Über die unglaubliche Leichtgläubigkeit des politischen Seins

In den 90ern hatten wir schon mal eine Justizministerin, die wollte im Internet jugendgefährdende Inhalte erst ab 23 Uhr anzeigen lassen – tolle Idee … lachte man … um die Frage entgegen zu stellen: „23 Uhr? Wo auf der Welt?“

Andere wollten Arcor & Co. dann zwingen Schmuddelvideo-Portale aus zu sperren, mit ebenso „Riesenerfolg“, weil man einfach den DNS-Eintrag für Serveradressen ändern konnte und schluß war es mit der Sperre, denn dann spielte man ganz einfach die Spielregeln eines anderen Servers, als den von Arcor.

Sollte man meinen, dass man solche Erfahrungswerte (umgangssprachlich: blaue Nasen) beim Umgang mit solchen Sperrversuchen sich irgendwie zu Nutze machen würde, aber weit gefehlt! Man macht das ganze sogar zum Politikum und verkauft es als politisches Aktion(ismu)s-Paket.

Und wenn es jemand nicht glauben will:
Internetsperre umgehen in 27 Sekunden – law blog

Am besten garniert mit dem schönen Zitat von Ursula von der Leyen, nachzulesen in der Netzzeitung:
Nur versierte Internet-Nutzer mit krimineller Energie können künftig Sperrungen von Seiten umgehen.

»„Nach unseren Erkenntnissen sind vier von fünf Menschen, die im Internet auf Kinderpornos zugreifen, Gelegenheits-Konsumenten. Die lassen sich durch ein Stopp-Schild abschrecken und geben ihr Vorhaben auf“, sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.« (Quelle: focus.de) – Ja, genau! So abschreckend wie Altersabfragen vor amerikanischen Websites. Auch da wird „natürlich“ jeder sofort in sich gehen und denken: „ohhh! da bin ich ja gar nicht alt genug! da geh ich doch schnell lieber zum Kinderkanal!“.

Aber auch jenseits von Sarksamus lässt sich eine Regierung von handfesten Erkenntnissen ausländischer Ermittlungsbehörden nicht abschrecken:

Die Polizei des Vorzeigelands Schweden hat hingegen im FOCUS-Interview Zweifel an der Wirksamkeit von Blockaden geäußert. „Unsere Sperrmaßnahmen tragen leider nicht dazu bei, die Produktion von Webpornografie zu vermindern“, bilanzierte der Chef der Polizeiermittlungsgruppe gegen Kinderpornografie und Kindesmisshandlung in Stockholm, Björn Sellström. Die Zahl der gesperrten Seiten habe sich seit der Einführung des Systems im Jahr 2005 auf 5000 erhöht. Zudem könnten Nutzer die Stopp-Seiten problemlos umgehen. (Quelle: Focus a.a.O.)

Keine Frage, auch ich wünsche mir ein saubereres Netz, aber doch bitte nicht mit so Kikikram. Man muss das Übel an der Wurzel packen, man muss die Anbieter eleminieren, nicht versuchen den Zugang zu blockieren, und man muss Aufklärung betreiben, die beim Nutzer ansetzt. Aber das ist mit so einer „Internetsperre“, die man ja sicher auch schön für noch viel bösere Sachen dann nutzen kann, wie bspw. für den Einsatz der wahren „Geisel der Menschheit“: Urheberrechtsverstöße gegen die Software-, Film- und Musikindustrie

Und weil genau das passieren wird, also man auch andere Seiten sperren will, die einem nicht passen, werden die versierten Internet-Nutzer mit krimineller Energie (= alle Jugendlichen und Durchschnittsinternetsurfer) sich von diesen Sperren zu entledigen suchen und damit ist der ganze schöne Schutz wieder im Lokus.

Herzlichen Glückwunsch, liebe Bundesregierung! Tolle Ideen, die ihr da habt oder die euch da von den Beratern verkauft wurden. Vielleicht solltet ihr mal mit Leuten reden, die sich mit sowas auskennen. Aber dazu fehlt ja, siehe oben, der politische Wille, weil man ja auch eigentlich nur bisschen Aktionismus verbreiten will, statt effizient gegen die Ursachen vorzugehen.

Ach ja, und wer sich wirklich als erziehender Elternteil oder sonstwie Verantwortlicher über wirksamen Schutz für seine Anvertrauten erkundigen möchte, der sollte sich eben mal lieber beraten lassen.