Die Buchvorlage

Glauben Sie an Gott? An das jüngste Gericht? Auch unwichtig an der Stelle, es geht eigentlich nur um die Metapher, denn eigentlich soll es um Buchverfilmungen gehen, wobei man aber da doch genauer das Partikulargericht meint, aber ab da wird es dann zu kompliziert. Bleiben wir also beim Bild eines Gerichtssaals und eines Engels, als Art Chronisten, der einem das eigene ganze Leben vor einem Richter ausbreitet. Am Ende kommt dann der Richter zu einem Schluss: Himmel oder Hölle, gut oder schlecht.

Eine Buchverfilmung eines großen oder doch zumindest umfangreichen Werks löst in mir das gleiche Gefühl dieser Situation aus. Als ob das ganze Leben eines Buches, all seiner Facetten, seiner Entdeckung, seiner langatmigen Seiten, seiner Schwächen, seiner Geniestreiche, seiner Triumpfe und seiner Niederlagen noch einmal zusammengefasst werden, damit ein Richter, hier der Betrachter, sich ein Bild machen kann und ein Urteil fällen: gut oder schlecht.

Vielleicht hat sich schon so mancher dieses „jüngste Gericht“ schon vorstellen wollen. Wir würde das wohl sein? Wird dann eine Art Essenz, eine Summary zum besten gebracht? Eine Art Power-Point-Vortrag – mit je ein Bulletpoint für die Kernthesen und mit Oberpunkten, anschaulichen Verlaufs- und Torten-Grafiken – Marke: stetig absteigende Tendenzen in Sachen xy, dafür ein proportional überdurchschnittliches soziales Engagement gerade in den gesellschaftlich unterrepräsentierten Altersgruppen zwischen 30 und 40? Oder spielt gar Zeit und Raum keine Rolle und man sieht sich das ganze Leben als Art Film an. Aus welcher Perspektive? Ob es dann Untertitel gibt, die einem die Gedanken dabei vermitteln? Oder gibt es dann noch ein Making Of, eine Art Interview mit dem Betroffenen, der dann schildern kann, wie es hier und dazu erst kommen konnte? Was er gemeint hatte? – Nein. Wohl eher ersters, eine Zusammenfassung, eine mundgerechte Aufbereitung mit Highlights, kondensiert auf das Wesentliche, erläuternd und ergänzend, wo nötig.

Eine Buchverfilmung ist für den Leser wie der Beiwohnung beim jüngsten Gericht der Buchvorlage. Gespannt nimmt man seinen Platz ein. Beim einen ist man der tiefsten Überzeugung, dass es dieses Buch garantiert schaffen wird am Ende ein „gut“ zu erhalten und in den Bücherhimmel zu kommen, während man das andere bereits in der Hölle schmoren sieht. Man hat das ganze Leben des Buchs vor Augen, man freut sich auf die besonderen Momente, von denen man bisher nur in seinem Kopf ein Bild hatte, und ist gespannt, wie das, was man sich selbst dazudachte, denn der „Wahrheit“ entsprach – oder eben dem, was der Chronist dazu sagt.

Bücherfreunde sind für das Jüngste Büchergericht nicht geschaffen – jedenfalls in den seltensten Fällen. Man ist enttäuscht, man muss enttäuscht sein! Weil die Essenz nicht rüberkommt, das Leben, das dem Buch innewohnte, die Tiefe, die Finesse, das Mark seines Lebens. Es ist wie der Verhandlung eines Menschen beizuwohnen, den man kennt, dessen Leben man begleitete, dessen Freund man wurde.

Dann steht vielleicht so ein schnöseliger Jung-Engel auf und fängt an zusammenzufassen: Ja, das Leben von ihm bis zu seinem 17. Geburtstag war ziemlich gewöhnlich, übliche Kindheit, bisschen Tamtam mit den Eltern, aber wer hat das nicht. Schule, Pupertät, erste Liebe, Blabla – man kennt das ja. Dann Ausbildung und hier mal ein echter Kracher, der Streit mit seinem ersten Chef. Hab hier mal einen Videomitschnitt über 30 Minuten – ziemlich heftige Sache das.

Und da will man schon um Luft ringen, einschreiten, sich zu Wort melden. Die Bedeutung der Kindheit betonen, die Sache mit seiner Mutter, die ihn doch so sehr prägte, oder dieses Mädchen, in die er für immer verliebt bleiben sollte. Und die Sache mit dem Chef? Das war heftig, ja, ein Fehler sicher, aber doch nicht so schlimm! Er wäre auch so gegangen, irgendwann – und der Chef hatte das auch verdient. Doch man kann nicht, man hat keine Stimme. Bilder, Eindrücke, Worte überfluten einen, ergeben ein Bild, ein neues Bild, ein Bild, das so gar nicht zu dem Bild passte, das man hatte. Man sieht in die Gesichter um sich, entdeckt die, die ebenso entsetzt oder nur irritiert, und andere, die einfach neugierig sich ein Bild machen. Man meint die ausmachen zu können, die den vorne vor dem Richter genauso kannten, wie man selbst, und andere, die vorher nie von ihm gehört hatten.

Gestern sah ich zum ersten Mal die Verfilmung von Tintenherz von Cornelia Funke und Batzmann von den Fünf Filmfreunden spricht (wieder einmal) die richtigen Worte: Man versteht, dass es ‚unausweichlich ist, dass man umbaut und kondensiert, solange der Geist des Buches erhalten bleibt.‘ Gelang das nicht, sieht man sich nach der „Verhandlung“ ratlos, weiß nicht, was man tun soll, ob man all die Fehlinterpretationen anprangern soll, irgendjemand packen und ihm erzählen, dass das Leben dieses Buches missverstanden werden wird, wenn man das hier gesehen und gehört hat. Man will zum Anwalt des Buches werden, eine Berufung verlangen!

Doch ist die Verfilmung kein Jüngstes Gericht, es entscheidet nicht über „gut“ oder „schlecht“, es ist einfach nur ein Film. Eine Interpretation. Und auch diese kann dem, der die Vorlage nicht kennt, etwas geben oder ihn einfach gut unterhalten – wie Nilz, an gleicher Stelle bei den Fünf Filmfreunden.

Der Film wird über das Buch nicht entscheiden, auf dessen Grundlage wird kein generelles Urteil gesprochen, höchstens von einzelnen, die aber auch sonst das Buch nicht gelesen hätten. Bücherfreunde werden sich das eigene Bild machen wollen, eintauchen in das Leben des Buchs, seine wahre Geschichte erfahren und selbst urteilen.

Tintenherz war für mich wie die Herr-der-Ringe-Verfilmung: Maximal eine Interpretation, nicht mehr, nicht weniger. Gelungen ist beides nicht. Bei Herr-der-Ringe wurde die Faszination, die Welt aus den Augen der Hobbits zu erleben, nicht erreicht, es wurde ein Menschenwerk aus Menschenaugen betrachtet. Bei Tintenherz wurde die Faszination „Lesen“ nicht einmal versucht einzufangen, niemand, der diesen Film gesehen hat, wird auch nur im Ansatz verstehen können, welchen Zauber das Vorlesen Mos gehabt haben könnte. Welche Angst in diesem Buch steckt und auch Melancholie – und selbst wenn auch nur ein Funken davon vorhanden war, wurde dieser in einem kitschigen Ende ertränkt, der das Buch endgültig vergessen lässt.

Wenigstens hat Tintenherz keinen Schaden angerichtet – wie Herr der Ringe. Wenn ich weiterlese im Fortsetzungsband Tintenblut und dann Tintentod wird Basta nicht das Gesicht sein, den ich im Film sah und Mo nicht die Stimme haben, die ich hörte. Eliza Bennet wird nicht Meggie in meinen gelesenen Gedanken, dafür war diese Meggie einfach viel zu alt, und die Elster wird sicher nicht zu der gespielten durchgeknallten Hexe wie im Film, sondern bleibt das italienische alte Weib mit verhärmten Gesichtszügen und zusammengebundenen schwarzen Haar, deren kühler Hass mich beim Lesen schaudern ließ. Herr der Ringe war da „schädlicher“, „mein“ Frodo ist für immer verloren gegangen.