Engelchen Lavendel und das verlorene Weihnachtsglöckchen (1)

Engelchen Lavendel hatte seinen Namen, weil es schon direkt nach seiner Geburt einen ausgeprägten Sinn für Blumen entwickelte. Standen Blumen in der Nähe seines Baby-Engelbettchens, begann es zu lächeln, brachte man es auch noch in die Nähe von duftenden Lavendel, beruhigte sich das sonst gern laut krähende kleine Engelchen im Nu und schlief friedlich ein. Ein Umstand, der den Eltern-Engel nicht verborgen blieb (denn das kleine Engelchen konnte wirklich sehr sehr laut schreien) und sie den erstgewählten Namen Lorelei wieder verwarfen und das kleine Engelchen nun Lavendel gerufen wurde.

Lavendel war ein ausgesprochen phantasievolles Engelchen, mit dunkelbraunen gelockten Haar und stets auf dem Sprung ins Land der Träume aus Farben und Figuren. Es malte für sein Leben gern und als es vom Christkind gefragt wurde, ob es nicht die Aufgabe eines Weihnachtsengelchens übernehmen wollte, war es überglücklich. Man muss nun wissen, dass nur ganz wenige Engelchen am Weihnachtsabend das Christkind begleiten dürfen und neue Engelchen werden vielleicht alle 10 Jahre einmal ausgewählt, wenn ein anderes verdientes Engelchen sich in den Engelchen-Ruhestand begibt. Und nun könnte man meinen, dass Lavendel die Ehre so erfreute – aber das war es eben nicht. Was Lavendel so glücklich machte war der Umstand, dass es als Weihnachtsengelchen die Geschenke mit einpacken sollte – und das war für Lavendel das allergrößte.

Es begab sich nun um die Zeit wie just gerade jetzt, nur einige wenige Tage vor Weihnachten, dass das Christkind nach Lavendel rufen ließ, um mit ihm noch einmal die Vorbereitung durchzusprechen. Das Christkind war hier sehr bedacht und achtete stets darauf, dass alles seine Ordnung hatte und auch kein Kind vergessen wurde. Jedes Geschenk war ihm vertraut, jeder Wunsch bekannt – und es wusste ganz genau, welches Geschenk von wem geschenkt werden sollte: Das ferngesteuerte Auto für den kleinen Marcel aus der Landwegstraße sollten seine Eltern schenken, das Puppenhaus für Marie hat die Oma Lotte auf der Liste. Und wenn irgendwie möglich, versuchte das Christkind auch noch Wünsche der letzten Minute noch buchstäblich an den Mann zu bringen – zur Not musste eben der sonst so grummelige Onkel Max herhalten, den plötzlich so ein merkwürdiges Weihnachtsgefühl überkam und er just an seinen Neffen Paule und eine kleine rote batteriebetrieben Lokomotive denken musste.

Das Christkind sprach mit Lavendel über alle Geschenke, die Lavendel einpackte und noch einpacken sollte. Und noch viele andere Dinge, die wichtig waren für den Heiligen Abend. Denn es gab viel zu tun und mehr als man manchmal denkt, wenn man nicht weiß, wie schwierig es manchmal ist, so einen Abend perfekt organisiert zu haben. Und während man so eifrig alles besprach durchfuhr Lavendel wie ein Blitz ein Gedanke: Wo ist eigentlich das Weihnachtsglöckchen? – Eine von Lavendels Aufgaben war es, das Weihnachtsglöckchen putzen zu lassen und gut aufzubewahren. Das Glöckchen war enorm wichtig für den Abend, nur mit seinem feinen Klingelton signalisierte das Christkind, dass es nun Zeit für die Kinder wäre und sie den Bescherungsraum betreten können. Und das Glöckchen blieb immer mit dem Christkind solange im Raum, bis wirklich alle Engel und Helfer verschwunden waren und auch das letzte Geschenk an seinem Platz war. Erst dann ertönte sein feiner Klang und mit seinem Klang verschwanden auch Christkind und Glöckchen.

Während das Christkind noch weitersprach schossen Lavendel schon tausend Gedanken durch den Kopf und ihm wurde ganz warm auf den Wangen und es wurde ihm auch ganz unwohl. Wo war nur eigentlich das Glöckchen? – Aber es beruhigte sich, dass es schon irgendwo in seinem Zimmer sein müsse – wo solle es auch sonst sein. – Dennoch beeilte sich Lavendel nach dem Gespräch mit dem Christkind und rannte die langen verschlungen Gänge des Engelsheims zu seinem Zimmer, sogar ohne dem Hauskater Miu seine sonst üblichen Streicheleinheiten zu geben. In seinem Zimmer angekommen schloß Lavendel die Tür und begann fieberhaft zu suchen.

Lavendel suchte erst in der Kommode, wo es dachte, das es sicher wäre – doch da war es nicht. Dann unter dem Bett, unter dem großen Ohrensessel, dann im Bücherregal und sogar hinter den Büchern! Es räumte alle Schubladen aus und suchte sogar in der Kiste mit den Holzklötzen, obwohl es mit denen ja erst gestern gespielt hatte – da wäre ihm ja ein Glöckchen aufgefallen. Dann suchte es in der Geschenkbastelecke und sein Blick fiel auf das Geschenk, dass da am Tisch stand, und bei dem es gerade dabei war es einzupacken, als das Christkind nach ihm rufen ließ.

Die große rote Schleife hatte es gerade fertig gemacht, das dunkelgrüne feste Geschenkpapier war perfekt gefaltet und verklebt. Gerade war es dabei gewesen, ein wenig Engelssternchen aufzubringen, die silbern und gold im Licht funkeln. Und als Lavendel den Sternchenpinsel in die Hand nahm, begann es zu lächeln und verlor sich gleich wieder in seine Arbeit und seine Gedanken waren nun bei duftenden Kerzen und glücklichen Kindern, es dachte an Blumen und Äpfel. Nur das Glöckchen, daran dachte es nicht mehr und es war schnell vergessen. Und die Tage vergingen.

{Teil 2}