Du musst Zeit haben

Es gibt so ganz bestimmte Aussagen, auf die reagiere ich allergisch „Du musst Zeit haben“ oder „Deine Zeit hätte ich gern“ gehören definitiv dazu. Daher auch gleich reflexartig ein Artikel, da ich es gerade bei Robert gelesen habe – das Thema dort spielt dabei gar keine besondere Rolle.

Als Blogger und Internet-Freak, wie man ja auch gern mal bezeichnet wird, hört man das ja besonders gern: „So viel Internet?! Da hätte ich ja gar keine Zeit für!“ – Und wisst ihr was? Habt ihr! Denn wir alle teilen uns die gleichen 24 Stunden Tag für Tag.

Ich zitier da endlich mal gern Mario Sixtus:

Wenn ich noch ein einziges Mal gefragt werde …
… woher ich die Zeit für meine Netzaktivitäten nehme und woher all die Blogger, Twitterer, Wikipedianer und Free-Software-Developer die Zeit für ihre manigfaltigen Aktivitäten im Netz nehmen, werde ich künftig ganz maulfaul einen einzigen Link auf den Tisch knallen.

No one who works in TV gets to ask that question. You know where the time comes from. It comes from the cognitive surplus you’ve been masking for 50 years.“ […] And television watching? Two hundred billion hours, in the U.S. alone, every year. Put another way, now that we have a unit, that’s 2,000 Wikipedia projects a year spent watching television. Or put still another way, in the U.S., we spend 100 million hours every weekend, just watching the ads. This is a pretty big surplus. ][..]

Und sinngemäß sagt es einfach auch das aus: Niemand fragt einen danach, woher man die Zeit für Fernsehgucken nimmt, was im Übrigen die Basis und Grundlage für Berufe aus dem Bereich Werbung bis Journalismus ist. Niemand fragt danach, woher man die Zeit für Konversation bspw. per Telefon nimmt, für Bücher lesen, für Einkaufen, für Bank-Besuche, für die Warteschlange in der Support-Hotline, für wild durch die Gegend fahren um einen geeigneten Händler oder Dienstleister zu finden.

Das Internet ist keine ominöse Masse, kein Spiel, dessen Laufzeit einmal abläuft und man den Spielstand dann löscht. Das Internet ist Kommunikation, Kreativität, Ausdrucksform, Beratung, Meinungsaustausch, Kontaktmöglichkeit, Einkaufsmeile, Bank, Publikation, Bibliothek. Hier bringe ich mich zum Ausdruck, hier entwickle ich neue Ideen und tausche sie mit anderen aus. Hier vergleiche ich Produkte, lasse mich beraten, kaufe sie ein. Das Internet ist für viele längst keine Spielwiese mehr, es ist etwas Neues im Leben, etwas, was Aufgaben und Tätigkeiten des Lebens und alte Gewohnheiten ersetzt. Und vielleicht sogar vereinfacht und für andere Dinge mehr Zeit freisetzt.

Das Internet nimmt mir keine Zeit, ich investiere meine Zeit hinein und ziehe es woanders ab. Ich sehe bspw. so gut wie kein Fernsehen mehr, weil es mir zu passiv ist und ich es nur wie einen Kinobesuch zelebriere, wenn ein guter Film mal kommt oder ein spannender Tatort. Aber es rieselt nicht mehr durch. Ich hatte die letzten zwei Tage krankheitsbedingt wieder „mehr Zeit“ zum TV sehen und habe wirklich nichts verpasst…

Es ist auch eine Mär, dass man sich damit isoliert. Im Gegenteil – ich tausche mich weit mehr aus mit anderen als früher. Das Internet ist einfach kein Einwege-Medium, es interagiert, es lebt vom lebendigen Gegenüber. Entsprechend wundert auch nicht, dass Online-Plattformen, die immer noch so kommunizieren, als hätten sie in einem weit entfernten Land eine Flaschenpost auf den Weg geschickt und der Empfänger soll nun die Nachricht entziffern, ebenso befremdlich wirken, wie „hoheitlich“ und entsprechend unnahbar wirkende Presseorgane.

Zeit ist nicht die Frage, eher die persönliche Neigung. Hatte zuletzt mehrfach Diskussionen auch mit dahin siechenden Bloggerexistenzen („dahin siechend“ in Bezug auf ihr Blog), die händeringend beteuern, sie kämen einfach nicht mehr zum Bloggen, sie würden ja gern. Bleiben allerdings dann auf die erstaunte Nachfrage, wie das denn zu begründen sei, schließlich sei man Single oder Kinderlos und ohne große Verpflichtungen außer der täglichen Arbeit, eine Antwort schuldig. Muss ich schon dann immer bisschen schmunzeln, als Familenvater mit zwei Kindern und einem Nachbarn (*g), einer regelmäßigen Arbeit jenseits der 40 Stunden-Woche, und zwei Blogs an der Backe.

Es ist keine Frage der Zeit, die man hat. Sicher gibt es Leute die wenig davon haben, aber auch das ist oft ein selbst gewähltes Schicksal. Der Manager, von dem ich hörte, der sich über Weihnachten operieren lassen „muss“, weil er im ganzen Jahr keine „Zeit“ dafür hat, den bedauere ich nicht um die Operation, sondern weil er offenbar sonst kein Leben außerhalb seines Berufs hat. Da hoffe ich nur, dass es wirklich so erfüllend ist, wie das an Zeit kostet. Die Zeit, die ich in „das Internet“ stecke, macht mir Freude, sie bereichert mich, regt mich an Dinge zu denken und zu tun, sie führt mich zum Aktiv-werden, TV brachte mich jeher in die Passivität.

Es soll keine Anklage sein: Manche genießen TV und es erfüllt sie, sollen sie machen. Manche kommen an dieses Internet nicht ran, die Kommunikation ist für sie in geschriebener Form nicht ihr Ding – vollkommen in Ordnung. Jeder soll das nach seiner Façon handhaben und selbst PC- oder Konsolen-Spiele sind für manche schlicht eine spannendere Alternative zum TV. Aber ich wehre mich vehement, wenn man Internet mit „spielen“ gleichsetzt und vermeintlich abschätzig was von wegen „deine Zeit müsste ich haben“ kommentiert. Bei vielen würde ich dann nämlich gern kontern: Aus deiner Zeit könnte man richtig was nützliches machen!