Engelchen Lavendel und das verlorene Weihnachtsglöckchen (2)

{Dies ist die Fortsetzung von Teil 1}

Die Zeit verging wie im Fluge und je mehr Geschenke kamen desto mehr verlor sich das Engelchen zwischen Glitzer und Schleifen, Perlen und Zweigen. Es malte und verzierte, es faltete und besprühte. Alles andere hatte es längst vergessen.

Bis jetzt nur noch wenige Tage bis Weihnachten blieben und Lavendel, die gerade vom gemeinsamen Morgenfrühstück kam und die nächsten Pakete angehen wollte, einen Zettel vom Christkind an seinem Basteltisch fand, das ihn bat nach dem Mittagstisch vorbeizukommen um den Heiligen Abend noch einmal zusammen durchzusprechen. Und da fiel es Lavendel wieder ein, was es ja vergessen hatte, und es durchfuhr es wie ein Blitz: Das Glöckchen!!

Die anderen Engelchen wunderten sich, warum Lavendel nicht zum Mittag erschien, und einige wollten nachsehen, was denn mit ihm sei. Doch an der Tür hing ein Zettel, dass es krank sei und nicht gestört werden sollte. Auch das Christkind hörte dies, machte sich aber keine Sorgen, denn auch Engelchen können sich einmal eine Engelchen-Erkältung zuziehen und brauchen dann einen guten Kamillentee und viel Schlaf, dann wurde dies schnell wieder besser und man konnte die geplante Besprechung ja auch noch nachholen. Doch ein weiterer Tag verging und das Engelchen erschien auch nicht zum nächsten gemeinsamen Treffen sondern ließ eine Nachricht bestellen, es müsse ganz dringend fehlende Schleifen besorgen, es würde morgen aber sicher vorbeikommen.

Am Abend des gleichen Tages klopfte es bei Lavendel an der Tür, doch niemand antwortete. Leise öffnete eine Hand den Türknauf, doch innen war es dunkel und still. Doch wenn man ganz ganz still war, konnte man doch etwas hören, was wie ein leises Schluchzen klang. „Lavendel?“, fragte eine sanfte Stimme in die Dunkelheit, „du musst dich nicht verstecken. Komm heraus.“ Und ganz ganz langsam öffnete sich die Tür des großen Kleiderschrankes und unten auf zwei Kissen saß ein ganz ganz kleines Engelchen names Lavendel und vergrub sein Gesicht in ein vor Tränen schon ganz nasses Tuch. Eine Hand berührte die Hand Lavendels und langsam stieg Lavendel aus dem Schrank und ließ sich durch das Zimmer führen.

„Es tut mir so Leid“, schluchzte Lavendel – nun im großen Ohrensessel auf dem Schoß vom Christkind sitzend und sein Gesicht so an seine Schultern gepresst, dass man kaum etwas von den Worten hören konnte. Das Christkind schaltete die große alte Stehlampe ein und als es sich im Zimmer umsah war ein heilloses Chaos zu erkennen. Alle Schubladen waren ausgezogen, jede Kiste ausgeleert und sogar die Strümpfe umgedreht. „Du solltest mir vor allem einmal sagen, was du denn hast, liebes Engelchen Lavendel, sonst kann ich dir nicht helfen“. Und so sehr Lavendel sich genau vor diesem Moment gefürchtet hatte, es also nun dem Christkind sagen zu müssen, so sprudelte es nun doch alles aus Lavendel heraus und große Kullertränen liefen die beiden Wangen hinunter. Und es bereute so bitterlich, dass das so wichtige ihr anvertraute Gut, das Weihnachtsglöckchen, nun verschwunden sei und Weihnachten am Ende noch ausfallen müsse.

Das Christkind hörte alles genau an und fuhr dabei tröstend mit der Hand über den Kopf, dann sprach es: „Lavendel, das ist eine ernsthafte Sache. Das Glöckchen ist für Weihnachten ganz ganz wichtig. Wir müssen es unbedingt finden, doch was zunächst einmal viel wichtiger ist, ist dass du nun etwas verstehst.“ Und das Christkind setzte sich etwas auf, nahm beide Hände Lavendels in die sein, und sah ihr in die Augen. „Es war nicht gut, dass du nicht gleich, als du es bemerkt hattest, die Aufgabe ernster genommen hast. Du hast dich ablenken lassen und damit viel Zeit verloren. Wenn man eine Aufgabe übernimmt muss man sie auch ernst nehmen.“ „Noch viel schlimmer aber war, dass du dann, als du dich wieder erinnert hast, keine Hilfe bei deinen Freunden oder bei mir gesucht hast. Du hast sogar geschwindelt und dich versteckt, hast versucht davor davonzulaufen, statt dich dem zu stellen, was passiert ist. – Und das Christkind sah Lavendel dabei lange an. „Doch nun war es richtig mir alles gesagt zu haben, du hast dich entschuldigt und ich glaube du hast auch verstanden, dass man vertrauen muss, wenn man etwas falsch gemacht hat, auch wenn man Angst davor hat es zu sagen. Und nun lächelte das Christkind Lavendel sanft und aufmunternd an und dieses Lächeln durchströmte das Engelchen wie ein warmer Sonnenstrahl. – „Aufgestanden!“ sagte dann das Christkind voller Tatendrang „Und nun brauchen wir erst mal viel mehr Hilfe! Viele Augen sehen mehr als zwei!“

Im Engelsheim, das gerade davor war in seine nächtliche Schlummerstille zu verfallen, war in wenigen Minuten alles auf den Beinen. Alle Engelchen wuselten durch die Zimmer und Gänge. Alle Ecken und Winkel wurden durchsucht, das Christkind hatte einen großen Plan gemacht, auf dem alle Zimmer verzeichnet waren und der nach und nach abgehakt wurde. Es war ein Rascheln und Klappern, eine Ziehen und Schieben. Doch so sehr alle Engelchen auch suchten, das Glöckchen blieb verschwunden.

„Lavendel, lass uns noch mal alles durchgehen“, sagte dann das Christkind wieder im Zimmer von Lavendel über den Plan gebeugt, auf dem nun alle Zimmer einen großen Haken hatten. „Du hattest nach dem letzten Jahr das Glöckchen wieder zur Reinigung geschickt.“ „Ja“, sagte Lavendel, „wie jedes Jahr“. „Und es kam auch wieder hierher zurück“, stellte das Christkind fest, „wir haben die Botenaufzeichnungen durchgesehen“. „Und daran kann ich mich auch noch gut erinnern!“, bestätigte Lavendel. „Es muss also hier im Engelsheim sein“, das Christkind wirkte entschlossen, „nur wo hat es sich versteckt?“

Viele Engelchen standen nun ratlos in Lavendels Zimmer – auch Marlene, ein ganz kleines und schrecklich neugieriges Engelchen. Während alle Engelchen mit ernster Mine nachdachten, spielte Marlene gedankenverloren mit den Bändern auf dem Basteltisch und freute sich an den schönen Geschenken, die Lavendel so kunstvoll eingepackt hatte. Das blaue Band am Geschenk für einen Jungen namens Tommy fand es besonders schön – und für wen wohl das in der kräftigen roten Farbe eingepackte ist? Auf dem Zettel stand, es wäre für ein Mädchen namens Liselotte. So durchstöberte es gedankenverloren Geschenk um Geschenk.

„Lavendel?“, fragte Marlene plötzlich in die Runde, „Ich weiß ich sollte gerade nicht stören, aber ich bin so schrecklich neugierig.“ Und Lavendel blickte zu Marlene, die fortfuhr: „Ich möchte so unbedingt gerne wissen, für wen dieses Geschenk ist, das als einziges keinen Namen daran stehen hat“ und deutete auf ein fein säuberlich eingepacktes Geschenk ohne Namensschildchen. Und da drehten sich wie auf ein Kommando alle Engelchen im Raum und auch das Christkind zu Marlene um und starrten es an, so dass es ganz rot wurde und verlegen lächelte: „Ich kann auch ein ander mal fragen!“. Doch da stürzte Lavendel schon auf Marlene zu und hielt das Geschenk ohne Namen lange in der Hand. Dann bewegte es das Paket ganz vorsichtig aber bestimmt hin und her und es erklang von Innen ganz leise, aber sehr vertraut, der feine Klang einer Glocke.