Der letzte Wunsch

Ich finde die Geschichte des “Letzten Wunsch von Jens Pascal” sehr tragisch und als Vater junger Kinder leidet man immer ganz besonders mit, wenn man von solchen Schicksalen hört. Aber bei aller Betroffenheit – daraus nun einen Shitstorm für die Kirche basteln? Ich mein: 1. Waren die Eltern nicht mal in der Kirche und 2. Ist auch die Trauer der anderen zu berücksichtigen und eine dezente Grabgestaltung manchernorts eben auch wichtig.

In Frankfurt hab ich bspw. einen Grabstein gesehen, der neben einem BVB-Logo (dort scheinbar zulässig) einen zerfledderden Adler zeigte, weil der Verstorbene eben nicht nur glühender BVB-Fan, sondern auch entschiedener Eintracht-Hasser war. In meinem Heimatdorf war ich am Sonntag und durfte mir neben den Gräbern meiner Großeltern, die ich besuchte, quasi die neueste Kollektion der aktuellen Grabstein-Mode anschauen – die einen mit glitzerndem Sternenflor, die andern mit monumentaler Grabplatte, die anderen mit moderner plastischer Kunst, die ein Kreuz aus Leibern bildeten. – Freiheit, so denke ich mir da, endet eigentlich ja dort, wo die Freiheit des anderen endet. Und wenn ein auffälliges Objekt einen ganzen Friedhof in der Erscheinung prägt und so Trauernde stört …

Öffentliche Empörung ist immer schnell da, wenn man vermeintlich einfache Dinge zusammenzählen kann und der zu Bewerfende so ein “dankbares” Opfer wie die Bahn oder die Kirche ist. Da ist man schnell dabei, kann auch endlich mal ablassen, was man schon immer (nicht) von der Kirche hielt. Der eigentlichen Geschichte, dem Andenken des kleinen Jungen, tut man dabei aber keinen Gefallen, wenn man quasi in seinem Namen seinen ganzen Frust und Hass auf eine Institution auskotzt, über die man sich genau genommen seit Jahren schon nicht mehr informiert, noch irgendwelche Verbindungen dazu hat.

Wer die Kirche heute ablehnen will, der soll halt eben austreten. Der politische und gesellschaftliche Einfluss ist – zumindest in Deutschland – eh nicht mehr so relevant, dass ein Feldzug dagegen lohnt. Im Gegenteil. Man wünschte sich ja manchmal gar wieder einen stärkeren Einfluss moralischer Instanzen auf die Politik, die scheinbar nur noch Spielball wirtschaftlicher Interessen und Lobbyismus zu sein scheinen.

Vielleicht sollte man sich das alles einfach mal durch den Kopf gehen lassen, bevor man unreflektiert sich zum nächsten Shitstorm aufmacht. Wahrscheinlich gibt es sogar Lösungen, die naheliegend und machbar sind, wie bspw. ein dezentes BVB-Logo – es muss ja nicht in Neon-Gelb sein. Aber dazu müsste man überhaupt mehr über den Fall wissen als die wenigen plakativen Informationsschnipsel, die in den Medien verheizt werden.

“Das Objekt des Streits ist ein schmaler Grabstein, darauf das BVB-Logo nebst dem Spruch “Echte Liebe” – ein Slogan, den Borussia Dortmund auch selbst verwendet. Obendrauf soll noch ein Fußball liegen.” (Quelle: SPON)

Bitte nicht falsch verstehen, aber ich habe einfach auch Probleme damit, wenn ausgerechnet immer dann der große Aufschrei von Leuten kommt, die fehlende Toleranz oder mangelnde Leistungen von Institutionen wie der Kirche anprangern, die sich schon lange von ihr distanziert haben oder sich das ganze Jahr nicht drum kümmern. Sei das beim Begräbnis der Oma oder sei es bald wieder am bevorstehenden Weihnachtsfest, wenn sich die Leute beschweren über zu wenig Sitzplätze oder zu langem Gottesdienst oder nicht guter Performance beim Tränendrüsenklassiker “Stille Nacht”. Und da ist dann nicht die Frage, die auch Hans Sarpei einwarf, ob Gott da anders entscheiden würde – sondern es geht schlicht darum, dass man gerade denen, die ihren Glauben in der Kirche das ganze Jahr ausleben wollen, die ungestörte Religionsausübung zugestehen sollte und ihnen nicht dann mit der Forderung nach Tolerenz kommt, wenn es einen gerade selbst mal in Kram passt.

Schade, dass so eine Diskussion so ein trauriges Schicksal wie das des Jungen überlagert. Ich wünsche mir für ihn sein BVB-Logo auf den Grabstein, aber verliere mehr und mehr den Glauben an die Sinnhaftigkeit von öffentlicher Massen-Echauffierung aka Shitstorm.