Schuld und Sühne

Als ich heute über die Entwicklung im Fall Strauss-Kahn las, kam es mir wieder in den Sinn – die große Frage nach Schuld und Sühne.

Es mag in dem Fall purer Zufall gewesen sein (so man an sowas glaubt), dass der ehemalige IWF-Chef just die Tage von Christine Lagarde beerbt wurde, als die Vorwürfe, die ihm das Amt kosteten, sich in Luft aufzulösen scheinen (aktueller Stand). Ob dies zusammenhängt und ob die Vorwürfe gerechtfertigt waren oder sind, darum geht es mir aber nicht, es passt nur in mein Bild und bestätigt mein Gesellschaftsbild von Schuld und Sühne.

Als ich vor langer Zeit mit einem Staatsanwalt sprach über die Frage, wer denn eigentlich entscheide, wann Hinweise auf eine strafbare Handlung, gerade im Unternehmensbereich, denn überhaupt unter die Lupe genommen würden, so wollte er nicht zu sehr das Nähkästchen öffnen, so viel aber blieb mir doch hängen: ‚Natürlich‘ ginge alles mit Recht und Ordnung zu, die Frage sei am Ende aber doch immer nur, wer denn die Verantwortung trage für die Ermittlungen und den daraus resultierenden Konsequenzen.

Was ist Schuld? Die Frage beschäftigt die juristischen Gelehrten, gemeinhin versteht man darunter die Vorwerfbarkeit eines Verhaltens, das die Gesellschaft als strafwürdig und damit falsch erachtet. Doch Schuld trägt jeder von uns in sich, denn der Mensch begeht aus seiner Natur tagtäglich Dinge, die – wenn auch nicht gleich strafbar im Sinne des Gesetzes – falsch sind und eine Konsequenz erfordern würden: Die Lüge der Aufdeckung, der Betrug die Aufklärung, die Gewalt der Reue und Strafe. Wir fahren unachtsam mit 60 durch eine 30-Zone und werden nicht geblitzt. Die Schuld besteht, die Sühne erfolgt nicht. Wer an gleicher Stelle aber – so der Zufall es nun will – erwischt wird, gilt als Raser, wer dabei ein Kind vom Rad holte, wird als verantwortungsloses Mitglied der Gesellschaft stigmatisiert und vielleicht sogar vorbestraft, was seinen weiteren Lebensweg verändern kann.

Zwischen der Tat und der Sühne braucht es also mehr als ein Gesetz. Die vorwerfbare (im Sinne von willentliche oder wenigstens fahrlässige) Tat braucht noch eine Auswirkung, die Entdeckung, die Verfolgung und den Richter. Menschen fehlen täglich, andauernd, oft hat ihre Handlung aber einfach keine Auswirkung und der Betrunkene mit seiner Kippe in der Hand schläft nur ein, aber die Zigarette steckt nicht das Haus in Brand und niemand kommt zu Schaden. Oder man wird nicht entdeckt, wie der Schnellfahrer in der 30-Zone. Oder wird eben nicht angeklagt, denn Menschen/Betroffene verzeihen die Verfehlung, sehen erst gar nicht so genau hin, auch in Erkenntnis ihrer eigenen Fehlbarkeit.

Unternehmen und Menschen mit Macht fehlen noch häufiger und noch gravierender. Das ist eine unbestätigte Behauptung, aber das sagt die Lebenserfahrung. Menschen, die es weit gebracht haben, gerade in Politik und Wirtschaft, haben sich durchsetzen müssen – das geht nicht, wenn man immer nach den Regeln spielt. So auch bei Unternehmen, die sich die Konkurrenz vom Leib halten wollen oder an ihr vorbei drängen. Wahrscheinlich könnte man sogar soweit gehen zu sagen, dass niemand ohne Schuld sei, dass die vollkommene Offenbarung aller unserer Vergehen uns alle vor den Kadi bringen und unsere persönlichen Beziehungen untereinander schwer belasten würden, bei manchen Politiker und Manager (oder auch Anwalt) führte es mit Sicherheit direkt in den Knast.

Wer entscheidet über Schuld und Sühne? Der Zufall, weil die Entdeckung der Tat, des Verhaltens erfolgte? So wie neulich, als der Politiker sein anzügliches Handy-Photo nicht seiner Cyber-Geliebten sondern der ganzen Welt schickte? Wird man wirklich glauben wollen, dass nur dieser Politiker eine gesellschaftlich geächtete Moralvorstellung hat, weil er entdeckt wurde? Glaubt man, dass nur Guttenberg im großen Stil kopierte um zu Doktorwürden zu kommen, nur weil er nun in den Fokus investigativer Recherchen geriet, währen das Gros der ähnlich verfassten Doktorarbeiten des letzten Jahrhunderts vollkommen unbeachtet in staubigen Regalen schlummert?

Die Frage ist am Ende, wer denn die Verantwortung für die Ermittlungen trägt und gegebenenfalls die daraus resultierenden Konsequenzen trägt.

Was der Staatsanwalt mir damals andeuten wollte war wohl, dass es immer eine Frage ist, ob jemand bereit ist, eine Verfehlung aufzudecken – und eben den Preis für das Risiko zu bezahlen. Ein Risiko, das wie bei Strauss-Kahn oder einem Kachelmann allein darin besteht, dass die Ermittlungen selbst bereits verheerende Konsequenzen für den so in Fokus stehenden haben können. Wer in Unternehmen eine Durchsuchung anordnet, läuft Gefahr das Unternehmen materiell und im Image massiv zu beschädigen, wer beginnt in privaten Dingen des Nachbarn zu stöbern, weil er glaubt der würde seinen Hund quälen, kann dessen guten Ruf beschädigen, auch wenn sich die Vermutung nie belegen lässt – denn die Gesellschaft sieht bei Rauch eben gern auch Feuer. – Wer anklagt übernimmt dafür die Verantwortung, nur die Medien möchten das nicht immer wahr haben und gerade im Internet versteckt sich die Verantwortung gerne im Mob der Masse.

Im Bereich von Prominenz und Unternehmen, wenn es also um die großen Dinge geht, ist der Druck sich keine Fehler erlauben zu können als Ermittler und Ankläger groß. Dennoch wird das Risiko manchmal eingegangen, manchmal offenbar nicht. Warum? Weil ein Risiko nur dann groß für den Handelnden ist, wenn man den Preis am Ende auch bezahlen muss. Man könnte den Staatsanwalt damals so verstehen, dass man es schon einfach wissen würde, so im Moment der Frage an den Oberstaatsanwalt, ob man denn hier weiter vorgehen könne, ob man Rückendeckung habe, oder nicht. Also ob man im Moment des Scheiterns sich auf den Status des Staatsorgans zurückfallen lassen könne, das ja dem Gesetz und Aufklärung verpflichtet sei, oder die persönliche Schuld des Versagens und die Konsequenz daraus zu tragen habe. Wann dies der Fall ist – und wann nicht – scheint eine Frage zu sein, wer bei all seinen Verfehlungen eine starke schützende Hand über sich hat – bzw. sich dieses Schutzes entzogen hat.

Wir sind alle nicht ohne Schuld, aber oft ohne Sühne. Das ist unsere Natur, so funktioniert unsere Gesellschaft. Nur der Glaube daran, dass eine weiße Weste ein Zeichen für ein moralischer-integeres Wesen sei, ist die Bigotterie des Spießbürgertums, das alle gern offiziell begraben haben wollen, aber nie aus den Köpfen kam. Die Sühne mag nach Recht und Gesetz dann konsequent zu sein, doch eine selektive Sühne macht die Gesellschaft nicht integer, sie kaschiert nur die anderen Regeln, nach denen sie wirklich funktioniert.

Was bleibt? Es gibt keine Konsequenz aus der Erkenntnis, denn weder kann die Welt ohne Verfehlungen bleiben noch kann sie mit vollkommener Transparenz leben. Vielleicht einzig sollte man in einer gewissen Demut sich selbst eingestehen, dass die eigene Rechtschaffenheit bisweilen schlicht eine Frage der fehlenden Entdeckung sein könnte. Vielleicht weil man den Zufall auf seiner Seite hatte, man schlicht zu unwichtig ist um beachtet zu werden oder weil jemand anderes die Hand schützend über einen hält. Was bleibt ist das Bewusstsein, dass vermeintliche Gerechtigkeit von einer höheren Macht bestimmt werden, auch und gerade wenn man nicht an Gott glaubt.

Macht ist, wenn man entscheiden kann, wie die Regeln gemacht werden – oder eben, wie und wann sie angewendet werden. Das sollte man nie vergessen.