Zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Zeilen und Worten

Kennt das wer? Gesprochen ein Herz und eine Seele, gelesen wie ein rotes Tuch? Oder gelesen wie ein See aus Wahrheit, gesehen wie ein Sumpf aus Mittelmaß?

Der Anspruch und die Wirklichkeit besteht manchmal im Spagat der Zeilen und Worte. Ist das eine ernüchternde Erkenntniss? Oder doch eine Anerkenntnis? Eine Hommage an die neue Realität, die virtuelle, die uns eine Facette des Ichs zeigt, die wir vorher nicht kannten, außer man selbst in der Phantasie? Oder ein Abgesang dessen, was man Illusion nennt?

SL ist SL und RL ist RL – einer der wohl meistgelesenen Profil-Einträge deutscher Second-Life-User. Warum? Weil man es schätzt, dass man einmal in eine Realität seines Seins schlüpfen kann, in die man sonst aus dem Zwang der Konventionen nicht mehr kommt? Oder einfach eine Schutzmaske für all das, was man in der Realität – zu Recht – sich gesellschaftlich nicht zubilligt, ein Deckmantel im Schutz der Anoymität für Bosheit, Arroganz und Selbstgerechtigkeit?

In Foren lässt es CyberMaxs krachen, lässt Datenjunkiexxl mal den Akademiker-Gelegenheits-Schreiber über die Klinge springen – warum? Gehen diese Leute mit dem Vorsatz online, es anderen zeigen zu wollen? Gehen Jugendliche auf ne Kirmes, weil sie wissen, dass sie am Abend ihrer ganzen Aggression Lauf lassen werden? Oder passiert es, wie es auch online passiert, wenn es sich ergibt? Ein Spiel der Triebe?

Austeilen und einstecken, das ist die Übung, das Ergebnis die Abhärtung. Ob es das Maß an Anspruch und Wirklichkeit ist, das man suchte? Oder doch die gleiche Erkenntnis, die man spätestens nach dem ersten Korb der Liebsten, der ersten Faust im Gesicht oder der ersten Absage der Bewerbung machen musste?

Wer nicht aufhört, wie ein Kind zu denken, ist ein Idiot und ich beneide den Idiot dafür mit jedem Tag meines Lebens.