Blitzlicht-Gewitter über ABC-Schützen

„… und darum bitte ich Sie, liebe Eltern, Verwandte und Freunde, das Fotografieren während des Gottesdienstes zu unterlassen. Es wird danach ausreichend Gelegenheit dazu geben“ – sprach der Herr Pfarrer und fand sich nur kurze Zeit später im Kreis der zu segnenden Schulkinder noch einmal umringt von einer ganzen Battalion von allem was in der Lage ist, Bild und Ton irgendwie festzuhalten. Die Frage, was wohl geschehen würde, würde Herr Pfarrer vor einem Gottesdienst ausdrücklich auffordern alles abzulichten, was der Akku hergibt, mag man sich da gar nicht mehr stellen.

Zum zweiten Mal als Repräsentant des Standes deutscher Familienväter bei der Einschulung seines Erbguts zugegen, und daher wohl auch mit etwas emotionalen Abstand gesegnet, der in der überbordenden Aufregung der Premiere beim älteren Filius noch nicht möglich war, merkt man erst, wie bescheuert wir Eltern uns doch an solchen Tagen aufführen. Als ginge es um die Dokumentation der Papstsegnung, dem Stapellauf eines Jahrhundertschiffes oder die 1. Marslandung, kein Detail des Geschehens darf unfotografiert vergehen, keine Gesangseinlage ungefilmt. Fällt eines Tages einer Außerirdischen Invasion unser gesamtes Datenmaterial in die Hände, sie ersticken in allein sicher 100 GB Fotos und Videomaterial des Einschulungstages am 14.8. einer einzigen Schule im hessischen Frankfurt.

Krude, witzig, sinnlos. Ja, wäre es, wenn die visuelle Dokumentation nicht offenbar mittlerweile eine derartige Wichtigkeit erlangt hätte, die das eigentliche Event beinahe zum Nebensache erklärt. Ja, die Einführung einer elterlichen Pressetribüne ohne Sichtbehinderung wäre längst überfällig. Kein Wunder also, dass man sich mit den Kindern um die besten Plätze streiten muss, und dass man die Wege zum neuen Klassenzimmer blockiert, schließlich braucht man das Kind ja „auf sich zukommend“ im Close-Up für einen emotionalen Schnitt später am Home-PC und Mac.

Die Worte der Schulleiterin hörte man wohl, das Mahnen sich in die Kinder hineinzuversetzen, die da auf eine Wand elterlicher Paparazzi zulaufen müssen, selbst aufgeregt und in Anbetracht der Größenunterschiede nicht erkennen könnend, was vor einem liegt. Und so quälte man sich an diesem Tag an vor Eingangstoren Foto-posierenden Gruppen vorbei in die Kirche, aus vor Ausgangstoren Foto-posierenden Gruppen vorbei aus der Kirche – tingelte auf den Schulhof, um sein Kind eingekesselt im Kreis von 1000 Kameras, Cams und Smartphones zu überlassen. Als dann endlich die Tore der Schule geschlossen und die Eltern auseinandergetrieben waren, hatte man fast das Gefühl der Erleichterung, dass ein ganz schwerer Teil der Schule nun überstanden sei.

Missmutig betrachtete ich meine eigenen Aufnahmen und fand mich just in einer fotografischen Sinn- und Schaffenskrise wieder. Dank vernünftiger Objektive zwar selbst in der Lage, die Ablichtungen ohne Störung der Protagonisten vorzunehmen, fragt man sich doch nach dem „Wozu?“. Erstickend in einer Flut aus Abbildungen, deren Präsentation längst zu lästiger Pflichtaufgabe geworden ist (schließlich waren die meisten, die es interessiert, ja selbst dabei und haben selbst wiederum alles abgelichtet), und versinkend in einem Meer aus Pixeln auf der Festplatte, deren Durchsicht wohl nur den Fotografen selbst mitunter eine Freude bereitet. Und sind wir auch mal ehrlich: Trotz HighTec in Händen haben die meisten von Bildkomposition und Motiv keinen Dunst, der Wahlhebel auf „Auto“ ist bereits korrodiert und die Funktion des Abschaltens des Blitzes gänzlich unbekannt.

So beginnt die unfotografierte Erinnerung eines Moments zum Ereignis zu werden, in dem die Phantasie grenzenlos bleibt und bei dem mit dem Vergehen der Jahre die Zeit ihre angenehme Milde walten lassen. Und manchmal sehnt man sich zurück, als man Filme noch in Rollen abgeben musste und die 24 Exponate eine gewisse Fertigkeit erforderten, die man auch aufgrund des Preises für Abzüge nicht ganz so leichtfertig außer Acht ließ. Vielleicht war das gar nicht schlecht und vielleicht war der Umstand, dass man auf die Frage „Wie war es?“ nicht 100 Fotos am Flachbildschirm präsentieren konnte, sondern einfach erzählen musste wie es war, ein Segen, denn so musste man, um es wiedergeben zu können, erstmal darauf konzentrieren um zu erleben, was wirklich gerade passierte.