Social Web/Internet: Suche keine Antworten, suche Deine Fragen

Es immer die gleiche Frage nach dieser „Relevanz“, die im Social Web und generell im Internet hinterfragt wird. Was in aller Welt ist bei all der Vielzahl wirklich wirklich wirklich relevant? Welches Blog, ja welches Medium überhaupt muss nun gelesen werden? Welche Meinung ist die richtige? Welche Trends sind hot und welche not?

Ich glaube nicht an Relevanz aus der Masse. Ich habe meine großen Zweifel, ob das Aufschrecken des Schwarms eine Signifikanz für das wirklich Wichtige hat. Natürlich zeigt der Schwarm, dass etwas Aufregendes passiert sein könnte, und auch das ist eine Frage von Relevanz. Aber die für dich individuell wichtigen und wesentlichen Dinge wird dir der Schwarm nicht beantworten, wie es auch keine 95% positive Bewertung eines Produkts es tun kann, wenn du zu den 5% gehörst.

Die bisweilend verzweifelte Suche nach den Meinungsführern gestaltet sich im Social Web zudem zunehmend grotesk. Waren es früher noch so genannte (und so empfundene) Leitmedien, die einen gewissen Anspruch auf Meinungsführerschaft entwickelten, ist das auf das Social Web eigentlich nicht nur nicht übertragbar, es ist geradezu fatal. Während bei den alten Leitmedien ein ganzer Apperat dahintersteckte, eingebettet in eine sich gegenseitige beäugende Medien- und Polit-Landschaft inkl. diverser Kontrollinstrumente, sind im Social Web in der Regel Einzelmeinungen von Einzelpersonen im Fokus, deren Überprüfung wiederum nur der Masse anheim fällt. Menschen, deren individueller Background oft nicht ausreicht, um derart in eine führende Position gedrängt zu werden, oder die von der Persönlichkeitsstruktur dem gar nicht gewachsen sind oder – sich ihrer Position bewusst werden – entweder aus der Verantwortung nichts machen, sie missbrauchen oder persönlich an ihr scheitern.

Die Frage nach der Relevanz kann nicht beantwortet werden, sie neu zu definieren ist vielleicht Aufgabe der digitalen Gesellschaft. Bis dahin wird man aber die digitalen Speichellecker, Koofmichs und Jubelperser ertragen müssen, die das Web für sich entdeckt haben um sich ihren Idolen anzubiedern, für wenig Geld oder schlicht nur etwas Aufmerksamkeit zur viralen Drückerkolonne zu mutieren und frei Haus zu Retweeten, Rezensieren oder Empfehlen, oder ihnen nur bewundernd an den Lippen zu hängen, um zu erfahren, was denn nun gerade IN oder OUT ist.

Das Web wird dir aber keine Antworten geben auf die Fragen, die du dir selbst stellst. Das Web bietet dir Antworten auf Fragen, die andere gestellt haben. Aber sind das deine Fragen? – Wer damit zufrieden ist, sich dem Fragen-Kanon eines einzelnen oder einer Gruppe einzuordnen, wird sich mit den Antworten auch begnügen, die gegeben werden. Dem Anspruch auf Individualismus dient es aber nicht.

Ich bin vielen Leuten begegnet, denen es am „Monetären“ nicht mangelte, die aber bei einer für sie selbst „zufriedenstellenden“ Anschaffung eines Produkts scheiterten. Trotz der Flut an Informationen, Bestenlisten, Beiträgen und Rezensionen kann die Befriedigung des individuellen Bedürfnisses nicht gestillt werden – gut, zugegeben, mit einer Ausnahme: wenn die Befriedigung aus dem Umstand des „Me2“ resultiert, des Dabeiseins in einer Masse, der Zugehörigkeit einer Produktgruppe. Vielleicht ist dies das „Geheimnis“ der Apple-Gemeinde. Es gibt im Wesentlichen nur „1 Produkt“ – entweder man hat das aktuellste, oder eben nicht. Rein technisch gesehen gibt es dagegen wahrlich keinen zwingenden Grund bspw. ein iPhone zu kaufen, doch die Frage nach der richtigen Auswahl und Gewichtung der Kriterien für die Wahl eines anderen Handys übersteigt die meisten Konsumenten. Apples Strategie der Begehrlichkeit auf gehobenen Niveau mit Kultcharakter ist daher ein fast verständlicher Erfolg – auch wenn man ihn ob der mitgelieferten Argumente vor allem der „Jünger“ nicht teilen mag.

Was der Konsum einfach verdeutlicht, ist für gesellschaftliche Wertefragen nahezu identisch. Der Verlust alter Wertevorstellungen und -ordnungen folgt aktuell ein Vakuum, was zu einer nicht unbrisanten Lage führen könnte. Falsch halte ich auch hier die Meinung, die Relevanz der Masse würde zu einer tragfähigen neuen Werteordnung führen. Mag die Masse, der Schwarm, eine tragfähige (und insbesondere wirtschaftlich abschöpfbare) Grundlage für die Beurteilung des Status Quo oder die Akzeptanz von Produkten wie Entscheidungen dienen, so ist die Masse nicht geeignet für visionäre, in die Zukunft gerichtete Konzepte mit Weitblick inkl. notwendiger Kurskorrekturen. Die Masse ist entweder träge und schwerfällig und entsagt sich notwendiger Kursänderungen weitgehend, oder neigt im Beispiel des Schwarm zu Hysterie und Panikreaktionen wie eine Herde verschreckter Büffel.

Weder aus der Masse noch aus einer (bisweilen eher zufällig sich ausgebildeten) Meinungsführerschaft einzelner, die zudem noch extrem von persönlichem Charisma (aber eben nicht fachlichen wie persönlichen Kompetenz) abhängen, lässt sich heute eine Relevanz ableiten. Dennoch passiert genau der Effekt der Herausbildung einzelner „Meinungsführer“, verstärkt dadurch, dass von den klassischen Medien händeringend nach Wortführern des Internets oder Social Web gesucht wird und diese von Interview zu Interview, von Veranstaltung zu Veranstaltung gezerrt werden. Bisweilen wachsen die dann an ihren Aufgaben, andere (wie bereits erwähnt) scheitern daran oder sich selbst.

Wohin der Prozeß am Ende führt ist noch vollkommen offen. Unumkehrbar scheint aber der Prozeß dahin zu gehen, dass die Verantwortung für die Formulierung der richtigen Fragen auf einen selbst zurückfallen. Dies wird viele einfach überfordern, das muss ohne Hochmut und Abschätzigkeit einfach vorab schon festgestellt werden.

Wer dachte, dass mit dem Internet und Social Web die Notwendigkeit des „Selbst Denken“ entfiele, weil er auf einen gigantischen Pool des Denkens anderer zurückgreift, wird zwangsläufig in eine Falle laufen. Aber auch in Fallen fühlen sich manche ja am richtigen Platz, wie ein Hund an der Leine oder ein Vogel im Käfig.