Pränataldiagnostik und die Angst

Julie spricht da ein Thema an, das wohl alle werdenden Eltern wie ein Damoklesschwert über sich haben. Was ist, wenn bei der Frühdiagnostik ein Befund festgestellt wird? Wenn der Arzt sagt, da ist was nicht in Ordnung mit ihrem Baby. Ich habe diese Angst sehr lange bei beiden Kindern und sehr schwer mit mir rumgeschleppt, es lastete förmlich auf mir, bis – ja bis eigentlich mein Glaube und meine Zuversicht im wahrsten Sinne des Wortes endlich die Oberhand gewann.

Die Frage ist: Was ist, wenn? Aber eigentlich ist die Frage sogar schon vorher: Will ich es denn wissen?

Natürlich gibt es Dinge, die jedes Elternpaar, jede Schwangere mit sich selbst ausmachen muß, Entscheidungen, die einem niemand abnehmen kann, aber solche Sätze lassen mir jedes Mal wieder das Blut in den Adern gefrieren. Besonders die Kurzsichtigkeit, mit der gerade die Genanomalie Trisomie 21 als DAS Schreckgespenst herumgeistert. Es ist nur die bekannteste und mittlerweile, abgesehen von wirklich auffälligen körperlichen Schädigungen, mit am leichtesten zu diagnostizierende Krankheit, auf die sich die Pränataldiagnostik stürzt. Es gibt weitaus schlimmere Krankheiten, geistige Behinderungen beispielsweise, die nicht zu erkennen sind, außerdem gibt es für jedes lebende Wesen immer, IMMER, in jedem Augenblick, das Risiko, buchstäblich vom Schlag getroffen zu werden, von einem Dachziegel, von einem Irren, was auch immer. Das Leben ist nicht vorhersehbar. Ist jemand dann nicht mehr “normal”, behindert, ist er dann weniger wert? Müßte man ihn dann auch “wegmachen lassen”?

via Julie Paradise — “Wenn irgendwas nicht in Ordnung wäre,.

Leider fehlt mir bisschen die Zeit um das Thema vernünftig anzugehen, aber die Fragen, die wir uns auch bei beiden Kindern stellten begannen noch vor der Frage Was wäre wenn? Zum einen ist da die Sache mit dem Risiko. Viele Untersuchungen der Pränataldiagnostik bergen ein Risiko an sich und wer will schon um der Diagnose willen sein Kind gefährden? Zum anderen ist die Frage dann, was man mit so einer Diagnose anfängt. Die meisten Ergebnisse sind reine Wahrscheinlichkeiten – 70% Wahrscheinlichkeit auf offener Rücken hatten mal Bekannte als Diagnose – niederschmetternd, da brachen Welten zusammen, die Beziehung litt und die Schwangerschaft war sprichwörtlich die Hölle. Man holte sich eine zweite Meinung ein, alle empfahlen den Abbruch, die Abtreibung, obwohl bereits im 5. Monat. Die beiden entschieden sich gegen den Rat der Ärzte, ja gegen die ausdrückliche Empfehlung und Warnungen, das Kind ist heute 14 Jahre alt und wurde kerngesund geboren.

Was will man also mit der Diagnose? Abtreiben auf Verdacht? Auf eine Wahrscheinlichkeit hin? Und selbst wenn es sich um offensichtliche Behinderungen handelt – wer will sich das Recht herausnehmen das Leben des Kindes zu beenden? Lassen wir die frühschwangerschaftliche Abtreibung mal außen vor, es geht hier nicht grundsätzlich um das Thema Abtreibung, es geht um den Umgang mit Pränataldiagnostik und dessen Ergebnissen.

Wir entschieden uns damals, die Pränataldiagnostik auf ein Minimum zu reduzieren. Nur das zu tun, was Mutter und Kind wirklich brauchen oder um Komplikationen zu vermeiden.

Wir sind keine Helden, aber wir hätten die Entscheidung nicht fällen können zwischen Leben und Tod, daher wollten wir sie nicht kennen. Wir wollten das annehmen, was das Leben uns gibt, auch wenn es mein Albtraum gewesen wäre. Als meine Kinder gesund auf der Welt waren, habe ich meinem Schöpfer auf Knien gedankt.

Ich kenne diese Angst sehr gut, ich kann sie niemand abnehmen, keine guten Ratschläge geben, aber ich möchte es auch niemanden zu einfach machen – und genau das, so habe ich den Eindruck, machen manche Ärzte. Ist die Diagnose da, dann weg mit dem „Ding“, ist ja noch nicht auf der Welt, hat ja noch keinen Namen. Nein, so einfach geht das nicht, mit dieser Bürde muss jeder sich auseinandersetzen und seine Entscheidungen treffen.