Zwerg Martin und die abhanden gekommene Glocke (3)

{Dies ist die Fortsetzung von Teil 2}

Der Raum in dem die Anhörung stattfinden sollte war ziemlich groß und trotzdem wirklich bis auf den letzten Platz besetzt, was Martin dann fast klar war, schließlich war so ein Zwergenheim an Höhepunkten arm und so eine Anhörung war eben auch lange nicht vorgekommen. Worum es ging sollte eigentlich nicht vor der Anhörung öffentlich werden, aber wozu braucht man Feinde, wenn man Freunde hat, und so tat sich insbesondere Roland als einer der begehrtesten Zeitzeugen hervor, der jeden der es hören wollte (und ihm bisschen was zusteckte) in den schillerndsten Farben das erste Gespräch mit dem Weihnachtsmann berichtete inklusive diverse zum Teil nach Tageslaune mutierende Erläuterungen, was mit der Glocke tatsächlich wahrscheinlich passiert sei. Als tragfähigste Versionen setzten sich durch: Die Story mit dem diebischen Industriellen, der das ganze Fest verhindern wollte um Halloween als Konkurrenzprodukt neu durchzustarten, dann die Version mit dem Zwerg aus dem Reinigungstrupp, der die Glocke stahl und dann verhöckerte um sich abzusetzen (basiernd auf der Tatsache, dass kurz danach tatsächlich ein Zwerg den Dienst quittierte, allerdings ignorierten die Anhänger dieser Theorie, dass der besagte Zwerg dann schlicht einen anderen Dienst antrat und das sogar in der selben Gegend), und schließlich die absolut quere Verschwörungstheorie, die von einer geheimen Organisation der Engel handelte, die die Glocke selbst stahl um dann die Herausgabe vom Weihnachtsmann zu verlangen und weil er dass dann nicht kann ihn deswegen zu stürzen um so das Fest wieder zurück zu bekommen.

Doch das alles war in diesem Moment vollkommen unwichtig, der Weihnachtsmann erhob sich (er trug im Übrigen nicht den roten Mantel, es war ja gut geheizt im Saal) und Martin stand wie bei diesen amerikanischen Gerichtsfilmen mit Schauspielern wie Spencer Tracy vor einer Art Tribunal. „Martin“ sagte der Weihnachtsmann, „ich mach es kurz: Du weisst warum wir hier sind, was hast du uns zu sagen?“ Das nun fand Martin nahezu unsportlich kurz. Er erwartete jetzt keine ergreifende Rede, aber doch bisschen ausholen über das was geschah, so ein Abriß der letzten Jahre, Bedeutung der ganzen Thematik, Hintergrund über so eine Anhörung im Allgemeinen und Besonderen, das wäre schon angebracht gewesen. Entsprechend unvorbereitet traf die Antwort auf die Frage: „Ähm, wie?“ Was strategisch unklug war, wahrscheinlich zu lässig und man hätte daraus schließen können, dass Martin die Sache nicht wirklich richtig ernst sei – was irgendwie ja auch stimmte und auch wieder nicht – jedenfalls lief Weihnachtsmann gleich wieder rot an und Martin dünkte, dass eine unmittelbare Fortsetzung seiner Ausführungen vielleicht strategisch ganz gut passen würden. „Also das mit der Glocke kann ich mir spontan also überhaupt nicht erklären und ich bin mir auch nicht sicher, wie das damals noch war und vielleicht sollte man da auch noch mal die ganze Sache …“ Martin war kein Mensch mit sonderlichen empathischen Begabungen, aber dass der Ansatz bisher nicht dazu beitrug, die Lage zu entspannen wurde ihm selbst klar. „… wie dem auch sei, ich habe hier was dabei, was die Sache wieder entspannen dürfte“. Und dabei hielt er eine Art Knopf in die Höhe, was es immerhin schaffte, im Saal eine größere Unruhe zu erzeugen, geprägt von rückenden Stühlen und Bänken, weil Leute versuchten besser sehen zu können und sich gegenseitig zu erklären versuchten, was das wohl sein könne. Da sich die Laune des Weihnachtsmannes aber nicht unbedingt in Richtung neugieriger Gespanntheit zu entwickeln schien, wollte Martin nicht übertreiben mit dem Spannungsbogen. „Es ist eine – von mir übrigens entwickelte – Art Sensor, der in der Lage ist, Menschen auf 10 Meter zu erkennen und durch ein entsprechende Diodenanzeige anzuzeigen und …“ – und diese Pause gönnte sich Martin dann doch – „durch eine weitere Anzeige ein Näherkommen zu signalisieren, was gewissermaßen die Funktion der Glocke kompensiert.“. Eine Mischung aus Gemurmel aber auch anerkennenden Raunen setzte ein. Martin begann eine gewisse Zufriedenheit in sich aufsteigen spüren, bis er nun mit einem siegesgewissen Lächeln nach einem Rundumblick nun den Blick des Weihnachtsmannes wieder suchte.

Roland stand neben ihm, als Martin die letzten Sachen aus seiner Schublade in seinen Koffer verstaute. „Ich finde das nicht richtig, dass du gehen musst! Du musst da was gegen machen, Martin, da gibt’s doch bestimmt irgend so was wie Berufung oder so!“ … doch Martin war das alles gar nicht so unrecht eigentlich. Manche Dinge müssen eben unfreiwillig enden, dachte Martin, wenn man es freiwillig nicht auf die Reihe bekommt das richtige zu tun. Und hier raus zu kommen wäre eigentlich schon lange das richtige gewesen, eigentlich war Martin sogar froh. ‚Gut‘, die Predigt vom Weihnachtsmann vor versammelter Mannschaft hätte er sich gern erspart und auch wenn er wohl im Grunde nach recht gehabt hatte, dass es hier gar nicht um das finden irgendeiner Alternativlösung gegangen sei, sondern um Verantwortung und Ehrlichkeit und den ganzen Kram eben – aber das hätte man vielleicht auch irgendwie anders kommunizieren können, fand Martin. Aber als dann noch dieser Johannes die Glocke auf den Tisch stellte, die er selbst damals „treusorgend“, wie er zu Protokoll gab, am nächsten Morgen an sich genommen hatte, bevor sie noch abhanden käme, war Martin ihm beinahe über den Tisch an die Gurgel gegangen. Aber nun alles schon wieder Vergangenheit und am Ende stand, dass alle Seiten es für das Beste hielte, wenn man getrennte Wege ginge. Das war kein echter Rauswurf also, so mehr so eine Vernunftstrennung auf Gegenseitigkeit, wie Martin fand. Am Ende hatte ihn der Weihnachtsmann sogar die Hand noch gegeben und ihm alles Gute für die Zukunft gewunschen. Nun war eben Zeit zu gehen und das tat er. …

Nun saß Martin in seiner neuen Bude, die sein Oheim ihm vermitteln konnte (der die Sache übrigens weit besser aufnahm, als er dachte, ja sogar irgendwie den Eindruck machte, er sei auch an allem irgendwie mit verantwortlich), schaukelte auf seinem Schaukelstuhl und starrte auf den kleinen offenen Kamin, der direkt neben dem kleinen Weihnachtsbaum vor sich hin flackerte. Es war heute Weihnachtsabend und Martin wusste nicht wirklich genau, wie es weitergehen sollte, aber es war eine positive, ja fast aufgeregte Unwissenheit, wie vor einer langen spannenden Reise. Faszinierenderweise war Martin auch nicht mehr so schlecht gelaunt, was ihm sogar selbst auffiel.

Er musste eingeschlafen sein, denn das Feuer war deutlich runtergebrannt, verbreitete aber noch Licht und Wärme. Er streckte sich – eine gute Zeit sich gleich noch mal hinzulegen, dachte er, es musste ja mitten in der Nacht sein, als er ein Ding unter seinem Baum entdeckte. Etwas rammdösig nahm er es in die Hand, eindeutig ein Geschenk. Er setzte sich wieder und packte es aus. Es war eine Flasche von in Zwergenkreisen äußerst geschätztem Zwergentee mit Schuß und dabei eine Nachricht. Sie war vom Weihnachtsmann:

Lieber Martin,

frohe Weihnachten und für deinen weiteren Lebensweg alles Gute.

Dein Weihnachtsmann

P.S. Ich hoffe der Zwergentee schmeckt dir, ich trinke ihn auch ganz gern – aber das bleibt unter uns.

P.P.S. Nur falls es dazu kommt: Ich bestelle vorsorglich 10 deiner Detektoren und dazu noch eine Option auf 20 weitere. Lass es mich wissen, wenn du das mal als Art Geschäft machen solltest, dann überweisen wir dir eine Anzahlung.

Martin öffnete die Flasche und goß sich ein Glas ein, erhob sein Glas und prostete in die Luft „Prost, Dicker, auf Dein Wohl“ und grinste dabei von einem Ohr zum andern „und frohe Weihnachten!“.