Im Interview beim FEED-Magazin

„Das unten stehende Interview mit Alexander Endl ist die (chronologische) Nummer zwei in der Serie der Feed-Magazin-Facebookfan-Porträts. Endl kann von sich behaupten, der Einzige zu sein, der in allen drei Feed-Print-Ausgaben (die Preview von 2010 mitgerech- net) vertreten war. Der Beitrag ist gleichzeitig als Teaser für unsere erste „Themen- woche“ (16.-20. Januar) anzusehen, die der Fankurve im Netz, also der deutschen Fuß- ball-Blogszene, gewidmet ist. In der Woche stellt Endl das von Stefan Helmer un ihm betreute Blog / Fanmagazin Clubfans-United.de („Von Fans für Fans des 1.FC Nürnberg“) vor.“

http://feed-magazin.de/ein-franke-im-exil-2-0-%E2%80%93-ein-interview-mit-alexander-endl/

1. Wo bist Du geboren, wo aufgewachsen, wo lebst Du derzeit? Du hast Familie? Erzähl kurz was über Deinen Werdegang; Deine Ausbildung, Deinen Beruf.

Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf, das nicht aufhört gegen die Bajuwaren Widerstand zu leisten – also in Franken. Zwischen Höchstadt, Erlangen und Nürnberg fand mein Leben auch bis Anfang 30 weitgehend statt – Schule in Höchstadt, Studium an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Rechts-Referendariat am Land- gericht Nürnberg-Fürth. Als echter Franke folgte ich dem Prinzip, dass jede Veränderung erst mal mit Skepsis betrachtet wird, ergo sagte man mir auch schon voraus, dass ich auch nie aus der Gegend rauskommen würde. – Aber ist es nicht schön, wenn man manchmal überraschen kann? Nach meinem Jura-Examen heuerte ich, statt Anwalt zu werden, 2001 in Frankfurt in der damals boomenden Internet-Branche an und wurde Projektmanager für Neue Medien in einer Agentur für visuelle Kommunikation namens „xplicit“. So siedelten meine Frau und ich uns also in Hessen an. Wir bekamen zwei wunderbare Kinder und lebten fürtan in Frieden, denn damit sollte es aber auch wieder genug sein mit spektakulären Änderungen für die nächste Zeit. Und so ist seit 10 Jahren wieder Ruhe im Karton – wenn man das mit Kindern so sagen kann. Aber wer weiß, vielleicht überraschen wir ja noch mal.

2. Was hattest Du für Hobbys als Kind / Jugendlicher? Hat sich Deine Liebe zum Fußball bereits in jungen Jahren entwickelt?

Wir hatten ja nix anderes… – Am Land in den 80ern hattest du im Prinzip nix außer ne Pille, ebenso gelangweilte Kumpel und genug grüner Rasen (nur am Sportplatz durften wir natürlich nicht und meine Vereinszeit begann und endete in der C-Jugend, mangels williger Jugendlicher gab es davor und danach nix mehr). Es gab keinen Computer, kein Internet, keine Konsolen, Smartphones oder sonstige Segnungen – und sogar im TV gab es nur 5 Kanäle (davon 2 DDR), die auch nur maximal 1 Stunde am Tag was zeigten, was einen auch nur annähernd interessierte (wie „Rauchende Colts“). Wenn wir nicht kickten, waren wir bei den Pfadfindern – übrigens eine vollkommen unterschätzte Organisation, denn dort lernten wir am wenigstens „Knoten machen“ oder „Zelte aufbauen“, dafür aber alles andere wichtige im Leben, wie die Zubereitung alkoholischer Tee-Punsche, das Hantieren mit scharfen Werkzeugen und das Drehen von Zigaretten in schwierigen Lebenslagen. Und wir machten dort eine Jugendzeitschrift namens „Emetic“, die wir tatsächlich selbst schrieben, selbst malten, klebten, konfektionierten und vermarkteten! Durch die Einnahmen aus Werbeanzeigen lokaler Unternehmen waren nicht nur die Kosten gedeckt, es blieb auch genug übrig, dass wir uns so manche Sause leisten konnten. Auch wenn wir dann nicht allzu viele Print-Ausgaben schafften, weil es dann doch viel Motivation brauchte wirklich witziges oder lesenswertes zu produzieren (und das war wirklich der Anspruch), hab ich irgendwie für mich entdeckt, dass ich das richtig gern mache – dieses Publizieren.

3. Was war Deine erste Berührung mit dem Internet und wann fand sie statt? Welches war Dein erster Blog?

Mit dem Internet kam ich im Jura-Studium in Berührung. Als „wissenschaftliche Hilfskraft“ lernte ich nicht nur den Umgang mit dem Computer, sondern auch „Norbert“ kennen, einen älteren Studenten aus Nürnberg, der nicht nur coole Mucke („Indie“) kannte, sondern auch einer der ersten war, der dieses Internet (damals hauptsächlich noch kryptisch und als IRC „Internet Relay Chat“) zu Hause hatte. Als BTX dann groß in Mode kam, wurde die Telefonrechnung in unserer Studentenbude eine der größten Ausgabenpositionen. Und mit dem BTX kamen dann erste Kontakte zum ‚echten‘ Internet (und das war dann aber richtig sündhaft teuer, wenn man nicht über die Uni reinkam). Meine erste Website unter der griffigen Url „home.t-online.de/home/Alexander.Endl“ hieß „Homepage“, spielte einen Starwars-Midi-File automatisch ab und auf einem Sternen- himmel stand groß „Willkommen“.

Sonst hatte ich erst mal nicht allzu viel mitzuteilen, was mir dauerhaft aber zu wenig war. Ich war längst infiziert von diesem Medium. Mit unserer Jugendzeitung erreichte man mit Glück ein paar hundert Leute, hier bist du vor deinem 386er Computer gesessen und die Welt stand dir offen. Ich begann mir Free-Webspace zusammenzusammeln und baute mir eine etwas größere Website auf, zeigte Fotografien (mein zweites Hobby) und schrieb einen monatlichen Newsletter, in dem ich alles zusammenfasste, was ich erstaunlich, sehens- oder wissenwert im Internet fand. Wir bildeten via Mails ein kleines Netzwerk bestehend aus Leuten, die ich zum Teil im Leben nie sehen oder sprechen sollte, und vergaben einen Award (das war damals ziemlich cool), bei dem wir aber vor allem viele Websites kritisch prüften und auch umfangreiche Bewertungen schrieben. Die Besten wurden auch im Newsletter vorgestellt, der am Ende immerhin weit über 3.000 (echte) Abonnenten hatte und auch (im damals sehr begehrten) Web-Adressbuch Deutschland gelistet wurde. Zwischenzeitlich startete ich mit einem guten Freund auch ein Geschäftsmodell, wir gründeten das Automobil-Portal „Autokiste“ (www.autokiste.de), das eine Menge an Lorbeeren einheimste. Aber dann kam zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt das Platzen der Dotcom-Blase und ich musste mir doch einen „anständigen“ Job suchen. Aber sonst ging es im Prinzip einfach immer nur weiter. Awards kamen irgendwann aus der Mode, Newsletter leider auch – dafür bloggte man irgendwann. So ca. 2004 stellte ich dann endgültig auf das Bloggen um und jetzt geht es eben mehr ins Social Web – life goes on.

4. Du hast nicht nur einen Vollzeit-Beruf, eine Familie und ein intensiv gepflegtes Hobby „Fußballfan“, Du betreibst außerdem noch (mindestens) drei Webblogs: Das 1.FC Nürnberg Fan-Magazin „Clubfans United“, „Zielpublikum“, ein „Watch- Blog eines Endverbrauchers für Endverbraucher“, und Deinen persönlichen Blog „Endl.de“. Habe ich noch was vergessen? Wie schaffst Du das alles? In welcher Reihenfolge entstanden die Blogs? Möchtest Du der Reihe nach kurz etwas über die drei publizistischen Angebote sagen?

Beeindruckend! Also wenn man es sich dann immer wieder so vorhält. Aber Spaß beiseite, das ist auch wirklich ne Menge Holz. Dazu kommen in der Tat noch andere Baustellen, wie die Website der Fußball-Mannschaft meines Sohnes (VfB Unterliederbach), deren Werdegang ich bisschen Bild-dokumentiere (zugegeben ist Sport-Fotografie auch eine herrliche Art, sich die Zeit eines Turniers um die Ohren zu schlagen), sowie die ganzen Social Web-Sachen. Wie man das schafft? Das geht nur, wenn man das sehr leidenschaftlich tut und es zudem verinnerlicht hat – plus Teamgeist und Organisation. Bei Clubfans United (da bin ich seit 2006 dabei und zwischenzeitlich Partner) wussten wir sehr frühzeitig, dass wir (Stefan Helmer und ich) unseren Anspruch nicht zu zweit neben dem Beruf schaffen, wir brauchten Unterstützung und die haben wir auch gefunden. Aber vor allem muss man irgendwie das Ganze auch leben, sonst geht das gar nicht. Meine „Infrastruktur“ inklusive Smartphones etc. pp. ist so, dass man quasi nebenbei immer auf dem Laufenden ist – sonst wäre der Berg immer zu groß. Mit zwei Klicks den Pressespiegel befüllt, die Kommentare liest man am Handy quer so mit, Tweets und Facebook on the fly wo man gerade so ist. Zudem brauche ich für Artikel wenig Zeit – meist bin ich auch für längere Sachen mit 30 – 60 Minuten durch, das geht dann auch in der Mittagspause mal. Ich schreibe einfach gern und ich schreibe ohne Vorlauf relativ druckreif – das macht die Sache natürlich einfacher.

Ich fürchte, ich sprenge endgültig dieses Interview, wenn ich nun auf alle Projekte einzeln eingehe. Allein zu Clubfans United wäre schon sehr viel zu sagen, vielleicht lohnt da mal ein eigenes Interview dazu. Wo die Trennlinie zwischen Endl.de und Zielpublikum ist, ist schwierig und mich ärgert sogar ein wenig, wie unscharf alles ist. Ursprünglich war Zielpublikum der Nachfolger von „ALE-Project“ (Abkürzung für ALexander Endl), das lief unter Endl.de. Heute bin ich dabei das Geflecht mühsam aufzudröseln. Ich möchte die Idee, etwas über das Internet, Social Web und allgemein Verbraucherthemen zu sagen, gern von meinen sehr persönlichen Dingen trennen. Wobei ich generell nichts „privates“ blogge, sondern „persönliches“ (allein der Unterschied war schon mal einen ganzen Artikel wert) …

5. Du bist inzwischen auch wiederholt auf der größten deutschen Blogger-Konferenz Re:publica, die alljährlich in Berlin stattfindet, in Erscheinung getreten. 2009 erstmals als Zuschauer? Dann 2010 und 2011 als Vortragender. Wie kam es dazu?

Früher war ich sogar mal ein großer Skeptiker in Sachen re:publica – ich fand es mir zu Berlin-lastig, zu sehr Ringelpietz. Wer nicht die Zeit und Mittel hatte, sich nach Berlin zu bewegen oder eben dort zu sein (Standort-Vorteil), war quasi nicht „dabei“. Die Blogger feierten sich selbst und nur wer dabei war, durfte mitfeiern. Mich nervte das, aber nicht nur das, ich fand es auch falsch. Bloggen war für mich das Netz, sich zu treffen war für mich fast ein Verrat an der Sache. Naja, dann fuhr ich eben doch mal hin und war sofort bekehrt. – Dann mal als Aktiver aufzutreten war fast unvermeidlich – irgendwann ging mir ein Panel gehörig auf die Nerven, ich kritisierte lautstark und wurde eben aufgefordert es doch eben selbst mal vor Ort richtigzustellen. Und das ließ ich mir nicht zweimal sagen und ich bin Johnny noch heute dankbar, dass er meine naiven Anfängerfragen beim ersten Call for Papers so geduldig beantwortete. Wir planen auch wieder ein Panel für 2012, aber ich will kein Sequel, sondern wieder was machen, was mich auch beschäftigt und zufriedenstellt – und daran könnte es dann auch scheitern (wenn man uns denn überhaupt wieder annähme).

6. Möchtest Du etwas über Deinen langjährigen Freund und Projektpartner Ronny Schmelzer erzählen?

Im Februar jährt sich erstmals sein Tod und ich kann es bis heute nur schwer in den Kopf bekommen. Ronny war irgendwann mal einfach da – oder anders: Irgendwann nahmen wir uns plötzlich wahr, dabei waren wir echte Nachbarn im realen Leben schon ne Weile. Und dann wurden wir fast wie Brüder (und ich bin nicht schnell im Umgang mit solchen Worten). Die wenigen Jahre, die wir hatten, waren für mich sehr sehr wichtig, auch wenn vieles, was wir erdachten und visionierten, in den Himmel malten und in die Luft bauten, am Ende im Sand verlief. Ronny und ich waren in vielen Dingen vor allem „ergänzend“, und das nicht im Sinne von unterschiedlich, sondern waren dort eben mutiger, konsequenter oder schlicht abenteuerlustiger, wo der andere persönlich nicht weiter kam. Als Ronny so plötzlich aus dem Leben schied, waren wir aber schon wieder bisschen mehr auf eigenen, anderen Pfaden unseres Lebens – wie das bei Menschen eben manchmal so geht. Manche Dinge aber wollten wir weiter gemeinsam fortführen, wie die Sache mit dem Kinderzimmer Computer – wir wollten da einfach auch nen Beitrag dazu liefern, dass Kinder und Eltern in Sachen Medienerziehung weiter kommen und hatten ein Konzept fertig, wie wir das in Kindergärten und KiTas anbieten wollten – natürlich kostenlos. Ich werde Ronny sicher nie vergessen und ein Teil seiner Art zu Leben lebt nun in mir weiter fort.

7. Du hattest mir im Frühjahr auf der diesjährigen Re:publica erzählt, dass Du René Walter von „Nerdcore“ ganz gut kennst. Er war Arbeitskollege von Dir, Du hattest ihn tatsächlich mal eingestellt? Gibt´s was darüber zu erzählen? Außerdem bist Du der Urheber des Markennamens „Nerdcore“? Zahlt René Dir irgendwelche Tantiemen oder Lizenzgebühren?

René war wirklich mein Arbeitskollege und ich hab ihn zwar nicht direkt eingestellt, aber zusammen mit Birgit Bauer (heute: www.designkritik.dk) suchten wir für unser Web-Team einen Webdesigner und Programmierer – und schlugen René aus unzähligen Bewerbern der Geschäftsleitung vor und so arbeiteten wir einige Jahre zusammen. Irgendwann kam es dann zu einer „beruflichen Neuorientierung“, aber wir haben uns nie aus den Augen verloren bis heute. Wir begannen fast gleichzeitig mit dem Bloggen und die Sache mit dem Namen stimmt sogar, denn er brauchte damals einen neuen Blognamen und nachdem wir uns zig Namen an den Kopf warfen schlug ich ihm eben vor, dass einem ‚Nerd‘ wie ihm mit so viel ‚Hardcore‘ eben ein ‚Nerdcore‘ gut zu Gesicht stünde. Über Tantiemen haben wir da bisher nicht verhandelt, aber ich hab ihm schon angedroht, dass – wenn er es je mal für Unsummen verkauft – ich nochmal anklopfe.

8. Standard-Abschlussfrage: Was sind Deine Pläne für die Zukunft? Hast Du Pläne für die Zukunft? Sollte man Pläne für die Zukunft haben?

Ja, die habe ich in der Tat. Aber wie das so ist mit Plänen, sollte man damit zurückhaltend sein, wenn man drüber spricht. Sind sie gut, kopieren sie vielleicht andere, sind sie schlecht, wird man deswegen aufgezogen. Aber ich will definitiv mehr in Richtung Social Web gehen, auch in beruflicher Hinsicht, und mein ganzes Wissen und meine Erfahrung auch im Business-Bereich mehr einbringen. Pläne sind immer gut, wenn sie einen nicht versklaven. Denn es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, Pläne hätten je den Anspruch gehabt, dass sie auch realisiert werden. Ich glaube ich habe in meinen 42 Jahren noch kein Jahr erlebt, dass auch nur annähernd so verlief, wie man sich das vorher dachte – und kaum ein Projekt, dass sich an den Plan gehalten hätte. Das Leben ist ständige Veränderung, aber wenn man sich nichts vornimmt, bleibt man stehen, und Stillstand kann Rückschritt sein, denn das Leben bewegt sich an einem vorbei, bevor man sich versieht – das gilt sogar für einen Franken. Es sei denn man schafft es, sich immer wieder selbst neu zu erfinden.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen