Gestern: Da Vinci Code (Sakrileg)

Von meiner Marsexpedition endlich zurückgekehrt habe ich mir gestern das erste mal den Film »The Da Vinci Code – Sakrileg« angesehen. Und man macht sich – als gläubiger Mensch – ja so seine Gedanken.

Also durchaus ein kurzweiliges Filmchen über 3 Stunden (inkl. Werbebereicherungen), das einem bis zuletzt wach halten konnte – was ja schon mal ein gewisses Prädikat ist in unserer TV-/Kino-Landschaft. Rein cineastisch wurde er übrigens verrissen (u.a. von Verena Lueken, FAZ).

»… eine Geschichte, die inzwischen jeder kennt, der die letzten Jahre nicht auf einer Marsexpedition verbracht hat…« – Verena Lueken am 18. Mai 2006 in der F.A.Z.
Quelle: wikipedia

Davon gehört hatte ich schon mal am Rande, aber ohne die Story wirklich zu kennen – die Diskussion um Da VincisLetztes Abendmahl“ in dem Zusammenhang ist mir erinnerlich, ohne mich damals trotz Religions-Bezug (was bei mir als Auslöser oft reicht) sonderlich hinterm Ofen vorzulocken. Zu Recht, wie ich heute besser weiß.

Die Story im Detail erspar ich mir wiederzugeben, im Kern geht es darum, dass es eine Verschwörung und eine Gegen-Verschwörung in der verschwörten Verschwörung gab – im Wesentlich sollte als Botschaft wohl ankommen: Die Story mit Jesus als Messias sei „natürlich“ religiöser Unfug und in Wirklichkeit war es ne Type wie du und ich und dieser Umstand will die halbe Religionswelt auf jeden Fall unterm Tisch kehren. Anyway.

Trotz der Kurzweiligkeit des Abends begann gegen Morgen der Verdauungseffekt einzusetzen. Das begann damit, dass ich mir dachte, die Story passt nicht. Nicht wegen des Spannungsbogens, das kann wer anders diskutieren, aber wegen der Idee dahinter. Der Jurist in mir schlug Alarm, denn was nutzt es denn wirklich, wenn man feststellen würde, es gäbe wirklich noch DNA-verwertbare Spuren der Maria Magdalena und einen Nachkommen. Dann hätte man den Beweis geführt, dass Maria mal schwanger war und Mutter wurde. So what? Das hieße doch nicht zwingend, dass sie mit Jesus zusammen ein Kind hatte? Was denn das für ein Beweis? – Gut, dann könnte man sagen: Ha! Die Kirche hat das vertuscht und deswegen über die Jahrhunderte ein falsches Spiel getrieben. … Ok, gibt es was Neues irgendwo? – Das würde dann höchstens die Steilvorlage für »Sakrileg Reloaded – Auf der Jagd nach dem Turiner Grabtuch« reichen, aber wollen wir das nicht übertreiben an Analyse.

Was mir im Nachgang zum Film übel aufstieß waren eigentlich zwei Dinge: Erstens, die Darstellung von historischen Fakten. Was schier beiläufig als Fakt eingestreut wurde, stellt sich nach nur minimaler Recherche als mindestens äußerst zweifelhaft, mitunter aber sogar als Abdriften „ins Absurde“ dar. Für mich immer ein Stein des Anstoßes, egal ob nun Religionsthemen oder allgemeine Geschichte betreffend. Mag der mündige gebildete Bürger das Idealbild unserer Gesellschaft sein, so weiß ich jetzt schon wieder, dass ich mir – in welcher Form auch immer – diesen Faktenmüll irgendwann wieder anhören muss – frei nach dem Motto: „das ist geschichtlich aber so bewiesen! ich las das mal irgendwo“ (und wie so oft stellte sich das angelesene „Wissen“ dann als Filmzitat heraus). Volksverdummung nenne ich das – und damit macht Hollywood sich und dem Genre wieder einmal alle Ehre.

Wie stark mich das in meinem Glauben beeinträchtigen würde, wäre an der Story – rein hypothetisch – was dran, fragte mich die beste Ehefrau von allen. Und die Frage fand ich gut, ließ sie mich doch dazu kommen, was mich als zweites extrem an dem Film stört: Es bringt einen genau in diese Denkrichtung, in dieses „könnte doch sein, und dann?“-Muster. Aber das ist aus mehreren Gründen schon keine vernünftige Frage auf den zweiten Blick, denn selbst wenn man das menschliche in Jesus sehen will oder ihn darauf reduzieren möchte, so ist in meinem Verständnis Jesus mindestens als Asket einzustufen gewesen – warum das allerdings für viele nicht nachvollziehbar ist, mag mit der verklärten Sicht auf religiöse Lebenseinstellungen im Allgemeinen zu tun. Es ist ja nicht nur so, dass man dich für bekloppt hält, wenn man freiwillig in die Kirche geht, geschweige denn eine Fastenzeit macht, die „komischen Jungs mit den Kutten“ sind den allermeisten ja suspekt und müssen mit der stereotyp doofen Frage, um die auch Deutschlands Liebling Gottschalk nicht herumkam bei „Wetten dass…?“, immer rechnen, als er zwei Klosterbrüder bei sich hatte: »Aber du bist doch so jung und siehst nicht schlecht aus, warum in aller Welt ins Kloster und Zölibat und so?« Ich nehme mal an, Gottschalk weiss schon die Antwort, aber fragen musste er dann doch, ist ja Fernsehen.

Ein Mann (oder Frau), die sich um ihres Glaubens Willen weltlicher Dinge entsagt ist der modernen Konsumgesellschaft extrem suspekt. Gar nicht mal ins extremistische gedacht zeigt der Film gut, welch Geistes Kind der Schreiber wohl ist und er ist ja auch nicht allein mit seiner Einstellung. Der Albino (im Film) als durchgeknallter instrumentalisierter religiös verwirrter, der auch vor Mord nicht zurückschreckt, sogar einer Glaubensschwester, und man ihm das als fromme Tat gehirnwäscht, dann der naive und doch treudoofe Mann von der Straße, gespielt von einem Kommissar, der in seiner Frömmigkeit dem Intrigenspiel beinahe zum Opfer fällt, aber am Ende noch die Kurve kriegt, dann der böse Mächtige dahinter, der alle fast schon „diabolisch“ verschiebt wie Figuren und selbst zwischen Machtbesessenheit und Wahnsinn wandelt und ganz dahinter so ein paar aus der Imperator-Klasse, die ihre Hanseln auf eigene Verantwortung wurschteln lassen, die Hände dann aber in Unschuld waschen werden – alles zum Wohl der Machterhaltung im Namen Gottes. – So im Groben die bei mir angekommene Weltanschauung.

Übrig bleiben neben den Supermächtigen, die man auch eh nie vertreiben kann, ein humanistisch-toleranter Professor, der natürlich nichts wirklich Spirituelles entdeckt, aber ein Verständnis für das Bedürfnis nach Glauben entwickelt, dessen wahrer Ursprung aber irgendwo was menschliches sein müsse – was auch sonst. Und ein Sproß der Maria Magdalena, die aber die ganze religiöse Wundergläubigkeit mit der Leichtigkeit des Seins ins Reich der Phantasie kickt, indem sie ihr Füßlein auf’s Wasser setzt und sagt: „Seht her, ich kann nicht auf dem Wasser gehen, obwohl ich ein Nachfahre bin. Glaube? Eine Mär. quod era demonstrandum

Der ganze Film (ergo das Buch, für dessen Lektüre mich nun wahrlich keiner mehr erwärmen kann) für mich also schon an der Wurzel eine reine Hommage an den Humanismus, was mir dem Grunde nach auch egal wäre, käme er nicht wie der Wolf im Schafspelz vorgeheuchelten Interesses an der Auseinandersetzung mit Religion – hätte man sich wenigsten auf Kirchengeschichte beschränkt, wäre es geschenkt, aber so…

Also noch mal zur Frage meiner Frau: „Hat es mich nun nachdenken lassen, über meinen Glauben, allein konfrontiert um die These selbst?“ – Die Antwort ist Nein, denn der Ansatz ist das Nachdenken ebenso wenig wert wie jede religiöse Aufregung oder Diskussion. Zu absurd ist es, auf Basis der zugrundegelegten Annahmen (allein aus dem Bild eines Malers, Leonardo Da Vinci, des 15. Jahrhunderts einen Beweis oder eine Erklärung wahrer Begebenheiten des letzten Abendmahl 1500 Jahre davor ableiten zu wollen ist doch ein Scherz) ein wenigstens tragfähige These abzuleiten. Was bleibt ist aber ein schaler Beigeschmack, dass im Film heute jeder nahezu ungefiltert seine Ansichten unters Volk streuen darf und so zur allgemeinen Verdummung und Ignoranz vor Idealen beitragen.

Toleranz – aber das hatten wir ja hier schon oft genug – beginnt für mich nämlich nicht darin, alles platt zu machen und keine Ideale mehr haben zu dürfen, sondern Toleranz ist, die Ideale des anderen als den eigenen gleichwertig gegenüber zu stellen und sie zu respektieren. Ist nur blöd, wenn man keine eigenen mehr hat außer der Erkenntnis, dass man am Ende ein menschliches Würmlein in einer großen Welt ist, das nach paar Jahren des Vor-sich-Hinlebens wieder vermodert und man dazwischen halt ein bisschen Spaß haben muss, eben Essen, Trinken und Ficken, und vielleicht noch einen Film machen, that’s all…