Jung im Herzen

Nun also doch: Young@Heart lief nun doch noch im Filmtheater Valentin und ich konnte meine Gutscheine einlösen und kann aus der Preview noch eine Review machen. Doch einen Disclaimer mag ich nicht davor setzen: Diese Zeilen sind nicht einmal Gutschein-motiviert, diese Zeilen gebühren einfach dem Film.

Ich war lange nicht mehr so emotional bewegt in einem fast menschenleeren Kino gesessen – und ich mag sagen: es war unpathetisch emotional – und das macht es so stark. Es ist kein „Film“, es ist eine Dokumentation, und doch erzählt es mehr Geschichten als in 120 Minuten Blockbuster je erreicht werden kann. Man kann solche Geschichten nicht konstruieren, sie müssen einfach erzählt werden.

Man lernt Menschen kennen in der Zeit in dem man auf die Leinwand starrt und man nimmt von einigen von ihnen Abschied. Man sieht in Augen und Gesichter von Zuhörern und liest in ihnen, wie es sie bewegt, und man bemerkt das Wasser in seinen eigenen Augen und es stört einen nicht. Warum? Weil es kein Drama ist, weil nichts auf diese Gefühle hingearbeitet hat. Ein Chor mit Menschen, die nach unserem gesellschaftlichen Verständnis längst zum Sterben verurteilt sind. Menschen, die alt sind, sehr alt. Menschen über 75 sind die, die der Gesellschaft nichts mehr geben und eher eine Belastung sind – für sich selbst, für ihre Angehörigen und die der Krankenkasse das Geld kosten, das angeblich fehlt für die Jungen. Und man lernt in diesem Film, wie unsinnig diese Denkweise – wenn man sie auch nur ansatzweise zuließ – ist, wie sie alles verkennt, was uns zum Menschen macht. Man lernt, dass krank zu sein und zu sterben, Abschied zu nehmen, weder besonders zu heroisieren ist noch zu verdrängen – es ist einfach ein Teil des Weges, den wir alle gehen. Und man lernt, wie verdammt viel man in jedem Alter dieser Gesellschaft geben kann – der Chor Young@Heart hat wohl mehr Seele gegeben auf seiner Reise durch die Welt, als unsere ganze Medienlandschaft mit versucht emotional und gekünstelt semi-authentischen Real-Life-Berichten im TV je in ihrer Summe erreichen werden. Und – auch wenn es komisch klingen mag – man geht aus dem Kino mit dem Gefühl dem Filmmacher dankbar zu sein, denn wenn er den Film nicht gemacht hätte, hätte man diese „alten“ Menschen nie kennen gelernt – und es ist eine Erkenntnis, die einen gleichzeitig trifft, denn die Chormitglieder sind genauso „einfache“ Leute wie sie hinter so vielen Mauern dieser Stadt hier wohnen. Menschen mit einem wunderbaren Humor, riesigen Herzen, phantastischen Stimmen, riesigem Wissen oder einfach nur einem interessanten Wesen.

Young@Heart läuft natürlich nur in so einem kleinen Programmkino / Kulturkino wie dem Valentin. Statt dessen strömen die Scharen in den neuen Bond. Den neuen Bond sehe ich mir nächste Woche auch noch an, welcher der beiden Filme mir in meinem Leben etwas mitgeben wird, das weiß ich schon heute.

Ich kann nur empfehlen: Seht euch den Film Young@Heart noch an – unbedingt. Und keine Sorge, er ist nicht so, dass ihr pathetische Krankenhausberichte bekommt, auch fühlt man sich nicht peinlich berührt – zu keinem Moment. Der Film ist, das kann ich nur bestätigen „ein Stück meisterlicher und grundehrlicher journalistischer Arbeit … Echt und unaufdringlich“ (moviemaze.de). – Ja, statt dessen bekommt man zum Teil bissigen Humor, den nur Menschen in dem Alter über sich selbst machen dürfen, und hervorragende Musik, die in diesem Zusammenhang neben ihrer bereits vorhandenen Qualität durch diesen Kontext eine nochmalige unglaubliche Aufwertung erlebt: Sonic Youth (»Schizophrenia«), Talking Heads (»Life During Wartime«), Coldplay (»Fix You«), Clash (»Should I stay or should I go«), Sinead o Connor (»Nothing Compares to you«) – um mal die Bands zu nennen, die vielleicht sonst nicht gleich genannt werden und man den Pointer Sisters (»Yes We Can Can«) oder James Brown (»I Got You (I Feel Good)«) sonst dem Vorzug gibt. Aber die erstgenannten sind eben meine Musik – umso mehr fand ich den Zugang.

Und auch wenn der Film so viele fröhliche Momente hat, so ist »Fix You« dann doch für mich der Song, der für mich am meisten zusammenfasst:

When you try your best, but you don’t succeed
When you get what you want, but not what you need
When you feel so tired, but you can’t sleep
Stuck in reverse

And the tears come streaming down your face
When you lose something you can’t replace
When you love someone, but it goes to waste
Could it be worse?

Lights will guide you home
And ignite your bones
And I will try to fix you

Und hier ist er: »Fix you« von Coldplay, gesungen vom wirklich wunderbaren Fred Knittle und dem Young@Heart Chor:


Nachtrag

Das Video gibt einen prima Eindruck: