5 goldene Regeln des Boulevard-Journalismus – gekürt sei der Meister des Neo-Boulevard

So klappt der Boulevard im Interview:

1. Beginne dein Interview mit einer negativen Behauptung oder Wertung, das macht Stimmung von der ersten Minute an und sorgt für das nötige Adrenalin beim Gesprächspartner, wie bspw. „Sie sehen angestrengt aus, nagt an Ihnen das schlechte Gewissen?“ (Politik) oder „Ihnen scheint die Niederlage nichts auszumachen, vielleicht weil Sie Vorteile davon haben, wenn Ihre Mannschaft verliert?“ (Sport)

2. Konstruiere veralbernde Wortkombinationen und unterstelle sie dem Interviewten um ihn zu diskreditieren, idealerweise ist ein Bestandteil dabei sein Name, seine Funktion oder etwas Persönliches, manchmal reicht aber auch eine bekannte Floskel, wie „man nennt sie P0rno-Ralf“, „sie gelten als Kamikaze-Fahrer“ oder „sie sind bekannt als Mr. Chancentod“

3. Baue in deine Frage Wertungen ein, am besten indem das Scheitern eines Projekts trotz des komplexen Gesamtzusammenhangs auf ihn reduziert wird, wie „ihr Fehlschuß kostete ja die Meisterschaft“ oder „Der Absturz des Raumschiffs geht ja auf ihr Konto“

4. Würzen Sie die Fragestellungen mit eingestreuten Zitaten Dritter und konstruieren Sie daraus Behauptungen, auch wenn es maximal Hören-Sagen ist oder aus dem Zusammenhang gerissen, wie bspw. „Die Bevölkerung fordert ja schon lange Ihre Demission“ oder „Vom Präsidenten hörte man aus gut informierten Kreisen, dass ihre Tage gezählt seien“ (Hier darf es gern auch mal unter-der-Gürtellinie sein, beleidigend oder erniedrigend, Sie zitieren ja nur!)

5. Toppen Sie das Gespräch zum Ende hin, indem Sie peinliche Details aus dem Privatleben zitieren und Sie dies in Zusammenhang mit der Funktion des Befragten bringen (hier nicht zimperlich sein und auch mal gewagte Schlüsse ziehen), wie „Ihre Kontakte zum Rotlichmilieu sind ja bekannt, stammen die Kontakte zu ihrem Geschäftspartner aus dieser Zeit?“ oder „Sie gelten ja als besessener Kartenspieler, zocken Sie vielleicht auch mit Sportwetten?“

Aber wozu soll man versuchen den Boulevard zu begreifen, wenn man Spiegel Online hat? Die neuen Meister des Neo-Boulevard.

SPIEGEL im Gespräch mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (Auszüge)

Zu 1.:
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wie fühlt man sich als Verlierer?

Zu 2.:
SPIEGEL: Uns kommen Sie vor wie der Pannen-Ministerpräsident Nummer eins.

Zu 3.:
SPIEGEL: Ihre jüngste Pleite trägt den Namen Porsche. Der kleine Sportwagenbauer aus Zuffenhausen hat mit Ihrer Hilfe versucht, den Riesen VW zu schlucken. Das Ergebnis dieses Versuchs ist erbärmlich[…]

Zu 4.:
SPIEGEL: Angela Merkel macht ganz gern einen Witz auf Ihre Kosten.
SPIEGEL: Auch im Rest der CDU scheinen Sie humoristisches Freiwild zu sein.

Zu 5.:
SPIEGEL: Sie selbst sind ja bei Porsche, wenn man so will, auch persönlich engagiert. Es kann doch kein Zufall sein, dass der Porsche-Manager Otmar Westerfellhaus just zu diesem Zeitpunkt gefeuert wurde, als bekannt wurde, dass er ein Verhältnis mit Ihrer Gattin Inken hat, von der Sie sich gerade scheiden lassen.

Danke, SPON, für dieses Meisterwerk.