Abschiedsspiel

Heute Nachmittag spielt Bremen gegen Nürnberg – für mich kein normales Spiel.

Werder, das war Ronny, das war sein Verein. Und Ronny war mein Freund und Ronny ist nun nicht mehr da, er ist gestorben – mitten aus dem Leben gerissen.

Mit Ronny habe ich oft Fußball gesehen, manchmal am TV, manchmal in Sportsbars und manchmal im Stadion – vor allem in Frankfurt, wenn die Eintracht gegen den Club oder Werder spielte. Mit Ronny sah ich vor dem TV in seinem Wohnzimmer den Pokalsieg des FCN. Mit Ronny war ich im Frankenstadion 2008 (und da auch noch im Schalker Block), während unten auf dem Spielfeld “mein” FCN die letzte Chance verspielte und abstieg. Mit Ronny stand ich oft genug irgendwo, wo man uns gerade mitschleppte, ob im Baumarkt oder Einkaufszentrum, und starrten gemeinsam auf unsere Handys um die Spielstände und den jeweiligen Textticker zu verfolgen. – Nur eines haben wir nie gemacht: Uns Werder gegen den FCN gemeinsam angesehen, das wollten wir uns beide nicht antun.

Ich habe in den letzten Tagen viel gelesen (jetzt mal egal von welcher Seite), über die Relation von Fußball und dem “echten” Leben, ja ich durfte mir sogar anhören, dass ich doch wohl nichts gelernt habe aus dem Tod von Ronny, daraus keinen Bedarf an Korrektur der Bedeutung von Fußball gezogen habe. Ich kann sagen: Nein, das habe ich auch nicht. Denn es war auch gar nicht nötig und Ronny und ich waren vielleicht sogar ein Beleg dafür. – Diese Kritik war aber nicht der Grund für diese Zeilen, aber vielleicht waren sie ein Anstoß, die eigenen Gedanken zu sortieren.

Auch wenn Ronny und ich es mieden, die Partien Werder gegen den FCN gemeinsam zu verfolgen, so doch nur deswegen um uns nicht zu sehr verbiegen zu müssen – aus Rücksicht. Wir wollten uns die peinlichen Kommentare gegenseitig ersparen, wie “eure Niederlage war unverdient, das muss ich zugeben” oder “ihr habt eigentlich gut gespielt” etc. – Aber auch nicht mehr. Und wenn sich die Gelegenheit ergeben hätte in Nürnberg oder Bremen gemeinsam ins Stadion zu gehen, dann hätten wir das auch gemacht. Warum auch nicht. Es ist doch nur Fußball.

Fußball, das interessierte uns einfach beide, aber es war für unsere Beziehung doch nie maßgeblich welchen Schal wir tragen. Wir fachsimpelten und kommentierten das Tagesgeschehen, gingen gemeinsam zum Public Viewing bei der WM oder besuchten auch mal ein A-Jugendspiel von Mainz gegen Werder. Fußball, weil Fußball ein tolles Thema ist, weil es uns interessierte. Aber die Relation zu dem was wirklich wichtig ist, Freundschaft, Leben, Gesundheit, Kinder und manchmal auch einfach Spaß zusammen zu haben, war nie in Frage gestanden. Wenn alle den Samstag am Baggersee verbringen wollten, dann musste Fußball eben mal ohne uns stattfinden.

Diese Dualität zwischen ‘Fußball ist wichtig’ und ‘Fußball ist aber nicht existenziell’, haben wir beide gleich verstanden und gelebt. Wir litten am Spieltag für unsere Vereine, und manchmal auch miteinander – weil wir Freunde waren.

In dem Jahr seines Todes läuft es für sein Werder gar nicht gut, statt den begeisternden Offensivfußball, den so viele Fußball-Fans in der Republik so anerkennen, rumpelte Werder schon die ganze Saison über den Acker. Es will einfach nicht laufen und so befindet sich Werder sogar bis heute im Abstiegskampf, wenn auch noch nicht in kritischer Lage. Und wenn ich mir für diese Saison noch etwas wünsche, dann dass “sein Werder” nicht absteigt. Das wünschte ich Werder eh nie, aber vor allem nicht in der Saison, in der er von uns ging.

Wenn heute Nürnberg, das ausgerechnet in diesem Jahr die Rollen getauscht zu haben scheint, oben steht, wo man sie unten erwartet hätte, und mit leidenschaftlichem Fußball begeistert, Werder besiegen sollte, wird es für die Bremer sogar noch kritischer.
Würde ich mich denn freuen können, wenn Nürnberg gewinnt? Ja, denn es ist Fußball, es ist Nebensache.
Werde ich traurig wenn ich an das Spiel denke und dabei an Ronny erinnert werde? Ja natürlich, denn das ist das echte Leben.
Fußball ist nie so wichtig gewesen, wie das manchmal nach außen auszusehen scheint. Nur weil man sich mit etwas (nach außen hin) viel beschäftigt, spiegelt das nicht unbedingt die wahre Bedeutung im Leben wieder.

Ein Spiel zu verlieren gehört einfach zum Sport, es gibt immer Gewinner und Verlierer, das ist der Sinn der Sache, das ist nichts dramatisches, da muss man nicht deswegen das Schicksal bemühen und in Pathos verfallen. Verlieren macht höchstens schlechte Laune.

Der Tod gehört zum Leben, aber jemand zu verlieren ist etwas dramatisches, man hadert mit dem Schicksal, man verfällt in Pathos und man fühlt in sich etwas unwiderbringlich verloren, ein Loch, das nie mehr gefüllt werden kann.