Als die Nachricht vom Freitod des Torwarts Robert Enke wie eine Flut über die Medien hereinbrach wird sich mancher vielleicht gefragt haben, was die ganze Aufregung soll. Manche fragten sich das leise für sich, einige rotzten entsprechend pietätlose Kommentare und Tweets hin und bezogen dafür natürlich reflexartig Maßregelungen aber auch Aufmerksamkeit, letzteres vielleicht gar nicht ganz unwillkommen.
Ich war und bin für meinen Teil einfach sehr betroffen von der Nachricht gewesen, aber ich verstehe durchaus das Unverständnis für das gigantische mediale wie auch social community Echo – jedenfalls solange das Unverständnis noch den gebührlichen Respekt vor der Trauer und Betroffenheit anderer wahrte.
Ist es nicht vielleicht sogar gut nachvollziehbar, dass jemand nicht verstehen kann, warum für das Ableben eines Sportlers fast eine Staatstrauer ausgerufen wird, der doch für die Gesellschaft nicht mehr bedeutete als Teil einer wirtschaftlich orientierten Sportindustrie mit Unterhaltungscharakter zu sein? Und dann noch in den Freitod gegangen und damit seine Hinterbliebenen im Stich gelassen und bei den Zugführern psychische Kollateralschäden veruracht? Sind dafür all die Trauer und Tränen gerechtfertigt? Gäbe es hierzulande und international nicht viel ‘nachvollziehbares’ zu betrauern? Menschen, die für ihr Engagement für Dritte oder deren Rechte verfolgt und getötet wurden, Menschen, die ihr Leben für eine gute Sache gaben und an schwerer Krankheit starben? Egal ob prominent oder nicht?
Ich kann sie verstehen, diese Unverständnis, auch wenn ich sie nicht teile. Ich kann nur meine Betroffenheit versuchen zu erklären. – Und ‘nein’, ich kannte Robert Enke nicht persönlich, ich bin nicht mal ein großer Fan von ihm gewesen oder Anhänger einer der Mannschaften in denen er spielte. Ich verfolgte seinen beruflichen Werdegang nicht mit wirklich großem Interesse und für die WM in Südafrika hatte ich einen anderen Favoriten auf die Nummer 1. Und dennoch traf mich die Nachricht gestern hart und fulminant, so dass meine Reaktionen darauf genauso eine Mischung aus um Fassung ringend und in Worte fassend war – und doch war es zugleich unfassbar zu begreifen. Warum? Aus zwei Gründen.
Als Robert Enke seine Tochter verlor, traf mich das damals in einer meiner Urängste: Das eigene Kind zu Grabe tragen zu müssen ist eine tiefe Angst, die man gerade als junger Vater hat. Wenn man solch schreckliche Schiksale hört, verfolgt man alles darum verstört und doch zugleich angewidert vom eigenen “Gaffens” weil man zusehen will, wie ein anderer Mensch mit sowas fertig wird. Man fragt sich, wie man das selbst könnte, scheitert aber an der Frage, man kann das nicht an sich heranlassen.
Was selten in die Öffentlichkeit dringt, nämlich wie ein Mensch mit so etwas fertig werden kann, ist bei Prominenten wie durch ein Schaufenster möglich. Eine Bürde, unter der viele Prominente ihren Schmerz erschwert verarbeiten müssen. Einen Schmerz ins Scheinwerferlich gezerrt zu wissen, wenn die Presse immer wieder danach bohrende Fragen stellt oder zehntausende in dein Gesicht schauen, wenn du danach das erste mal wieder auf’s Spielfeld läufst, ist schwer unter einer professionellen Maske zu verbergen.
Neben dieser höchst individuellen Betroffenheit und Verbundenheit zu Robert Enke – oder vielleicht noch mehr “zu seinem Schicksal” – führte für mich aber noch ein zweiter Grund zu einer Betroffenheit: Der Fußball – der Fußball als Enklave der Flucht aus dem Alltag.
Fußball ist für mich immer eine Flucht (oder sagen wir: willkommene Ablenkung) aus der Realität. Man durchlebt eine Saison mit seinem Team, man leidet, freut sich, hofft und bangt, schimpft und zedert – aber am Ende weiß man immer: Es ist doch nur Fußball. So sehr man sich auch identifiziert mit seinem Club und so sehr man auch “unansprechbar” nach einer Niederlage ist: Es ist nur Fußball. Eine Niederlage ist nur eine Niederlage – ein Abstieg nach einigen Tagen doch kein Weltuntergang und zu Saisonbeginn beginnt alles irgendwie wieder bei Null. Mag die Situation dann eine andere sein, eine andere Liga, anderer Trainer, andere Spieler – irgendwie beginnt alles wieder neu und dieses Leiden und Freuen in einem Mikrokosmos hilft einen, indem man einen Teil seiner Freude aber auch Frustration auf etwas projeziert, was in sich abgeschlossen ist, was irgendwie auch surreal ist.
Im Fußball geht es selten um die großen Probleme. Man bekommt in der Regel nur die Dinge mit, die zum Geschäft gehören: Trainerentlassung, Spielerwechsel, Verletzungen. Und der entlassene Trainer kommt irgendwo dann doch wieder woanders unter, ein anderer Spieler kommt für den der ging neu zum Verein, die schwierige Verletzung wird doch am Ende einmal auskuriert. Von Existenznöten bekommt man selten etwas mit. Was Spieler nach der aktiven Karriere machen bleibt oft gänzlich verklärt – man geht davon aus, dass sie sicher genug schon verdient haben und nun noch bisschen was gegen die Langeweile oder zur Selbstverwirklichung suchen.
Dass selten die großen Dinge den Sport berühren, liegt vielleicht daran, dass die Spieler – als deren haupstächlichen Protagonisten – meist jung sind, selbt dann wenn sie schon zum “alten Eisen” gehören. Schwere Krankheiten und der Tod ist bei jungen Menschen statistisch einfach auch weniger zu erwarten. – Und es liegt am Fokus der Medien, die auf solche Akteure, die einmal aus dem Rampenlicht raus sind, in der Regel nicht mehr verfolgen. Wer seinen Beruf an den Nagel hängen musste wird nicht weiter beachtet, nur wenige solcher Werdegänge werden durch die Medien länger verfolgt.
Robert Enke war nun aber jemand, der aktuell mitten im Rampenlicht stand. Er war aktiver Teil dieses Mikrokosmos Fußball, in dem man Todes-Nachrichten höchstens noch von Alt-Präsidenten oder honorigen Spielern früherer Tage als Notiz vermerkt und dafür mal eine Gedenkminute abhält und vielleicht vereinsintern noch einen Block einen neuen Namen vergibt. Der Tod, ja erst Recht der Freitod eines Spielers, reißt ein Loch in die Schutzhülle des Mikrokosmos. Er bringt Leid in eine Sache, die vom Trott und vielleicht sogar dem Leid des Alltags ablenken soll und will. Es ist nicht der erste Riß in diesem Mikrokosmos, es gibt viele – allein in Gedenken an den einstigen Flugzeugabsturz der Mannschaft von Manchester United, die Hillsborough-Katastrophe, die Heysel-Tragödie oder die Brutalität gegen Daniel Nivel bei der WM in Frankreich.
Wenn die (grausame) Realität in unsere Rückzugsgebiete kommt, verlieren wir ein Stück der Illusion – der Illusion, dass es Dinge im Leben gibt, die einfach am Anfang der Saison wieder bei Null anfangen, das manches eben einfach alles nur ein Spiel ist. Aber das ist es eben nicht. Und die Erkenntnis ist schmerzhaft und muss verarbeitet werden. Vielleicht auch bald wieder verdrängt um sich seinen Rückzugsort wieder zu erkämpfen. Aber das braucht eben auch seine Zeit.
Vielleicht versteht man die Betroffenheit jetzt besser, jedenfalls meine.
Artikelansicht: Artikel anzeigen
Blog-Tags: Fußball, mensch, promis, tod
Filed under: Fußball,Gesellschaft
Trackback-Link: TrackBack URI
Artikel-Adresse: Permalink-URI