Spurlos

Ja, damals hatten wir eben noch keine Konsole, TV hatte auch nur 5 Sender und über Internet brauchen wir gar nicht reden. Sohn lächelt einen müde an, wenn man über die alten Zeiten der eigenen Kindheit schwadroniert, wahrscheinlich ähnlich müde wie man selbst, als der Vater Anekdoten über die Nachkriegsjahre, die harte Arbeit auch schon als Kinder und barbarische Schulerziehungsmaßnahmen zum besten gab. Aber nicht nur die Freizeitgestaltung wird sich im Leben der „digital natives“ von der unserer auch im Rückblick geändert haben, es ist auch der Umgang mit der Vergangenheit selbst, der sich komplett ändern wird.

Wer erinnert sich nicht an den Jungen aus der Schule, dessen Namen man nicht mehr parat hat, und der dann irgendwann wechselte oder einfach aus dem Leben verschwand. Oder an den Urlaub, der mit jedem mal erzählen noch besser, schlechter oder kurioser wird. Die Erinnerung an unsere eigene Vergangenheit ist selektiv – sie malt uns Geschichten, die es so wahrscheinlich damals nie gegeben hat und doch glauben wir daran, weil wir es ja selbst erlebt zu haben glauben. Unsere Erinnerung klammert sich an die paar Fotos, die man damals analog knipste, an eine Postkarte oder ein paar verbliebene Erinnerungsstücke. Die Erinnerung prägt uns ein Bild, das am Ende dominiert wird von einer uns vielleicht selbst nicht mal bewussten Grundstimmung, eine gemachte besonders prägende gute oder schlechte Erfahrung, eine enttäuschte oder erwiderte Liebe, Sorgen oder Unbeschwertheit – und manchmal auch einfach an unser Naturell als Zyniker, Harmoniebedürftiger, Rechthaber oder Schönmaler.

Menschen, die wir damals aus den Augen verloren hatten, blieben spurlos verschwunden – ging es um wirklich wichtige Belange, war man auf eine Auskunft des Einwohnermeldeamts angewiesen oder wenn es hart auf hart kam auf die Dienste einer Detektei. Heute ist der Schulfreund von damals in der Regel auf Facebook, LinkedIn, Xing & Co. und zur Not eben Google in der Regel einen Klick weit entfernt. Kein Gesicht, keine Story, kein Urlaub, kein Erlebnis, das nicht mindestens fotografiert, dokumentiert, geshared und kommentiert wurde. Die Erinnerung braucht keine Fantasie mehr, sie lässt sich sogar nur noch schwerlich schönfärben oder leugnen – man schlägt sie einfach nach, durchblättert die unzähligen eigenen und fremden Bilder und Videos. Das einzige, was uns noch hindert unsere Vergangenheit selbst lückenlos zu überwachen, ist „Big Data“, also die schlichte Überflutung mit Informationen, deren Probleme nicht ihre Verfügbarkeit ist, sondern die Möglichkeit sie in der Masse zu erfassen.

Viele Weltbilder, ein Großteil unserer Geschichte, viele Elemente der Religionen sind entstanden aus der Überlieferung und deren Korrektur durch die Erinnerungen derjenigen, die sie weitergaben. Was wird daraus entstehen, wenn solche „Übermittlungsunschärfen“ irgendwann nur noch auf deren Bewertung, nicht aber mehr auf essentiellen Dingen beruhen? War/ist das Vergessen, das Modulieren der eigenen Vergangenheit nicht auch ein Schutz oder gar ein Wesensbestandteil des Menschen? Ist es nicht manchmal besser, wenn man Dinge ruhen lassen kann, wenn Narben verheilen dürfen, wenn Geschichte verblassen darf, damit man im Vergessen seinen Frieden findet? Wird die Omnipräsenz aller Fehlverhalten von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter nicht nur der Prominenz u.a. im Fadenkreuz des Boulevards zum Fallstrick werden? Oder werden unsere Kinder oder die Folgegenerationen Meister im modulieren und verschleiern ihrer digitalen Vergangenheit, wird die „online reputation“, die digitale Vergangenheit, zum unwirklichen Phänomen, ein gigantisches Archiv von Unwahrheiten, Geschichtsfälschungen oder doch zumindest Schönfärberei? Und deren nachträgliche Korrektur eine Aufgabe für Spezialisten?

Die Gegenwart verändert gerade ihre eigene Vergangenheit, bzw. ihren Umgang mit sich selbst indem sie sich in Stein meiselt – und je länger man darüber nachdenkt, desto öfter lässt man die Kamera zu Hause, twittert und facebooked nicht, was man gerade getan hat und lässt vor allem seine eigenen Kinder aus der lückenlosen digitalen Erfassung heraus, damit sie eines Tages selbst entscheiden können, wie und wieweit ihre eigene Vergangenheit einmal in die digitale Geschichte eingeht.