an den Kampf anzusagen. Aber der Widerstand kommt nicht seitens des Users, die bis dato eher wie Lämmer zur Schlachtbank folgen und alles relativ schmerzfrei mitmachen, und auch nicht seitens der Politik, die bisher weitgehend durch Ahnungslosigkeit und Handlungsunfähigkeit auffallen – sondern durch die Wirtschaft.

Dieser Fragenkatalog ist Bestandteil der Seminararbeit von Lennart Brand zum Thema „Semantic Web und IPv6 – Ein Zukunftsszenario des Internets“ im Seminar „Multimediale Präsentationsformen / Content Management“ des Sommersemesters 2008 am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik und Theater Hannover.
Die aus dem telefonischen Interview erhaltenen Informationen werden ausschließlich für die inhaltliche Bearbeitung der Seminararbeit verwendet und dienen den Zwecken der Lehre und Ausbildung. Das Verwertungsrecht der Arbeit liegt bei dem Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik und Theater Hannover.

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