Digital Natives

Als wir damals uns ins Internet einwählten (so hieß das damals noch), gab es verdammt wenig zu sehen, mehr die Idee was wohl kommt als Inhalt und es war dazu noch richtig richtig richtig teuer. Ich glaub – aber nagelt mich nicht fest – es waren im worst case 40 Pfenning pro Minute (100 Pfenning = 1 Deutsche Mark, falls das jemand nicht mehr so drauf hat, 40 Pf. entspricht also rechnerisch ungefähr 20 Cent, gefühlt 40 Cent). Das setzte sich zusammen aus der Telefongrundgebühr (man zahlte da noch Einheiten pro Minute, Flatrates waren Ammenmärchen), zzgl. eine minütliche Gebühr für Btx, plus Btx plus plus Internet (10 Pfenning gleich nochmal extra). Das war noch Leidenschaft und pure Neugier, das ging richtig ins Geld und meine erste eigene Website (aka Homepage) war purer Luxus oder eben ein Jonglieren mit ständig kommenden und gehenden Gratiswebspace (zu meiner ersten Hoch-Zeit baute ich meine Homepage aus 3-4 verschiedenen Webspaces zusammen).

Da dachte man: Hey! Wir sind quasi die Pioniere im Cyberspace, wir sind die Beta-Tester für die Grundlagen – aber die, die danach kommen, die werden sich nicht um Grundlagen kümmern, die wachsen damit auf. Das ist wie bei der Erfindung des Automobils – die ersten sorgten dafür, dass ein Auto überhaupt fährt und die Lösung grundsätzlicher Fragen, aber heute geht es nicht mehr um das Auto, heute ist die Frage Mobilität – nicht das Auto an sich ist die Frage, sondern was man auf Basis der vorhandenen und gesellschaftlich selbstverständlichen Mobilität schafft.

Aber was machen dieses Digital Natives, die Generation, die mit und im Internet aufgewachsen ist nun mit den Möglichkeiten? Die, die losgelöst von Grundsatzfragen sich rein auf die Entwicklung und Auslotung von Grenzen konzentrieren können? Die kreativ einfach aus dem Füllhorn der Möglichkeiten schöpfen könnten? Nix!

»Wo sind sie, die „Digital Natives“?« via Sympatexter rules the word.

Eigentlich wollte ich ihn an den Schultern packen und durchrütteln. Ob er denn nicht wisse, dass er zur Generation der „Digital Natives“ gehöre? Dass er das Internet mit der Muttermilch aufgesogen habe und sich da gefälligst besser auszukennen habe als ich! Dass er die Speerspitze einer neuen, basisdemokratischen Bewegung zu sein habe. Ich wollte ihn ohrfeigen und fragen, ob er die letzten Jahre geschlafen hätte. Aber er kam mir zuvor und sagte, dass sie erst seit ein paar Wochen Internet zuhause hätten.

[…]

In letzter Zeit fällt mir häufig auf, dass die junge Generation im Großen und Ganzen keine Ahnung vom Internet hat. Wer auch immer den Begriff „Digital Native“ für die Generation nach (sagen wir mal…) 1990 geprägt hat, hat eigentlich nur einen Wunschtraum erschaffen, ein Web 2.0 Märchen. Das einzige, das die Teens heute am Internet interessiert, ist Chatten und Musik von einer Festplatte auf die nächste zu wuppen. Dann noch eine Prise MySpace („boah, ne, das ist voll out“) und Schüler- oder StudiVZ. Aber selber bloggen, regelmäßig Blogs lesen oder (oh weh, sogar kritisch) kommentieren? Eine eigene Domain oder Homepage verwalten und dort eigene Inhalte veröffentlichen? Meinungsbildung vorantreiben oder womöglich sogar bei Wikipedia mitschreiben? Medienkompetenz? Fehlanzeige. Mein Eindruck ist, dass sich das auch nicht so bald ändern wird.

Judith trifft da den Nagel auf den Kopf, den ich damals schon auch so erlebte: Und was machst du so im Internet »Mit Messenger quatschen. Videos schauen. Was mit Google suchen.«