Aus Liebe – zur Distanz

Für Freundschaft, Beziehung, Liebe scheint es immer nur ein Ziel zu geben: Immer größere Nähe, Vertrautheit, Intimität. Der Wunsch danach wird deutlich, wenn man sich die ganzen Kontaktanzeigen durchliest und sieht, wonach die Menschen suchen.

Es gibt aber in Wirklichkeit nur wenige Menschen, die man – zumindest auf Dauer – in seine bedingungslose Nähe lassen will oder auch kann. Das ist nicht nur auf körperliche Nähe beschränkt, im Gegenteil: Es gilt auch für die verbale Nähe, ja sogar auf eine rein geistige Ebene.

Nähe ist anstrengend. Weil man nur bei ganz wenigen Menschen sich komplett fallen lassen kann ohne nachzudenken – sein kann, wie man ist. Das ist wenigen Menschen vorbehalten – wenn man jung ist gibt es das manchmal zwischen Eltern und Kindern.

Man will das manchmal gar nicht, so zu sein ‚wie man ist‘, weil man sich gar nicht immer mag, wie man ist. Man ist nicht immer, wie man sich gern hätte. Und so ist man in der Nähe gefordert, gefordert das zu sein, was man dem anderen, der nun so nahe ist, gern gegenüber sein will. Sei es auch nur „interessant“ oder „lässig“, „witzig“ oder „sensibel“, „stark“ oder „schwach“. Man will dem anderen, den man aus guten Grund so in seine Nahe ließ, genau so wenig wie sich selbst enttäuschen. Will ihm nicht das Gefühl geben „Aha, also doch er/sie doch nur eine Rolle gespielt und nun fällt die Maske“. Man möchte, dass der andere in dieser Nähe bestätigt wird in der guten Meinung, die einen ja zu einer so intensiven Beziehung brachte – sei es als Partner, als Liebhaber oder eben auch nur als Freund. Und manchmal möchte man auch dem anderen das Gefühl erhalten, dass er in der Nähe immer willkommen sei, auch wenn es einem gerade gar nicht danach ist. Das zu leisten ist einem Menschen gar nicht immer möglich und für etwas Illusion bedarf es der Distanz. Kein Zaubertrick funktioniert, wenn der Künstler keinen Freiraum hat.

Natürlich will man Nähe, wenn eine Beziehung zu einem Menschen mehr ist als eine Bekanntschaft. Aber das Spiel zwischen Nähe und Distanz ist schwierig.

Eine Tür, die gestern auf war, heute zuzumachen, das kann als falsches Signal verstanden werden. Bedauere man vielleicht sie je aufgemacht zu haben? Habe man vom anderen vielleicht schon genug? Hatte man am Ende alles nur missverstanden? Oder war man gar einen Schritt ‚zu weit‘ gegangen?

Wie dieses Spiel zwischen Nähe und Distanz zu balancieren ist, kann man nicht pauschal beantwortet – aber es ist wichtig, danach zu suchen.

Bei Ehen, die lange halten, war die Suche nach einer Balance zwischen „Individuum sein“ und „Paar sein“ meist erfolgreich – dabei das Wir-Gefühl genau so zu schätzen wie den Freiraum, die Privatsphäre. Bei Verliebten ist dieses Spiel zwischen Nähe und Distanz der Flirt, der die Schmetterlinge bringt. Ohne Distanz fehlt das Interessante, das Erzählenswerte, das Überraschende. Und das Unbekannte und Fremde am anderen erhält den Reiz erkundet zu werden. Deswegen zieht man sich beim romantischen Abend auch etwas Besonderes an und sitzt nicht gleich zweckmäßig im Bademantel am Tisch um dann wenig Arbeit beim Auspacken zu haben.

Freunde, die ohne Limits sich immer näher kommen und alle Lebensräume füreinander euphorisch öffnen, knallen meist über kurz oder lang auf den Boden der Tatsachen. Vielleicht weil einer der beiden einen Partner findet, der nun Grenzen einfordert, vielleicht weil es einem der beiden doch zu weit geht und er nur nicht mehr wusste, wie er die Handbremse ziehen konnte, ohne den anderen dabei zurückzustoßen.

Ohne Distanz fällt es schwer sich oder eine Beziehung selbst zu hinterfragen, weil allein die Frage den anderen verletzt.
Ohne Distanz fällt es schwer sich selbst zu verändern, weil man sich dazu gar nicht immer erklären möchte – weil man es vielleicht auch gar nicht kann.

Vielleicht ist das einer der Schlüssel für das Miteinander: Distanz zu wahren – aus Liebe, aus Respekt, aus Freundschaft.