Das Leben der Bilder

Die Straßenbahn fährt langsam um die Ecke der Zuckschwerdtstraße auf mich zu und kurz vor der Amtsgasse, in der ich stehe, wird sie abbiegen und in die Bolongarostraße rechts von mir einbiegen. Ich lebe in einer Stadt mit Straßenbahn. Und das seit mehr als 10 Jahren. Und mir wird es gerade erst richtig bewusst.

Als Kind vom Land war U-Bahn und Straßenbahn was für die große Stadt, bei uns gab es den Bus. Wenn ich die Augen schloss, dann sah ich die Straßenbahnen sich durch das Gewirr aus Autos und Fahrzeugen sich den Weg bahnen wie durch eine Modellbahn-Landschaft. Ihr Klingeln hörte ich bei meiner Schwester in der Wohnung wie das Knarzen an der Weiche. Klingeln und Knarzen zu hören hieß, dass man unterwegs war, meist abends – in der Stadt.

Ich komme von der großen Wiese an der Wörthspitze, wo die Nidda in den Main mündet. Wir haben dort mit mäßigem Erfolg aber viel Vergnügen versucht Drachen steigen zu lassen, was bei dem wenigen Wind nicht so einfach war. Danach liefen wir nach oben, wir wollten pünktlich zu Hause sein, es war Sonntag und es sollte Braten geben. Auf dem halben Weg war es, als ich die Straßenbahn sah, die die Zuckschwerdtstraße herauf kam, und das ganze Leben wie ein Schwall durch meine Adern fuhr. Das Leben in einer Stadt mit einer Straßenbahn, das Leben an einem Fluß, Vater sein, Drachen steigen lassen. Man wollte das Gefühl festhalten, aber das kann man nicht.

In Bildern, vor allem in Bewegtbildern, erscheint alles so intensiv, so klar, so schön. Als ich mein Fenster morgens aufmachte im Badezimmer, sah ich auf den Turm vom Höchster Schloss, wie er im Sonnenlicht fast gleißend strahlte und ein Vogelschwarm ihn umflog, fast pitoresk. Da war es das erste Mal am Tag gewesen, als dieses Bewusstsein schon einmal Realität wurde, in der Amtsgasse kam es wieder. Dann fuhren wir nach Hause, die Tochter vorneweg, wollte zeigen, wie gut sie schon nach Hause findet, wir hinterher.

Die Bilder dieses Tages sind in meinen Kopf. Echte Bilder, meine Bilder. Kleine Schätze.