Und wieder das leidige Thema Bloggerverband

Und immer wieder gehen die gleichen Themen auf und zu. Heute: Brauchen wir einen Bloggerverband.

Stefan Evertz greift das Thema “Gründung eines Bundesverbandes deutschsprachiger Blogger” (mit Verweis auf wordcamp.de) auf und zieht nach Abwägung einzeler Aspekte sein Fazit:

Warum ein Bloggerverband keinen Sinn macht | hirnrinde.de.

Es kann sicherlich nicht schaden, einige Grundregeln bzw. Merksätze zusammenzutragen, die ein Blogger beherzigen sollte. Möglicherweise könnte genau das auch das zentrale Ziel einer Interessengemeinschaft (oder Arbeitsgemeinschaft) sein. Und diejenigen Ressourcen, die man sonst für Formalia wie Vereinsgründung, etc., brauchen würde, wären vermutlich in einem solchen “Bloggertipps-Projekt” besser aufgehoben.

Oder man könnte einen Teil der Energie auch in eine Petition packen, wie sie Frank Hamm unter “Pressefreiheit und Medienfreiheit: Petition an den Bundestag zur Grundgesetzänderung” gestartet hat.

Beide Wege scheinen mir sinnvoller zu sein, als hier akute Vereinsmeierei ausbrechen zu lassen…

Wenn ich das Thema nur lese, kommt mir schon die Galle hoch. Und nun nicht – surprise! surprise! – weil ich auch die Vereinsmeierei so schändlich fände, sondern weil mich gerade im Umkehrschluss die fehlende solidarische Grundhaltung ankotzt.

Warum ich da so schnell so hart ins Gericht gehe? Weil ich das Thema (für mich) schon durch habe. Und damals war man schon gedanklich so weit, dass es kein Verein sein solle (wegen Vereinsmeierei) sondern eine reine Interessengemeinschaft. Und mein damaliger Abschlußbericht war für mich noch desillusionierender als er sich liest:

Interessengemeinschaft Bloggen – Vorläufiger Abschlußbericht

Die Diskussion um eine »IG Bloggen ohne Angst« (bedeutungsschwangerer Arbeitstitel, danach zum pathetischen »Club der freien Blogger« umtituliert ohne sonderliche Auswirkungen) wird meinerseits hiermit beendet – wenn das klinisch überhaupt möglich ist, denn was nicht lebt kann auch nicht animiert oder reanimiert werden.

Zwar gab es durchaus interessante Einwürfe in den Kommentaren, der Quervergleich zwischen Zugriffen und Resonanz zeigt aber eindeutig: Das Thema geht den meisten am Arsch vorbei nicht sonderlich nahe. Parallel lief 2 Wochen lang eine kleine Umfrage »Sollen sich Blogger organisieren?« mit 34 Stimmen. 34 Stimmen, die das Thema als so wichtig erachteten, sich die Mühe zweier Mausklicks zu machen (ohne Pathos, nüchtern festgestellt). Nichts Neues also, auch der Blogbote verzeichnete ehemals 13 Kommentare auf seinen offenen Brief.

Noch bevor auch nur eine gemeinsame Position diskutiert wurde, wurde schon klar, dass es einfach an Solidarität und Engagement fehlt, so lange die eigene Hütte oder die des Bloggerkumpels nicht brennt. Bisschen aus der Ferne mal Mut machen und ganz entrüstet einen eigenen Blogbeitrag formulieren um bei Rivva mit gelistet zu werden, aber ohne selbst sich in die Schußlinie zu bringen, aber Solidarität, die was kostet? Und sei es nur einen Kompromiß in Positionen? Never!

Daher sehe ich die Entwicklung noch negativer als Stillstand. Es wird vielleicht über kurz oder lang so einen Verband geben – aber besetzt von Leuten, die eben Verband und Verein geil finden. Die eigentlichen Eckpfeiler und die breite Masse schwimmen außen rum, desinteressiert oder pöbelnd oder dauernörgelnd. Die Chance einer Solidargemeinschaft wurde längst vertan, die Anfangseuphorie ist längst verflogen und Bloggersdorf hat sich in Distrikte mit autonomer Selbstkontrolle zerteilt, sauber getrennt durch dogmatische Grundsatzdifferenzen oder persönlicher Animositäten.

Egal was jetzt noch kommt in der Richtung, das wird nichts mehr.

Oh weh, das ist ja schon ne Artikel-Epedemie dazu ausgebrochen, sehe ich gerade bei RIVVA:

Exemplarische Artikel:
Blogger-Gewerkschaft, Blogger-Fonds oder IG Blog
IG Blog, Gründung einer IG für Blogger, bitte abstimmen
Gewerkschaft, IG, Verein: Was bringt ein Blogger-Verband?

Ausgangspunkt der Diskussion ist die Abmahnung von netzpolitik durch die Deutsche Bahn – aber es sind eben immer Einzelfälle und der Grad der Empörung in Rest-Bloggersdorf richtet sich nach dem Polarisierungsgrad der beteiligten im Abmahnring. Am Ende wird sich alles wieder zerlaufen und was bleibt ist viel Rauch um nichts. Die Zeiten für Solidarität sind eben noch nicht hart genug.

Nachtrag:
Sascha Lobo sieht das etwas anders und sieht schon die Morgendämmerung der Bloglandschaft

Das Wort “Renaissance” impliziert mir etwas zu stark, dass zwischendurch überhaupt gar nichts los war, das stimmt natürlich nicht. Aber irgendwie geht gerade eine Sonne auf, daher trifft das Wort Morgendämmerung, zumindest ein wenig. Ich glaube, dass es dafür zwei Gründe gibt – eigentlich eine Vielzahl von Gründen, aber zwei stechen heraus. Interessanterweise sind beides nicht unbedingt wirtschaftliche, sondern gesellschaftliche Gründe.

Die Worte les ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Oder anders ausgedrückt: Ich sehe durchaus auch ein „faszinierendes Potenzial“, das sich aus der Verschmelzung der drei Felder „Online-Medien, Blogs und Microblogging“ ergeben, aber ich hoffte einst, die entscheidenden Impulse kämen von unten und eben nicht von oben oder von den einst so „verhassten Feinden“, den Journalisten und Medien. Wen man revolutionieren wollte, den hat man erst zum Investor gemacht und ihn nun zur feindlichen Übernahme freundlich eingeladen.