Pirat für einen Tag

Ahoi! Ich verteile vorweg Abstriche, greift zu! Denn dieser erneut und wie gewohnt höchst subjektive Bericht soll unreflektiert frisch in die Tasten knallen und verwehrt sich garantiert aller Regeln einer ordentlichen journalistischen Grundausbildung. Was ich zu Bloge schreibe ist einfach ein Bild eines Eindrucks, eines ersten, auch um mal später selbst über die Naivität meiner selbst vielleicht zu lachen, wenn ich mal König von Deutschland geworden bin. Macht also Abstriche, denn euer Eindruck wäre sicher nicht der meine an eurer Stelle (oder umgekehrt) und der nächste Tag wird neue bringen.

Ich war gestern mal bei den PIRATEN! Genau, diese komische Partei aus Nerds, die ja eigentlich von nix wirklich ne Ahnung haben aber immer gegen alles sind. Die, die Forderungen stellen, aber NULL Konzept von Gegenfinanzierung vorlegen – und von politische Sachzusammenh- oder zw-änge haben die auch nicht nen Schimmer. Genau, also die, die nur auf der Protestwelle reiten und alles durcheinander bringen, die am Ende noch in Parlamente kommen und dann nicht mal genug Leute kennen, die auch hingehen. Also genau die, von denen man das alles mir im Vorfeld so erzählt hat, wollte ich mir mal anschauen. Dazu ging ich mal zu einen ihrer offenen Stammtische.

Und was würde ich jetzt nun und so danach sagen? – Vielleicht frei nach Douglas Adams: „weitgehend harmlos“

Dies soll wahrlich nicht abwerten klingen, es ist einfach alles irgendwie ganz anders, als man denkt, bisweilen noch bisschen verrückter, aber vor allem nicht so bedrohlich verrückt, wie manche das wohl meinen. Sind die Piraten eine Partei? Ja, klar. Vor allem mit dem ganzen unglaublich verrückten bürokratischem Apperat von Bezirks- und Landesverbänden, GenSek, GO, KV und anderen Abkürzungen, wie sie Frank Lehmann sonst nur von Martin Klapp gehört haben würde. Aber sind sie wie eine Partei? Nö. Eher wie ein Plenum, ein Meinungskessel, bei dem man den Eindruck hat, es ginge eigentlich gar nicht um politische Themen, sondern um das „Wie“, wie man mit politischen Themen umgeht oder politische Themen schafft – außer die politischen Themen drehen sich eben um dieses „Wie“, dann hat man schon so seine Statements. Transparenz, Basis-Demokratie, das sind die Themen, die die Denke der Piraten in ihrer Substanz betreffen, aber ob ein Steuerverschleierungsentdynamisierungs-Gesetz auf EU-Ebene unbedingt zu befürworten wäre, oder nicht, dazu muss man keine Stellung beziehen.

Die Piraten sind für mich (Abstriche, siehe oben) auch keine Protestpartei, denn es fehlt der Protest. Klar gibt es andere Meinungen, genau genommen zu allem, aber eben auch in sich. Die Piraten stellen sich für mich sogar als ein unglaublich kontroverser Kessel von Meinungen dar, die aber vor allem eines gemeinsam wollen: Kochen. Müsste ich heute versuchen die Piraten zu beschreiben, würde ich sagen: Sie versuchen dir nicht das beste Gericht schmackhaft zu machen, noch wollen sie die Herkunft des Gemüses, die Löhne der Köche, die Arbeitsbedingungen der Zulieferer oder die Rechte der toten Tiere klären, sondern sie wollen, dass der Gast das Recht bekommt darüber nicht nur zu entscheiden was er von der Karte bestellt, sondern zu erfahren, was er da genau isst, wie die Bedingungen der Angestellten sind, woher die Zutaten kommen und warum es genau dieses Menü heute gibt – und idealerweise darüber auch noch mitzubestimmen, wenn möglich.

Vielleicht verstehe ich alles derzeit auch nicht ganz, aber ich meine ein anderes Bild bekommen zu haben. Die Piraten stehen nicht für eine andere Art von Politik, sondern für eine andere Art „Politik zu machen“, weg von hierarchischen Systemen und hin zu transparenten Kollektiv-Denken, in dem die Mehrheit das Programm bestimmt, nicht der Mächtigste. Würde ich so einen Ansatz unterstützen? JA! Und NEIN! Ja, weil ich mir nur wenig besseres vorstellen könnte, als den Sumpf aus Lobbyismus und politischer Mauschelei auszutrocknen und jedermann das Recht zu schaffen, sich losgelöst von politischer Ideologie oder Parteibuch einzubringen, Impulse zu geben oder sich schlicht zu informieren. Aber Nein, weil ich die Idee der Schwarm-Politik nicht glaube. Ich glaube einfach nicht, dass der Schwarm immer das richtige tut und dass es immer das Richtige ist, nur weil es eine Mehrheit will, und ich fürchte, dass dies den Populisten und Demagogen dieser Welt in die Karten spielen würde. Was passiert, wenn man der Masse die Programmgestaltung überlässt, sieht man täglich im TV. Und ich glaube nicht, dass es genug Menschen gibt, die es überhaupt wollen – die mitmachen wollen, gehört werden wollen, sich informieren wollen und entscheiden wollen. Und so würde das Parkett von denen dominiert, die am lautesten Schreien, am meisten Wind verursachen und sich überall einmischen.

Aber vielleicht ein bisschen, das wäre schon gut. Wie auch die GRÜNEN einst ihre Ideen einbrachten und wir deswegen heute auch nicht alle auf Bio-Baumhäuser wohnen und Rindentee trinken, wäre ein Erfolg der Piraten sehr wahrscheinlich ein Gewinn für die Gesellschaft, davon bin ich überzeugt. Wenn man begreift, dass wir gerade auch durch das Internet ein neues Zeitalter von Kommunikation bekommen und die Gesellschaft sich ändern wird – spätestens dann, wenn die ersten Generationen „Internet“ erwachsen sind und die letzten analog Aufgewachsenen längst die Finka auf Malle bezogen hat und „nach mir die Sintflut“ ruft, werden Veränderungen notwendig sein. Besser sie jetzt diskutieren, jetzt gestalten, jetzt in Bahnen lenken – als später Scherben zusammenkehren, digitale Plattenbausiedlungen wieder einreißen und fast ausgestorbene Tierarten neu ansiedeln.

Wird das alles ein großer Spaß? Jedenfalls nicht, wenn man die Piraten selbst hört, die das versuchen in ihrer Partei vorzuleben. Extrem sei es, hörte man oder liest es in Erfahrungsberichten, und gar nicht romantisch, die offene Diskussionskultur. Der Grad zwischen digitalen Stalken und Meinungsfreiheit ist schmal für einige, der Schritt von Transparenz zu Verletzung der Privatsphäre für manche zu schnell beschritten. Wer sich schon mal länger in Foren tummelte, der hat schon einen Vorgeschmack, was ihn in dieser Art politischer Meinungsbildung erwartet. Ein dickes Fell brauche man und politische Karriere-Ambitionen solle man besser gleich mal ad acta legen – nicht weil man nicht in Amt und Würden käme, sondern eher, weil man es schnell wieder los werden will.

Die Piraten werde ich weiter interessiert verfolgen, mich vielleicht zu manch weiterer Veranstaltung gesellen, meine Eindrücke bestätigen oder verwerfen lassen. Was die Piraten zu Piraten macht, abgesehen von einer hochprozentigen Durchsetzung von Nerds, ITlern und Leuten, die „was in Medien“ machen (also alles Leuten, die schon über die digitalen Abstimmungs-Tools und grafischen oder kommunikativen Ideen sich begeistern können, mal außen vor, was an politischem Statement bei rumkommt – Alterstruktur 18 bis 50, gefühlt 16 bis 29), ist ihr Idealismus, das die Art und Weise wie Politik entsteht von unten kommen muss und nicht von oben. Das schließt eigentlich per se Machtambitionen innerhalb der Partei selbst aus – mögen sie sich das bewahren.

Ich ließ gestern für einen Tag mal auf die Piraten ein, warf meine Vorbehalte und Vorurteile einmal über Bord, wollte nicht die Meinung Dritter hören sondern mir über diese Partei meine eigene machen und kann sagen: Auch wenn man sich nicht auf die Partei einlassen will, noch auf die Menschen dahinter, so lohnt es sich doch einmal auf die dahinter stehende Idee einzulassen.

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