Rettung durch Weltuntergang

… mit minimalem Denkfehler

Wolfgang Münchau stellt in seiner Kolumne bei SPIEGEL ONLINE eine auf dem ersten Blick krude These auf – die “Lösung der Schuldenkrise: Nur der Weltuntergang kann uns noch retten“. Und ohne der Lektüre des Artikels vorzugreifen, der auf die schon hinlänglich durchgenudelte Maya-Kalender-Weltuntergangsmystik aufsetzt, erfreulicherweise ohne sie zu tief zu thematisieren, ist dies der Ausgangspunkt seiner Thesen:

Mich interessiert allerdings in diesem Zusammenhang: Was passiert eigentlich, wenn eine große Anzahl von Menschen an ein fest terminiertes Weltenende glaubt. Nehmen wir den 21. Dezember einfach mal als ein mehr oder weniger willkürliches Beispiel.

Also nur mal angenommen – ok, nehmen wir also mal an. Münchau geht also davon aus, dass ein bevorstehender Weltuntergang (wohlgemerkt kein wirklicher, sonst wäre die Antwort auf die Auswirkungen per se für die Katz) die Lösung alles wirtschaftlicher Probleme wäre. Allein der Glaube daran, dass die Welt (vielleicht) bald untergeht, würde die Fesseln der Finanzwelt lösen, würde Konsumverhalten bewirken, würde langfristige pessimistische Finanz-Strategien aufbrechen und so zu einem Wirtschaftsboom führen, der auch nach Ausbleiben des Ereignisses einen nachhaltigen Effekt hätte – frei nach dem Motto: Wenn der Motor dann mal läuft und Fahrt aufgenommen ist, wird das Boot so schnell keiner mehr stoppen.

Doch wäre das so? Ich sehe da einen kapitalen Denkfehler, der aber vielleicht auch etwas mit der grundsätzlichen Einschätzung des Spezies Mensch zu tun hat. Sicher, man könnte vermuten, dass die Menschen die Restzeit nutzen wollten, noch einmal sich Träume zu erfüllen, noch einmal Venedig zu sehen – bevor der Jordan wartet. Doch bereits da scheitert es vielleicht: Wer sollte all die reiselustigen Endzeitgläubigen versorgen und transportieren. Die (unterstellte) große Anzahl der Menschheit, die fest von einem Ende ausginge, wäre sicher nicht mehr bereit sich so niederen Dingen wie der Erwirtschaftung des Lebensunterhalts zuzuwenden – also zu arbeiten. Und die, die dem ganzen Humbug eh nicht glauben, würden sich ihre Dienste nicht nur teuer bezahlen, sondern sie sich vergolden lassen von den Schicksalsjüngern, die eh kein (Über-)Morgen mehr erwarten.

Wer an das Ende glaubt, würde also alles ‘versilbern’ was nicht niet- und nagelfest ist, denn günstige Kredite würden Banken wohl kaum ausgeben – wozu auch? Die Banken, die auch an das Ende glauben, würden schließen, und die, die nicht daran glauben, würden versuchen aus der Situation maximale Rendite zu erzielen – sprich: Horrende Sicherheitsforderungen, Zinsen und Abtretungen gegen minimales Geld. Und die Inflation, die in der Konsum- und Tourismus-Branche ad hoc ausbrechen würde, würde dazu führen, dass man für die Verpfändung seines Boliden nicht mal mehr Venedig leisten könnte, sondern maximal Buxtehude – wenn man da noch hinkommt, weil Benzin und Transportkosten ins Unermessliche stiegen und die Autobahnen vor Weltuntergangs-Urlaubern ins Chaos versänken.

Doch all das wären nur ein Randrauschen. Was würde der Mensch tun, wenn er wirklich an das nahe Ende glauben würde. Fragen wir vorweg anders: Was würde der Mensch nach dem Ende erwarten? Nix. So jedenfalls wohl die meisten im aufgeklärten humanistischen Europa. Leere. Tod. Ende. Die meisten würden, glaubten sie dem Maya-Kalender, am 22.12.2012 davon ausgehen, dass sie und der Rest einfach weg wären, ausgelöscht – kein ewiges Leben und die Sache mit der Wiedergeburt könnte man mangels Welt wohl auch knicken, wenn man darin seine Hoffnung sah, nicht mal als Wurm. Was macht also eine Gesellschaft, die zu einem Großteil an ein nahes Ende glaubt und keine ethisch-moralischen Überzeugungen für das Danach besitzt? Er nimmt sich, was er nicht kriegen kann, weil es keine Schuld danach gäbe, keine Verantwortung, keine Strafe, keine Buße.

Die nette Idee vom Wirtschaftswachstum durch freudige Konsumenten im Anbetracht des bevorstehenden Endes klingt fast so wie das launige Ergebnis eines FDP-Männerabends – ließe man nur endlich allen die Freiheit, sie würden … was? Konsumieren und fröhlich gemeinsam die Wirtschaft ankurbeln? Allein dafür fehlte mir mehr der Glaube als an den bevorstehenden Weltuntergang kraft Maya-Kalender. Marodierende Horden würde ich vermuten, brandschatzend, plündernd und vergewaltigend – der stärkste, brutalste und skrupelloseste würde sich schlicht das nehmen, was man ihm nicht freiwillig gibt und was ihm sein Leben lang versagt wurde. Nur wer es sich leisten kann, würde sich Schutz kaufen können bei denen, die auch an eine Zukunft glauben und sich diese vorsorglich absichern in Anbetracht des Risikos. Eine öffentliche Ordnung würde kollabieren. Und das Danach, nach dem ausgebliebenen Weltuntergang? Eine Verschiebung der Machtverhältnisse, instabile Ordnung, Selbstjustiz, Armut derer, die alles aufgaben, Macht derer, die die Situation ausschlachteten.

Würde ein solches Ereignis in der Überzeugung einer großen Anzahl von Menschen umgreifen, würde die Gesellschaft sich nicht erholen, sie würde dafür bezahlen – bezahlen, dass sie ihr Selbstverständnis nur noch auf Konsum gebaut hat und Fragen wie Ethik und Moral den Mammon längst geopfert hat.

So witzig die Idee einer Wunderrettung durch Weltuntergangsstimmung klingt, sie funktioniert nicht einmal im Denkmodell wirklich. Da bleibe ich doch eher bei einer anderen “Idee”, die in allem so zu verstehenden Sarkasmus nämlich bereits oft genug funktioniert “hat”… Und zur Lösung der Schuldenkrise spukt sie vielleicht bereits wieder in manchen Köpfen: “Wir brauchen einen Krieg” – Mögen wir davor bewahrt bleiben.