Es wird Herbst, die Tage kürzer, die Nächte dunkler – der Blues kommt über das Land, manche nennen es Herbst-/Winterdepression und sie kommt bei vielen so zuverlässig wie die Herbst-/Winterkollektion im Modebiz.
Man verliert die Leichtigkeit, alles ist schwerer, auch das bloggen, twittern, Facebook – alles. Sogar das Bier schmeckt schlechter. Wozu überhaupt noch bloggen, sich da reinbringen, nackisch machen vor einer Welt, die doch eh nur mit sich selbst beschäftigt ist, die nicht einmal bemerkt, wenn man selbst nicht mehr teilnimmt, bei der man nur mittendrin ist, solange man den Kasper und Zampano mimt, aber durchfällt, wenn man nicht mehr reagiert oder einfach schweigt. Lieber wieder nach dem “echten” suchen, das was sich lohnt, das Hier und Jetzt?
Das Internet hat zuviel Platz in meinem Leben eingenommen. Und soviel ich auch gewonnen und erlebt habe, muss ich einsehen, dass ich durch meine Netzaktivitäten letztlich mehr verloren habe. Ich besinne mich wieder auf mich. Ich habe keine Lust mehr, mich stundenlang mit Konversationen abzulenken, aus der Realität zu flüchten. Habe keine Lust mehr, auf Feedback zu warten (Besucherzahlen, Kommentare, Replies, Followerzahlen etc.) Ich habe keine Lust mehr, mich selbst pausenlos unter Druck zu setzen (Blogartikel schreiben, Fotos veröffentlichen, Anfragen beantworten etc.) Jetzt, zum Ende hin, wurde aus dem ganzen Spaß bitterer Ernst. Zu spät habe ich es erkannt, dass ich mich in einer virtuellen Welt verlor, die verschwunden ist, sobald ich den Stecker ziehe. Bevor mir der Stecker gezogen wird, mache ich das nun bewusst
aus: Alles Roger – Alles Aus
Ich kann das alles verstehen, kultiviere meine Herbst-/Winterdepression auch mit zunehmender Begeisterung. Und dennoch – wie ich heute auch einen Freund schrieb: Zu viele haben im Netz alles demonstrativ schon hingeworfen und pathetische “SCHLUSS! AUS!-Artikel” geschrieben – und dann wieder angefangen. Es verliert für den Beobachter die Glaubwürdigkeit. Es ist wohl eher wie bei Selbstmördern: Die, die sich erklären, wollen eigentlich nur gerettet werden. Sie wollen ermuntert werden, wollen einfach ein bisschen Bestätigung, dass es eben doch nicht so ist, wie “Alles Roger” schreibt. Eben kein “Nichts” nach dem Stecker ziehen, kein Vergessen nach dem Tür zu machen.
Und tatsächlich ist es auch so, das weiß man, wenn man alles schon mal selbst mitgemacht hat. Es ist keine Leere nach dem Sign Off, kein Vergessen. Es gibt vielleicht nicht viele, die einen vermissen, aber doch einige. Vielleicht auch nur einer oder zwei, was soll’s? Es ist eher die Frage, wonach man selbst schielte: Nach der großen Beliebtheit? Nach der Rampensau, die man sonst nie wurde?
Ich schrieb es schon mal vor gefühlter langer langer Zeit und ich zitier nur kurz draus:
Bloggen ist nicht mehr oder weniger wie eine Beziehung, vielleicht sogar deine große Liebe.
Bloggen anzufangen ist wie ein erstes Date, es ist so unbekannt und spannend, auf der einen Seite so vollkommen ohne Verpflichtung, auf der anderen Seite ahnt man, dass es dein Leben prägen kann. Alles was du machst ist neu, jede deiner Geschichten noch nicht erzählt. Über jeden Witz wird gelacht, keiner der abwinkt und sagt »den hast du aber schon mal erzählt«. Und alles fühlt sich, nachdem die Furcht vor ‘dem Fremden’ vergangen ist, einfach verdammt gut an. Es ist spannend, es fördert und entdeckt was in dir, was du noch nicht kanntest.
Die erste Zeit ist ein Staunen und Entdecken und wenn die ersten regelmäßigen Leser kommen, die ersten Feedbacks zu lesen sind, vielleicht sogar du das erste mal woanders zitiert wirst, kommt das einem bloggerischen Orgasmus ziemlich nahe. Du beginnst dein Blog zu lieben, weil es so gut zuhören kann, und dein Blog gibt zurück: Aufmerksamkeit, Bestätigung, Anerkennung, Zerstreuung, Lebensfreude oder Kummerkasten.
Doch wie es in einer Beziehung so geht: Auch das lässt nach. Man gewöhnt sich daran und die Ansprüche werden höher, freut man sich am Anfang über jeden neuen Passanten, kriegt man bei andauerndem Besucher-Sommerloch schon mal den Blog-Blues. Man versucht dagegenzuarbeiten, sich vielleicht sogar Statistik-Verbot zu erteilen, doch das ist es ja gar nicht. Es ist einfach nicht mehr, wie es mal war. Und der Versuch wieder mal so zu tun wie frisch verliebt, wirkt beim ersten Mal noch witzig und klappt mal kurz prima, doch selbst das ist nicht beliebig wiederholbar.
aus: Bloggen ist wie eine große Liebe
Mag sein, dass Leute angefangen haben sich in diese virtuelle Welt zu werfen, dort aber eigentlich gar nicht hingehören, weil es eigentlich wider ihre Natur ist. Das ist so wie bei den Rauchern. Es gibt eben rauchende Raucher und rauchende Nicht-Raucher (wie auch nicht-rauchende Raucher etc.). Der rauchende Nicht-Raucher hat nur ne dumme Angewohnheit und kann beim erstbesten guten Grund sofort aufhören. Umgekehrt ist es auch im Netz: Wer hier nur mitmachen wollte, um dabei zu sein, der wird die erste Krise auch für den Absprung nutzen. Wer das nicht kann (bspw. aus beruflichen Gründen), wird sich maximal damit arrangieren, aber es nie lieben. Wer aber infiziert ist, für wen dieses Internet eigentlich erfunden werden müsste, wenn es nicht schon erfunden wäre, der wird sicher solche Sinnkrisen haben, danach aber sich selbst neu erfinden und wie in einer Beziehung oder wie in seinem eigenen Leben Korrekturen vornehmen, gute Triebe kultivieren, schlechte entsorgen, sich neu kalibrieren und dann gestärkt und vielleicht auch ernsthafter und strukturierter das nutzen, was er zum Leben braucht oder was ihm wirklich gefällt.
That’s (virtual) life!
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Blog-Tags: Bloggen, Blues, social networks
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