Geisterfahrer der Gesellschaft

Nun endgültig zurück aus meinem TV-Grippe-Camp macht man sich so seine Gedanken. Fast 1 Woche lang konfrontiert mit Fernsehen schlägt auf mein Gemüt, es depremiert mich, die unendliche Aneinanderreihung von Eindrücken von Bewegtbildern. Sender, die den halben Tag nur auf eine Art Kreuzworträtsel die Kamera halten und so tun als könnte man jetzt gleich sofort gewinnen, dabei ist die Sendung ja auf Stunden ausgelegt und das wiederholt sich auch noch täglich. Einkaufssendungen mit offensichtlichem Müll, der wie Gold angepriesen wird und den man mit pseudo-wissenschaftlichen Binsenweisheiten unterfüttert und mit ganz offensichtlich künstlicher Limitierung des Angebots eine höhere Nachfrage generiert – und das klappt angeblich auch noch.

Man könnte wirklich Stunden darüber schreiben, über Nachmittags-Programme, die u.a. mehr als „freizügig“ mit Themen wie Sex (in allen Varianten, gerne auch im Familienkreis mit Stiefkindern etc.), gegenseitiger Betrug (sowohl ideell als finanziell), Gewalt und generelle Asozialität umgehen und so das Hauptaugenmerk unseres Lebens darauf lenken. Unseres Lebens, das heisst das Leben derer, die nachmittags Zeit und Gelegenheit haben sich damit zu beschäftigen – wie Kinder, Schüler.

Okultismus-Tendenzen unter anderem in Form des aktuell gehypten Vampir-Kults (neben den offen zelebrierten Wahrsage- und „Mentalisten“-Shows) ziehen sich von Kinderkanal bis Sitcom bis ins Abendprogramm und werden exzessiv penetriert. Ganz unerheblich, ob dies nur als „lustig“ gesehen wird, durchziehen okulte Symbole wie Pentagramme unsere TV-Landschaft und final die Arme und Rücken unserer Kids und Jugendlichen als „trendige Tattoos“. Aber auch das zappt man eben weg, wenn man es schafft, um wieder rechtzeitig bei der Gerichtsshow zu landen, für deren Urteilsverkündung man mit fast 10 Minuten Werbeunterbrechung bezahlen sollte – nur um dann wenigstens einmal am Tag sowas wie „Werte“ mitgeteilt zu bekommen.

Mein „Glück“ war noch die Haushaltsdebatte, doch die Ironie erstickt mir dabei selbst im Halse. Da wird munter aufeinander eingedroschen, als wäre ‚Respekt voreinander‘ etwas, was als erstes dem Rotstift zum Opfer gefallen sein muss irgendwann im letzten Jahrhundert. Auch reibt man sich die Augen, was hier nun wieder an Meinungen vertreten wird. Die einen tun so, als hätten Wahlversprechen andere Menschen für sie (eher versehentlich und natürlich unverbindlich) abgegeben, die anderen stehen da wie die Unschuld vom Lande am Pult, als wäre der Umstand, dass man selbst gerade jahrelang die Geschicke hätte lenken können, nie existent gewesen. – Die Menschen hier tragen Kostüme und Anzüge mit Krawatte, der moralische Niveau-Unterschied gegenüber der Szene-Doku auf dem anderen Kanal scheint aber nur marginal zu sein.

Man zappt zum gefühlten 250ten Mal durch die Programme bis Kanal 49 und schüttelt den Kopf: Was für eine Gesellschaft, denkt man sich … dachte ich mir. Doch jetzt kam mir die Erleuchtung, denn mir fiel der alte Witz mit dem Geisterfahrer wieder ein, der nach der Radio-Durchsage „Achtung Autofahrer, es kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen“ sich nur denkt: „Einer? Tausende!“

Wenn das, was ich sah, das ist, was die Gesellschaft will, dann bin ja vielleicht _ich_ derjenige, der die Gesellschaft, die Norm, nicht erfüllt?!?

Wenn freizügiger Umgang mit Themen wie Sex schon ab Jugendalter „normal“ ist, ist meine Moralvorstellung wohl einfach antiquiert – wie auch wohl in vielen anderen Bereichen des Lebens, in denen der Respekt vor anderen Menschen, Recht, Gesetz, Gesellschaft oder Religion dem Streben nach eigenem Lustgewinn in jedweder Form offensichtlich längst geopfert wurde. Triebhaftes Verhalten als Maxime unserer Gesellschaft, man nennt es nur „Quoten-orientiert“, „Kaufanreize schaffen“, „Konsumverhalten“, „Bedarfsweckung“ oder eben „politisches Kalkül“.

Denn gerade letzteres mutet ja grotesk an, wenn man heute nur die Steuersenkungsversprechen verkündet, weil die große NRW-Wahl ansteht und man danach erst über die Zeche reden will. Denkt man sich: Das ist doch zu windig, das durschaut doch jeder Wähler. Aber im Gegenteil! Es wirkt! Immer wieder! Wahl für Wahl! Und dann fragst du dich: Wer ist eigentlich der Doofe? Man selbst! Wenn das so funktioniert und jeder das weiß ist doch der der Außenseiter, der immer noch nicht gelernt hat, dass der Fluß in die andere Richtung fließt.

Ich weiß noch nicht, was ich mit der Erkenntnis anfange. Schwer vorstellbar, dass der alte Hund in mir noch lernt Männchen zu machen. Zu viel verkorksten Idealmist aus den 80ern, konservative Erziehung und verblendeter Religionsvorstellungen von christlichen Werten steckt untrennbar in mir. Aber ich versuch mich künftig vielleicht etwas weniger darüber zu beschweren. Man will schließlich dem gesellschaftlichen Establishment nicht andauernd ans Bein pinkeln. Man muss auch mal lernen, dass „normal“ eben das ist, was den vorhandenen Normen entspricht.

Soziale Normen (Gesellschaftliche Normen) sind konkrete Vorschriften, die das Sozialverhalten betreffen. Sie definieren mögliche Handlungsformen in einer sozialen Situation. Sie sind gesellschaftlich und kulturell bedingt und daher von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden, unterliegen aber immer dem sozialen Wandel. Normen sind (äußerliche) Erwartungen der Gesellschaft an das Verhalten von Individuen in unterschiedlicher Verbindlichkeit. Sie sind zu unterscheiden von (innerer) vernunftgemäßer Gewissensprüfung von Handlungen (siehe Moral, Ethik, kategorischer Imperativ).

Wikipedia: Soziale Norm