Wrestling-Chips – neues Kult-Spielzeug oder grober Unfug?

Was die Kinder da machen? Ja, das hab ich micht auch lange Zeit gefragt. Jetzt bin ich der Sache mal auf den Grund gegangen – sie spielen „Wrestling Chips“.

Immer noch nicht schlauer? Kein Wunder, ich kannte das auch nicht, aber in letzter Zeit hab ich die Dinger, die bisschen wie Jetons aussehen, aber einen Wrestler auf der einen Seite haben, ziemlich oft in Kinderhänden gesehen. Mein Großer (5) erklärte mir ganz wichtig, wie sie das spielen: Man legt die Chips auf den Boden und wirft mit einem zweiten Chip drauf oder klopft auf ihn (durfte das mal in einer Art „Mini-Schulung“ vom Jungen aus dem Vorderhaus (12) ausprobieren). Dreht sich der am Boden liegende Chip so um, dass das Gesicht zu sehen ist, darf man ihn behalten. Andere Varianten habe ich nun auch schon gehört, die noch etwas einfacher gestrickt sind und nach dem Prinzip verlaufen: Hochwerfen und gucken, welche mit dem Gesicht nach oben liegen bleiben.

Also bereits im Kindergarten ist das Thema in aller Kindermunde und auch aus der Grundschule berichtete mir der Junge aus dem Vorderhaus von einer fast grassierenden Wrestling-Chip-Manie. Auf die Frage „Wer das spielt?“ die knappe Antwort: „Na alle!“.

Auf Anfrage nach einem geeigneten Weihnachtsgeschenk machte ich das zunächst ganz unbedarft meiner Schwester als Geschenktipp zum Vorschlag, die – selbst in der Sozialpädagogik tätig – winkte aber gleich ab: Nicht mit ihr, das Zeug hat bei ihr persönlich „Hausverbot“.

Noch ein Grund also noch weiter nachzuhaken.

Kurze Rücksprache mit anderen Eltern ergab Folgendes: Die Kids spielen das zum Teil bereits im Kindergarten im Zockerstil. Wer seinen Chip verliert, verliert ihn wirklich. Das bestätigte im Übrigen auch der Junge aus dem Vorderhaus. – Also keine Art Rückabwicklung nach Spielschluß. Und das kann teuer werden. Die Chips kosten angeblich ca. 40 Cent pro Stück, aber es gibt auch die Deluxe-Ausgaben, einen hatte ich heute in Händen, die angeblich Sammlerstücke sind und für 10 Euro und mehr gehandelt werden. Da kann der Spiele-Nachmittag ja mal schnell ziemlich teuer werden, wenn – was mir auch ein Papa berichtete – die einst so stolze Sammlung am Nachmittag verzockt wurde und unter Tränen um Nachschub gebettelt wird.

Auch an der katholischen Schule Altona sind die Wrestling Chips der Renner unter den Kids, Schulleiterin Bärbel Dörnte beobachtet das mit Argwohn. Sie verbietet es den Kindern nicht, obwohl diese oft um die Chips streiten. „In meinen Augen ist dies eine Form von Glücksspiel.“ Auch Britta Schneider, Mutter des achtjährigen Linus, ist kritisch: „Die Kinder zocken sich gegenseitig ab. Es geht darum, mit wenig Aufwand zu gewinnen. Wer verloren hat, bleibt traurig zurück.“ Ziegenhagen spricht sogar von Suchtverhalten, das ihr Sohn an den Tag lege.
Quelle: abendblatt.de

Ich muss sagen, ich bin etwas unschlüssig. Um Zehnerle (Groschen) haben wir früher als Kinder auch gezockt, wir nannten das Webbeln (andere (Pfenning-)Fuchsen oder Schebbeln). Natürlich war das auch in dem Sinne eine Form von Glücksspiel oder „Zocken“, aber geschadet hat uns das in dem Sinne auch nicht (denke ich…). Es ist so eine Abwägung zwischen grundsätzlicher Ablehnung von Glücksspielen um Geld, vor allem in so jungem Alter (und das erst Recht, wenn dahinter ein Geschäftsmodell steckt, wobei mir noch nicht klar ist, ob die Wrestling-Chips zu diesem Zweck am Markt sind, oder sich das Spiel eher daraus ergeben hat – das krieg ich aber auch noch raus) und Pragmatismus. Immerhin hatten wir früher auch unsere Panini-Sammelhefte, Überaschungs-Eier und dergleichen, um die (als Einsatz) gespielt wurde und die getauscht, verkauft und gesammelt wurden.

Von Sucht zu sprechen sei vielleicht etwas übertrieben, sagt Theo Baumgärtner, Leiter des Büros für Suchtprävention. Doch Eltern sollten aufpassen, dass sich ihr Kind nicht auf einzelne Tätigkeiten beschränke: „Generell gilt: hingucken! Eltern schützen ihre Kinder, wenn sie interessiert sind an dem, was sie tun, und mit ihnen darüber sprechen.“ So sucht Heike Kaminski nach einem Kompromiss für ihren Sohn Louis im Umgang mit den Spielchips. „Was an der Schule passiert, gleicht einer Massenhysterie. Aber vielleicht ist es nur eine moderne Art zu lernen, wie man mit Geld umgeht, wie man verliert und dass man sich an Regeln halten muss.“ Die Leiterin der Grundschule Kielortallee will abwarten, wie es unter den Kids weitergeht. „Die Schüler haben selbst Kritik geübt. Wenn sie Probleme selbst lösen, haben sie etwas fürs Leben gelernt.“

Auch wir werden das nun auch erst mal abwarten, es aktiv nicht unterstützen und jedenfalls die Variante untersagen, bei der danach die gewonnenen Chips nicht zurückgegeben werden. Ansonsten werden wir das mal beobachten und auch mehr Meinungen einholen. Nur aus Prinzipienreiterei etwas zu untersagen und damit die Kids ins Abseits zu bringen halte ich wohl für ebenso den falschen Weg wie nur aus Gruppenzwang eine Entwicklung zu dulden oder gar zu fördern, die die falschen Signale für’s Leben setzt.

Der Junge aus dem Vorderhaus versicherte mir jedenfalls, dass er sich so was natürlich nicht kaufen würde, das wäre „Verschwendung“ sagte er aus inbrünstiger Überzeugung. Dass er aber 80 der 90 möglichen Sammlerobjekte (nach eigener Aussage) sein eigen nennt, führt er ausschließlich auf seine überragende Technik zurück.

Nachtrag:
Hier bei Kixkalogic gibt es in zwei Beiträgen eine gute Zusammenstellung diverser Quellen (unter anderem zu diversen Spielregeln, die sich Grabz, Throwz, Topperz, Moverz, Slammerz, Spinz oder Wallz nennen, aber auch zu kritischen Beiträgen):