Was ist heute schon ’normal‘?

Ich kann mich noch gut an die Diskussionen von damals erinnern als irgendwann das Totschlagargument in den Ring geworfen wurde, dass es eben „nicht normal“ sei und deshalb eben falsch. Als man bspw. über den Aussteiger debattierte, der nach dem Studium einfach nicht arbeiten wollte, oder die alleinerziehende Mutter, die ihren Macker davon gejagt hatte, das homosexuelle Ehepaar im Nachbardorf, den blauen Haare der Nachbarstochter. Tätowieren, Piercing, mit zerrissenen Hosen rumlaufen, sowas mache man einfach nicht, dass sei eben einfach nicht normal. Warum könne ‚man‘ nicht einfach sich normal verhalten? Warum können sich nicht alle einfach normal verhalten? Dann wäre die Welt in Ordnung.

Und irgendwie leuchtete mir das ein. Also nicht die Notwendigkeit immer „normal“ sein zu müssen (im Gegenteil, eben nicht normal sein zu wollen gehörte als Jugendlicher ja zum Teil des Lebenskonzepts), aber doch dessen Existenz. So wurde ich Erwachsen und irgendwo in meinem Hinterkopf tickte die Überzeugung, dass es irgendwo und für alles ein „Normal“ gäbe und dementsprechend eine Positionierung als „im normal“ und „nicht normal“ – ob gewollt oder nicht.

Heute, in der vermeintlichen Mitte meines Lebens zweifle ich daran. Ich bezweifle so langsam, dass es ein normal gibt. Vielleicht je gab? Gab es das damals vielleicht und heute nicht mehr? Zumindest gab es damals noch klassischere Rollenbilder, eine klarere Vorstellung des „Normalbürgers“. Mann, Frau (1-5 Jahre jünger), Familie mit 2 Kindern, Mann der Ernährer mit 40 Stunden die Woche, Auto, irgendwann kleines Häuschen mit Hund oder Katze. Je nach Auskommen 1-2 Urlaube im Jahr, bisschen Erspartes, gediegene Einrichtung, solider Garten. Dass diese Fassade des deutschen Normalbürgers, der schon bei einen ‚Farbigen‘ wie Jimmy Hartwig in seinem Lieblings-Fußball-Club das exotische sah, zumindest in den Köpfen bestand, dürfte unbestritten sein.

Ich kenne viele, die dieses Normal-Sein sich ersehnten. Die genau dieses Lebensmodell als erstrebenswert ansahen wie das gelobte Land nach den Irrungen durch die Wüste. Seine Frau/seinen Mann des Lebens finden, Kinder kriegen, Baum pflanzen, Haus bauen und den Windelbomber auf der Einfahrt parken und den netten Nachbarn beim Rasenmähen zuwinken. Normal war das aber wohl schon nicht, als es noch normal war, das als normal anzusehen. Kaum eine Familie, die man kannte (oder was man heute so erfährt), die dieses Bild gelebt haben – zumindest auf Dauer. Geschieden, betrogen, finanziell übernommen, von Krankheit gezeichnet, bisweilen auch psychisch, am Leben als Biedermann verzweifelt. Mit Mitte 40 dann der Knall, als die Kinder aus dem Haus waren, die Finanzierung aus dem Gröbsten – man nannte das Midlifecrisis, und das war auch irgendwie normal, wurde aber vertuscht, weil man ja nicht unnormal sein wollte, die Leute reden dann ja – und da blieben die Ehepartner in der Zweckgemeinschaft eben lieber auf dem Papier zusammen.

Doch was ist heute schon normal? Mag das Bild früher ein geheucheltes gewesen sein, es stand doch synonym für ein Gesellschaftsbild. Auch heute wird das Bild noch in der Werbung bemüht, wenn der überforderte Mann mal die Wäsche machen und auf die Kinder aufpassen musste, weil ’sie‘ mal für ein paar Tage nicht da war (wahrscheinlich auf Wellness-Trip mit der Freundin), er dann aber zur Aufmunterung ein Leckerli bekommt – bevor er wieder ins Büro darf und endlich alles wieder normal wird. Doch das Familienbild stimmt längst nicht mehr, zumindest nicht in der Stadt, zumindest nicht dort, wo ich es mitbekomme.

Die langjährige Ehe ist eher die Ausnahme, die Ausnahmen sind die Regel. Lebensabschnittspartnerschaften, Scheidungen/Trennungen, Alleinerziehende, Patchwork-Familien – das sind eher die realen Geschichten. Das Auto ist nur geleast, das Häuschen – wenn überhaupt – nur gemietet oder so finanziert, dass auch die Enkel noch was von der Abzahlung haben oder eben Omas Häuschen dafür als Anzahlung draufging. Der Job wird oft gewechselt, so auch der persönliche Standort. Langjährige Bindungen auch zu seinem realen Umfeld sind nicht mehr sonderlich en vogue. Wir konsumieren „Leben“, vielleicht weil wir gar nicht wissen, wofür wir es aufheben sollten, was es für einen tieferen Sinn hätte, sich an etwas außerhalb des konsumierens zu orientieren?

Ich kann mit der Erkenntnis wenig anfangen. Der Verlust meines Paradigma, dass da irgendwo die Normalität auf uns alle wartet, findet keine Wertung. Ist es besser erst gar keine zu haben, als eine vermeintliche, an der man persönlich scheitert, die nur Fassade ist, die im Prinzip nur Heuchelei darstellt? Oder ist es ein Verlust, dass es nicht mal mehr ein Leitbild gibt, dass die Gesellschaft vor lauter Variabilität, Flexibilität und Individualität nur ein zusammengewürfelter Haufen wird. Ergibt das viele verschiedene am Ende ein erfrischendes „bunt“ oder wie im Malkasten irgendwann einfach ein trostloses „Kackbraun“?

Neulich hörte ich einen Witz von Statistikern: Drei Statistiker gehen auf die Jagd, um sich das Essen für den Abend zu besorgen. Sie entdecken ein Reh. Der erste schießt – doch rechts vorbei. Der zweite schießt – knapp links vorbei. Der dritte packt sein Gewehr wieder ein ohne zu schießen und meint zufrieden „Im Mittel getroffen!“