Zwerg Martin und die abhanden gekommene Glocke (2)

{Dies ist die Fortsetzung von Teil 1}

Die Tage vergingen und seit der Weihnachtsmann Zwerg Martin nach der Glocke gefragt hatte war dieser erst so richtig schlecht gelaunt. Er tat also das, was er immer tat, wenn ihm nichts mehr einfiel: Er meldete sich krank. Gastritis ging immer durch unter Zwergen, auch wenn einem das keiner abnahm, konnte man schwer was dagegen vorbringen – so von offizieller Seite aus. Was aber auch alles vollkommener Blödsinn war, denn der Fall, dass ein Zwerg sich krank meldete obwohl er nicht krank war, den schuf quasi Martin in seiner bisherigen Dienstzeit als Präzendenzfall, denn Zwerge waren zum einen wirklich selten krank, zum anderen nicht freiwillig – aber Martin war eben etwas eigen, wie man ja zwischenzeitlich wusste. Also war Martin offiziell eben krank, was den Weihnachtsmann dazu brachte – im Übrigen auch das erste mal in der aufgezeichneten überlieferten Geschichte – dass dieser bei Erhalt der Krankheits-Nachricht einen Gegenstand (der im Übrigen nicht näher benannt sein soll) „so heftig gegen die Wand warf, dass selbiger nicht wieder rekonstruirbare Beschädigungen erlitt“ (aus dem Reparaturbericht der Werkstatt).

Aber Martin wusste auch, dass er aus der Nummer nicht so einfach rauskam: Ohne Glocke kein Weihnachten, jedenfalls nicht so wie man das kannte. Wie der Heilige Abend genau ablief, das war Martin – wie er nun bei der 34ten Wiedergabe von Don Holi – Diggin‘ Dead or Alive (ein Song, der gerade exzellent seine schlechte Laune unterstrich) feststellte – eigentlich überhaupt nicht klar. Für ihn gab es da einige gerade unglaubliche Ungereimtheiten in der Geschichte. Da war zum einen die Sache mit dem Weihnachtsmann an sich und was das alles mit einem Christkind zu tun hat. Letzteres brauchte jedenfalls dieses Glockendings um am Weihnachtsabend die Geschenke zu verteilen und mit dem Klingeln der Glocke irgendwie den eigenen Abgang einzuläuten. Was aber der alte Dicke da mit im Spiel zu suchen hatte, wurde ihm immer unklarer, je länger er drüber nachdachte. Irgendwie wurde das wohl – anders konnte Martin sich das auch nicht erklären – in den vergangenen Jahren rationalisiert oder umorganisiert oder harmonisiert wegen internationale Zusammenarbeit oder irgendwie so etwas. Jedenfalls war der Weihnachtsmann mal so im Früh-Dezember dran und Christkind machte das Weihnachtsgeschäft, aber dann war da irgend so ein Land dass wohl vor allem offene Kamine massiv verkauft hatte und nun den dicken alten darum bat doch dort runterzurutschen und die Geschenke brav dort abzuliefern. Vielleicht war es auch wegen Deals mit der Kaminreinigung, aber Martin wollte da lieber auch gar nicht zu tief nachdenken drüber. Jedenfalls waren die in dem Land auch nicht so mit dem Termin einverstanden und nach langen Debatten dachte man könnte man doch auch gleich so ne Art Nachfeier machen statt immer Abends den ganzen Streß zu machen. Jedenfalls war dann plötzlich das Christkind arbeitslos und musste sich als Beistell-Engel was zuverdienen – das dachten zumindest einige. Die ganze Geschichte brachte irgendwie alle durcheinander – Engel, Weihnachtsmann, Rentiere, Nikolaus und dann waren eben irgendwann die Zwerge auch mit im Boot, die angeblich die ganzen Geschenke in so einem versteckten Industriegebiet am Nordpol produzieren sollten. Das war natürlich hanebüchener Unfug, aber es ließ sich als Story gut verkaufen. Der Nikolaus machte nun also auf Weihnachtsmann, trieb seine Rentiere durch die Gegend, machte paar Deals mit namhaften Getränkeherstellern und Einzelhandelsketten und hatte nicht viel mehr zu tun als in die Kamera zu lächeln und „Ho Ho Ho“ zu rufen. Die Zwerge, die ja offiziell die Geschenke produzierten, mussten da auch auf Anfrage immer da sein, hatten aber faktisch die ganze Zeit eben nichts zu tun. Und am Weihnachtsabend machte das Christkind die Runde, durfte aber eben nicht gesehen werden, damit der ganze Schwindel nicht aufflog – und genau da kam eben diese Glocke wieder ins Spiel.

Die Glocke war im weitesten Sinne sowas wie ein ziemlich sensibles Sensorendings, das so eingestellt war, dass Christkind, Engel und Geschenke sofort vaporisierten, wenn Menschen den Raum betraten, das Klingeln deaktivierte die Marker auf den Geschenken und sorgte gleichzeit für ne Art Teleport-Funktion. Sehr clever also: Mensch rein, Christkind weg – und damit sich das auch rumspricht gleich die Geschenke mit futsch. Das braucht man dann nicht groß anzukündigen, das wenn einmal passiert ist das Mythen- und Legendenbildung pur. Christkind & Co. können also in Ruhe arbeiten – solange es die Glocke gibt. „Eigentlich gar nicht so schlecht“, dachte Martin so vor sich hin, „wenn man mal so in Ruhe drüber nachdenkt, so ganz objektiv gesehen.“ Was er vielleicht damals auch schon hätte tun sollen – damals nach dem Get together, das jedes Jahr nach erfolgreichem Fest mit Weihnachtsmann, Christkind, Engeln, Zwergen und namhaften Vertretern der Industrie abgehalten wird.

Klar hatte Martin mitbekommen, dass der Weihnachtsmann ihm sagte, nimm das Ding mit, es sei richtig wichtig und er (Martin) sollte es dann wieder rüber zu den Engeln schicken, die es ihrerseits neben den anderen Ausstellungsstücken hatten stehen lassen und Martin mit Roland und paar anderen mal wieder die letzten waren, die gingen. Aber hat er (Martin) eben nicht gemacht. Das ist irgendwie sein Fehler gewesen, ok, aber wer hatte das Ding denn stehen lassen? Die Engel. Und wenn es so wichtig war, warum hat es dann der Alte nicht selbst an sich genommen? Man kann doch nicht so im Vorbeigehen sagen „Nimm du es, ist wichtig!“ aber sich selbst nicht kümmern. Und außerdem hatte er am nächsten Tag (vielleicht waren es aber auch zwei Tage gewesen) nachgesehen und ging extra noch mal zum großen Saal, aber da war eben nichts mehr da. Dachte er eben, dass hätten eben die Engel selbst geholt oder sowas – da kann man doch nicht ein ganzes Jahr warten und dann einen auf Herausgabe machen. Blöd wäre eben, wenn irgendeiner aus der Industrie das dann hat beim Rausgehen mitgehen lassen, das wäre echt ein Problem, aber hey! Man kann ihm (Martin) doch keinen Vorwurf machen, wenn irgendeiner hier auf Langfinger gemacht hat von den feinen Gästen.

Martin merkte, wie er gerade richtig sauer wurde, warum er eigentlich für andere nun den Kopf hinhalten sollte. Da würde er nicht mitmachen, das ginge gar nicht. Aber der Gedanke an die „Anhörung“, wie er die Bitte des Weihnachtsmanns um ein Gespräch nannte, machte ihm dennoch ein verdammt ungutes Gefühl. So ganz mit leeren Händen da auftauchen ist auch keine gute Szene, da mag man Recht haben wie man will, aber das sieht kacke aus und du bist gleich in der Verteidigungsrolle, da kommt man dann gar nicht mehr raus. Aber er hatte da eine Idee, er war ja ein durchaus kluger Zwerg, auch wenn das hier keiner so richtig zu schätzen wusste, und früher wollte er eh immer sein eigenen Geschäft aufmachen, damals fehlte ihm nur die Idee, die aber sicher mal gekommen wäre im Laufe der Zeit … naja, dann kam eben die Sache mit der Einberufung.

Jedenfalls hatte er eine Idee und dazu brauchte er Zeit und deswegen ließ er das Gespräch mit dem Weihnachtsmann auch mal platzen (… und 1 oder 2 weitere). Dann kam es allerdings – schließlich wurde es mit Weihnachten nun wirklich richtig eng so langsam – zur echten Aufforderung zum Erscheinen zur offiziellen Anhörung. Übrigens die erste offizielle Anhörung dieser Art seit 418 Jahren, damals hatte ein Zwerg namens Rotbart unter Einfluß von Alkohol das halbe Zwergenheim abgefackelt. Seitdem war Alkohol im Zwergenheim auch strengstens untersagt worden, worüber im Übrigen Martin selbst wahrlich nicht erfreut war, denn es war nun äußerst schwierig an Alkohol ran zu kommen.

to be continued / hier weiter zur Fortsetzung Teil 3