Es riecht wie Vergangenheit

Da stand er vor mir – ich hätte gar nicht mal gewusst, wie ich ihn hätte benennen können, hätte ich ihn bestellen sollen. Aber dann stand er da in der Vitrine und ich musste ihn allein deswegen kaufen, weil ich das Bild machen wollte.

Es ist so der Moment, wenn du genau vorher weißt, wie es riechen wird, wenn du es an die Nase führst. Und es ist nicht mal so, dass du es als den kulinarischen Hochgenuß abgespeichert hattest. Es war einfach so vertraut. Diesen Gewürzkuchen gab es genau so 1:1 – früher, bei unserem Hausmeister im Gymnasium. Ich glaub der hat 60 Pfenning pro Stück gekostet (heute 1 Euro). Der Hausmeister hatte seinen Stand in so einer großen Nische zwischen dem Verbindungsbau mit Musik- und Bio-Saal zwischen Altbau und Aula, eine große offene Theke um ein Eck rum, bei dem die Auswahl sich im wesentlichen auf diverse belegte Brötchen und Getränke beschränkte und eben 1-2 Besonderheiten – dieser Kuchen war einer davon. Den gönnte man sich auch aufgrund des Preises nicht andauernd, zudem muss man auf Gewürzkuchen auch mal gerade Lust haben. Wenn man zu den coolen Typen gehörte, dann kannte man den ‚jungen‘ Hausmeister, der sich mit dem ‚alten‘ Hausmeister beim Thekendienst abwechselte, und nannte ihn beim Vornamen: Paul. Ich glaub der ist zur Zeit überhaupt nicht en vogue, der Vorname. Wenn man nach ihm sucht stößt man natürlich auf ihn, bei baby-vornamen.de und Lisa dort schreibt in ihrem Kommentar dazu: »Ich mag den Namen. Er klingt so edel aber auch süß. Ich kenne ein Pferd was Paul heißt«.

Und dennoch: Als ich so beim Bäcker stand und in die Vitrine glotzte, war ich für ein paar Sekunden ganz wieder der kleine Junge vor dem Hausmeisterstand. Ich erinnerte mich nicht nur an den Geruch, ich erinnerte mich an das Gefühl und die Gedanken, die man hatte. Als sich die Welt nur um eine Frau Winkler oder einen Herrn Kaufmann drehten, ihres Zeichens Lehrkräfte an meinem Gymnasium, als man die 6 Schulstunden pro Tag plus 1 mal Nachmittag pro Woche als unglaubliche Zumutung der Konzentration und des Still-sitzens empfand. Als die Bosheiten des anderen Jungen dein tägliche Trübsaal war, ebenso wie die Hoffnung und zugleich Resignation, dass eines der hübschen Mädchen sich je in dich verlieben könnten. Aber auch einfach, wie sich das Papier anfühlte und wie die Heizung in den Rücken drückte, wenn man sich vor dem Bio-Saal auf den Boden setzte mit dem Ordner auf dem Schoß.

In den Pausen zwischen den Stunden spielte sich in jeweils zweimal 15 Minuten am Tag dem Grunde nach das gesamte soziale Rollenspiel ab – in der Zeit entstanden die Zu- und Abneigungen, knüpften sich Freundschaften und bauten sich Feindschaften auf. Schon irre eigentlich, und das alles zwischen Pausenbrot und am Hausmeister anstehen und Hausaufgaben abschreiben und letzte Stunde aus Panik vor einer mündlichen Abfrage noch mal ins Kurzzeitgedächtnis pressen. Danach fuhren vor allem wir Dorfkinder dann mit dem Bus wieder in unsere Welten.

Und das alles kommt hoch wegen eines Gewürzkuchens…