Zielpublikums Silvesteransprache

Liebe Leserinnen und Leser, … oder so ähnlich muss dann so eine Ansprache beginnen üblicherweise, mit – je nach aktuellem Anlass – mildem Lächeln oder ernster, aber entschlossener Mimik vorgetragen. Doch dafür hab ich weder Mittel noch Zeit gerade, dennoch will ich schreiben.

2008 war ein ziemlich durchwachsenes Jahr für das Bloggen. Man hat sich im Wesentlichen nicht viel bewegt, das einzige was passiert ist, ist die geringere Aufregung zwischen den Bloggern und weniger naive Aktionen und entsprechend meist eher kompliziertere Rechtsproblematiken im Zusammenhang mit Abmahnungen. Allein der „Rechtsstreit“ zwischen einem bloggenden Journalisten und dem DFB-Präsidenten wegen einer vermeintlich verunglimpfenden Äußerung in einem Kommentar (sic!) beschäftigte noch die Gemüter. Dabei ist zwar der Anlass schon wert, mal über Sinn und Unsinn von solchen öffentlichen verbalen und juristischen Scharmützeln nachzudenken, für mich viel interessanter war dabei aber etwas ganz anderes: Awareness.

Diese Awareness im Sinne von Public Awareness, also die Schaffung von Bewusstsein der Öffentlichkeit für ein Thema, war mindestens in den ersten Jahren des neuen Jahrtausend und gerade im Zusammenhang mit neuen Medien und auch Blogs das Thema schlechthin. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu sein und insoweit auch wahr genommen zu werden, schien das Ziel schlechthin zu sein. Nun, das haben wir nun wohl – aber ob wir es so wollten?

Ganz klar sind wir – und damit meine ich die „nicht journalistischen“ Schreiberlinge aka Blogger im Netz – nun im Radar der Medien und damit auch der Öffentlichkeit. Gerade auch bei unserem Clubfans Blog weiß ich, dass Journalisten lesen, was wir so schreiben und welche Themen wir pushen. Aber neben den Medien als Zweitverwerter unseres Geschreibsels, als authentischer Blick auf den Puls der Zeit, schauen eben noch andere auf uns, wie eben Unternehmen, Rechteverwerter – und -bewahrer, Marktforscher, Politik-Berater und eben auch DFB-Präsidenten. Ich bin mir nicht immer sicher, ob sich jeder diese Art von Aufmerksamkeit vorgestellt hatte. Viele sahen das wohl romantischer, ruhmreicher, rebellischer. Die Welt hat die Blogs eingeholt, das ist eigentlich alles.

Apropos rebellisch: Das las ich auch von einem bloggenden Journalisten diese Tage, dass das am Anfang bei Erstkontakt mit Blogs so toll gewesen war, diese Rebellische. Ging mir irgendwie ja auch so. Aber – vielleicht war es die Zeit, vielleicht ist es auch nur die eigene Wahrnehmung – die Rebellion ist deutlich übersichtlicher geworden, zu leicht entpuppen sich die Worttäter als Papiertiger, die Reformatoren als Eintagsfliegen und die Punks als Blogmanager vor dem ersten Festgehalt. Man kann Blogger in der Regel eigentlich viel zu leicht einschüchtern und verschrecken, demotivieren und frustrieren – und manchmal auch kaufen oder zur Not eben einfach platt machen, da reicht ja oft die Klageandrohung schon aus. Und ich habe Verständnis dafür.

Dieses Jahr fühlte ich mich persönlich schon einige mal in meinem bloggenden, oder sagen wir besser „schreibenden“ Dasein am Scheideweg. Mal wegen persönlicher Gründe, mal wegen rechtlicher Hintergründe, mal wegen Netzfrust an sich und ein ander mal vor der Sinnfrage stehend. Die Entscheidung fiel bisher immer pro „weitermachen“, bisweilen aus Bequemlichkeit etwas anders zu machen, manchmal durch gutes Zureden, manchmal weil einfach die Zeit vieles heilt, wenn man etwas nicht übers Knie bricht. Am Ende steht aber immer eines, und darauf werde ich gleich noch kommen.

2009 scheint wie ein Tsunami auf uns zuzukommen – jedenfalls wenn man den Prognosen glauben mag. Wenn man so sich umsieht, ist doch eigentlich alles friedlich und von Krise keine Spur. Aber sie scheint wohl anzurollen und man mag gar nicht dran denken, was es bedeuten würde, wenn die Welle tatsächlich aufschlägt. Aber wer kann das schon mit Sicherheit sagen?

Ich denke, man wird vor allem an sich selbst glauben müssen. Das verspricht zwar nicht, dass man deswegen vor allem gefeit ist, aber nur wenn man in seine eigenen Fähigkeiten Glauben setzt, wird man auch bei schwierigem Umfeld nicht die Nerven verlieren. Viel ist in diesem Wirtschaftssystem auf Phantasie und der Meinung Dritter aufgebaut: dem Berater, den Gläubigern, den Aktionären, den Händlern. Harte Fakten sind vielleicht noch im Kalkül, doch eigentlich zählt doch, ob die Firmen an ihre Produkte glauben (und glauben können), die Dienstleister an ihre Leistungen und die Investoren ihrer Investition eine Zukunft schenken, weil sie von einer Zukunft überzeugt sind.

Uns so wird man auch im Schreiben sich nicht darauf verlassen können, was andere in einem sehen oder ob andere an einen Glauben oder ob man die Erwartung anderer erfüllt. Zuspruch und guter Rat sind ganz wichtige Dinge im Leben, wie auch Kritik, am Ende aber wird entscheiden, ob man an sich selbst glaubt, wenn es um die ganz existenziellen Dinge geht. Nur wenn man überzeugt ist, dass man das richtige für sich macht, wird man auch schweren Wellengang überstehen – im Leben wie im Bloggen.

Ich fühlte mich dieses Jahr am Scheideweg unter anderm in der Richtung, ob ich dieses Blog nicht noch viel mehr auf mich persönlich zurückziehe und alle allgemeinen Themen auf das eigentliche Konzept „Zielpublikum“ auslagere – um eine stringentere Trennung von Person und Meinung, von Einsichten und Ansichten zu haben. Vielleicht mache ich das auch, ich bin da noch gar nicht durch, gerade auch weil diese Art des Bloggens, das ich zur Zeit betreibe, dieses Bloggen frei nach Schnauze und mit der Freiheit auch mal ein Gedicht zu schreiben und dann wieder eine Review, immer sehr angreifbar und erklärungsintensiv ist. Es ist viel leichter ein gnadenloses Geschäftsmodell zu machen oder ein stringentes Nonsens-Blog als eine Mischung, die einen dann selbst wiederspiegelt. Aber vielleicht ist das ja auch eine Erkenntnis, dass zu viel Authentizität gar nicht so gut ist.

Ich wünsche jedenfalls allen Lesern einen guten Rutsch und einen guten Start in ein vielleicht turbulentes Jahr 2009. Vielleicht wird alles auch gar nicht so heiß gegessen, wie es gerade gekocht wird – die Vogelgrippe ging ja auch an uns vorbei ohne halb Europa dahinzuraffen und der Jahrtausendwechsel stürzte uns auch nicht in Computer-Chaos. Und wenn es doch mal schwieriger wird – vielleicht findet man dann eben heraus, wer an einen wirklich glaubt und mit wem man schwere Zeiten durchstehen kann.