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Der Verlust von These und Antithese

In Deutschland hätte man die Streitkultur verloren – mit der Aussage kommt man in intellektuellen Kreisen zumindest in die nächste Runde des Smalltalks am Abend. Doch was genau bedeutet das eigentlich? Gestritten wird doch genug, auch medial öffentlich.

Gemeint ist wohl nicht der Verlust des Streits, sondern eher der Verlust der Diskussionskultur. Für mich bedeutet das, dass Diskussionen dem Grunde nach nicht mehr wertneutral begonnen werden. Der Ausgangspunkt einer Diskussion der heutigen Tage sind keine Argumente und Thesen, es folgt keine Erörterung und das Ziel ist keine Synthese. Heute ist der Ausgangspunkt einer “Diskussion” stets eine bereits gefasste Meinung, die es zu verteidigen gilt und als Ziel (idealisiert und stets unerreichbar) gilt der Kompromiss.

Diskutieren kommt aber originär vom Verb discutiare und bedeutet „eine Sache untersuchen, erörtern, besprechend erwägen”. Es geht eben nicht darum mit einer vorgefassten, bereits selbst untersuchten, erörterten und erwogenen Meinung in den Ring zu steigen, sondern in gemeinsamer Runde Thesen und Antithesen (also die Thesen, die man vermeintlich nicht vertreten wird) abzuwägen, indem man bspw. sie auch einmal als wahr unterstellt oder aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

Dem subjektiven Empfinden nach ist heute aber bereits der Einstieg in eine Diskussion ohne dabei eine feste Meinung zu verteidigen als Schwäche stigmatisiert. Es gilt die eigene Stärke und Überlegenheit zu demonstrieren – “Recht haben” und “Recht bekommen” ist die Zielvorgabe.

Der Kompromiss wird gesellschaftlich als nobler Akt der Vernunft gewertet. Nach verbaler Schlacht gilt es Abstriche zu machen und von der eigenen Meinung - um des Konsenses Willen - ein Stück entgegenzugehen. Der Kompromiss ist kein Akt der Einsicht aufgrund der Argumentation, er ist ein Akt des Friedens, ohne dabei von seiner Grundsatzhaltung abzurücken. Darum wird der Kompromiss auch bei nächstbester Gelegenheit gern verworfen.

Eine Diskussion ist das alles aber nicht. Diskutieren erfordert eine gewisse Offenheit und gedankliche Flexibilität. Das Ziel ist weder einen (oft dann auch ‘faul’ genannten) Kompromiss zu erzielen noch das Durchsetzen oder Behaupten von eigenen Standpunkten. Ziel und Sinn einer Diskussion ist die Sache, das Abwägen von Thesen und Antithesen, also die Erörterung eines Themas um es wirklich zu verstehen. Eine Diskussion soll einen dabei in die Lage versetzen die eigenen Thesen einer Prüfung zu unterziehen – durch andere, aber auch durch sich selbst, indem man auch selbst sich in die Lage versetzt die favorisierte Ansicht für einen Moment in Frage zu stellen oder gar fallen zu lassen.

Die Rückgewinnung von Diskussionskultur würde daher erfordern, dass auch die gesellschaftliche und mediale Anerkennung der Diskussion an sich wieder gestärkt würde. In einer ergebnisorientierten Zeit, in der sich im Idealfall die eigene These auf eine Headline oder in 140 Zeichen pressen lassen muss, fehlt es aber allein am Willen der Auseinandersetzung. Es würde vielleicht sogar die Einsicht erfordern, dass Themen keine allein selig machenden Wahrheiten haben, dass Kompromisse nur ein Mittelweg ist, der beiden Seiten nicht gerecht wird und dass der berühmte Weg eigentlich das Ziel wäre – sprich: Eine Diskussion kein Ergebnis haben muss, sondern einen Prozess begleitet.

Wir meinen in Informationen zu ertrinken, dabei ertrinken wir in einer Flut von Meinungen. Wir lernen nicht zu schwimmen, wir suchen nach den größten Booten.

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Der große Bau

Neulich lief ich an einem großen Bau vorbei – eine ganze Reihe von Gebäuden, um genau zu sein, die gerade aus dem Boden gestampft werden.

Hmm, dachte ich mir, das wird die Bauarbeiter freuen, das ne Menge gute Arbeit. Aber wahrscheinlich, dachte ich mir, sind die nicht mal gut bezahlt oder werden gar durch halb Europa hergekarrt, weil woanders jemand noch weniger verlangt als Stundenlohn. Die Bauarbeiter werden vielleicht froh sein überhaupt einen Job zu haben – nicht mehr, nicht weniger.

Aber dann doch wenigstens der Bauunternehmer, dachte ich mir weiter, der wird doch froh sein. Aber dann dachte ich an EU-weite Ausschreibungen, Preisdruck, Lohndumping, Haftungsfragen, Baumängel, die Risiken und ich dachte darüber nach, von wie vielen Baufirmen ich in meinem Leben schon gelesen habe, die pleite gegangen sind. Richtig warm wurde mir bei dem Gedanken an Bauunternehmer da auch nicht.

Da stand ich dann so da und dachte mir: Richtig verdienen daran tun meistens irgendwelche Investoren und Makler. Also im Grunde die, die sich die Hände beim Bauen selbst nie dreckig machen mussten. Denen das Objekt am Ende auch egal ist, sobald der Deal eingefädelt und das Projekt abgeschlossen ist. Und ich dachte mir, dass das irgendwie exemplarisch ist für so vieles heute.

Geld verdient Geld. Arbeit verdient keines. Daher kann nur der, der Geld hat, auch mehr Geld verdienen.

Das ist in sich auch irgendwie logisch und konsequent. Nur warum eine komplette Gesellschaft das so akzeptiert, auch wenn sie selbst davon nicht profitiert, dass man sogar Leuten, die sich um die wirklich wichtigen Dinge kümmern, wie Gesundheit, Erziehung, Sicherheit oder Soziales, weniger gesellschaftlichen Respekt zollt als denen, die einfach nur Geld haben und daraus mehr Geld machen, bleibt mir ein Rätsel.

Geld regiert, so war das ja schon immer irgendwie. Der Unterschied heute ist nur, dass man nicht mal mehr unterdrücken muss, denn die Unterdrückten machen das irgendwie ganz von alleine.

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Die Freiheit nehm ich mir

Der Mann hielt an
und stand
in einem plötzlichen Anflug
des alten Revoluzzergeistes
wie ein Fels
wie eine Eiche
da.

Nicht weichen werde er
weil es sein Recht sei.
Er könne hier stehen
weil er ein freier Bürger sei
dem niemand je zu sagen habe
wo und wann er stehenbleibe.

Vom Kegel des Lichts
aus dem Scheinwerfer
wurde er noch kurz geblendet
dann erfasste ihn das Fahrzeug,
das dem Mann auf der Straße
so dunkel gekleidet
mitten auf dem Weg stehend
nicht mehr ausweichen konnte.

Noch im Krankenhaus
schwor sich der Mann
sich nicht zu beugen
denn es sei sein Recht.
Bevor er verstarb.

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Digitaler Totenschein

Alle fanden sich an dem Tag zusammen als der digitale Totenschein bestätigt wurde. Im Prinzip war es nach der Beerdigung nur noch eine Formalität, aber als die Bestätigung kam und damit der Verstorbene aus allen digitalen Netzen verschwand, war dann doch für die Familie und den Freunden der Moment der gemeinsamen Andacht ein Bedürfnis. Das war es jetzt endgültig, in Facebook, Qype, Google, Twitter und Co. war mit einem mal ein Mensch nicht mehr existent. Die digitale Bestattung war vollzogen.

Was ich heute Nacht geträumt habe, ist vielleicht gar nicht so utopisch und vor allem gar nicht mal so abwegig. Nachdem ich mich dieses Jahr das erste Mal von einem Menschen verabschieden musste, mit dem mich neben dem realen Leben auch ein “digitales Leben” verband, stellt man fest, wie lange der Nachklang eines Menschen in den digitalen Verzeichnissen wie Fragmente nachhängen – manche scheinen fast auf ewig in Stein gemeiselt. Bei Qype noch gerade eine Rezension geschrieben, in Facebook noch auf der Pinnwand, die eigene Website bis zum Auslaufen des Providervertrages eingefroren auf dem letzen Stand kurz vor dem Tod. Wenn ein Mensch stirbt, wird im realen Leben damit begonnen das “Jetzt” in die “Vergangenheit” zu bringen. Man ordnet die Dinge, Wohnungen werden aufgelöst, die Habseligkeiten verteilt oder entsorgt. Im digitalen Leben fällt das ungemein schwerer. An viele Dinge kommt man nicht mal ran, jetzt erst langsam finden sich bspw. bei Qype oder Google Maps Möglichkeiten, auch als Außenstehender auf ein Ableben eines Menschen hinzuweisen, damit auch dort endlich geordnet wird – auch damit die Trauernden endlich abschließen können und nicht immer wieder schmerzlich an den Verlust erinnert werden.

Der digitale Totenschein wäre am Ende nicht mehr oder weniger wie ein Teil einer Art digitalen Signatur oder Zertifikat. Ich finde die Idee nicht schlecht, gäbe es dazu eine – freiwillige – vielleicht auch staatlich geführte oder zumindest kontrollierte Zertifizierungsstelle, bei der man eine Authentifizierung durchführen lassen kann. Damit könnte man, was ja in Ansätzen bei Twitter bspw. erfolgt, eine Echtheitsprüfung durchführen, damit sich auch in Facebook und Co. digitale Fakes schnell enttarnen lassen können. Selbst Artikel in Blogs könnten so verifiziert werden, ebenso wie viele andere Anmeldungen. Das digitale Zertifikat eines Lebens sollte im Prinzip nur eine Bestätigung enthalten – ein Schlüssel-Schloss-Prinzip. Der Dienst wird authorisiert, die zentrale Stelle bestätigt. Zentral werden die Berechtigungen vom Menschen dahinter gesteuert und verwaltet, der dort einmalig (oder regelmäßig) seine Identität bestätigt. Nach seinem Ableben könnten dann die Hinterbliebenen durch eine Sterbeurkunde mit einer einzigen Aktion auch das digitale Leben beenden.

Mich wundert eigentlich, wenn man bisschen darüber nachdenkt, wie wenig man sich doch im Netz bisher damit auseinandersetzt, dass es in einer digitalen Gesellschaft neben dem digitalen Leben auch einen digitalen Tod gibt.


Dazu passend mit Dank an Sylvie für die Dossier- und Artikel-Empfehlungen:

Ratgeber: Die digitalen Spuren nach dem Tod: Unser Leben wird zunehmend digital – und damit auch das Ende des Lebens. Wir hinterlassen überall digitale Spuren, doch was mit diesen nach dem Tod geschieht, ist weitgehend unbekannt.

Was passiert mit dem digitalen Ich von Verstorbenen?
Ein Unfall, eine Krankheit – das Leben kann ganz plötzlich enden. Im Internet dagegen scheint es endlos: Im Netz “leben” viele Verstorbene auf ihren Profil-Seiten mit Fotos, Pinnwandeinträgen und Freundschaften noch jahrelang weiter. Dieses Problem rückt erst langsam ins Bewusstsein von Usern und Internet-Anbietern.

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Parabel der verpassten Gelegenheiten

Er stand entspannt,
blickte gelangweilt umher.
Sah nach links,
mal nach rechts.
Einer, den keiner was kann,
der keinen was will.
Und wartete
auf die grüne Ampel.

Und als er so stand
und mal nach links
mal nach rechts
in losen Gedanken versunken
den Verkehr verfolgte
sprang die Ampel um auf Grün
- doch er sah nicht hin.

So stand er und schaute
mal hierhin
mal dahin
und als er endlich aufsah
war die Ampel Rot – wie sie immer war.
Was ihn dazu trieb
verärgert den Taster zu betätigen.

Er hatte es wohl gar nicht mitbekommen,
das Grün dazwischen.
Er ärgerte sich über die Ampel,
die Technik, die Stadt, das lange Warten.

Und mir kam es vor
wie eine Parabel
der verpassten Gelegenheiten.

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Occupy Wall Street und der Baader Meinhof Komplex

Gestern im Nachtprogramm der ARD: Der Baader Meinhof Komplex – Sendestart Teil 1 um 23:30 Uhr, Sendestart Teil 2 um 1:15 Uhr, offenbar findet man für solche Filme keine besseren Sendeplätze im vollgepackten Qualitätsfernsehen, aber das nur am Rande.

In der Sendepause zwischen Teil 1 und Teil 2: Das Nachtmagazin. Eines der Themen dort: Aufstände des Volks in Europas Städten gegen die internationale Finanzkrise – und die Aktion “Occupy Wall Street” (Video).

Der direkte Vergleich zwischen der politischen Stimmungslage im Film, dort die aktuelle Stimmungslage in Europa, war frappierend. Da die Machtlosigkeit der nach politischer Mitsprache strebenden jungen Menschen, hier die Machtlosigkeit des Volkes in Anbetracht des Kapitals. Worthülsen hier, Worthülsen da, Resignation, Straßendemonstrationen, politische Ignoranz, zunehmend zum Teil krasse Missstände, die sich auch in Zahlen belegen lassen (vgl. Artikel der sz vom 14.10.2011), das ist der Nährboden, auf dem sich das politische und wirtschaftliche Establishment aktuell die gesellschaftlichen Probleme selbst in einer Petrischale namens Kapitalismus großzieht.

“Das pure Streben nach Profit kann nicht so weiter gehen.” (Wolfram Siener, Sprecher: “Occupy Frankfurt”) – “Wer sehr viel Macht in Händen hat, muss auch Verantwortung übernehmen, das erfolgt nicht.”

Es wird nie mehr einen Hitler geben, sagte man mir in meiner Jugend, weil die Gesellschaft dazu zu aufgeklärt sei und sowieso alle viel zu satt wären. Daran hatte ich schon damals so meine Zweifel, heute umso mehr. Und selbst wenn es keinen Hitler mehr geben sollte, ob es auch keine neue RAF geben wird, kann ich derzeit erst Recht nicht mehr so entschieden von mir weisen. Die Grundlage des Gefühls der Handlungsunfähigkeit, das Gefühl, das Reden nichts mehr bringt, dass die Demokratie längst derart in Fesseln des vor allem kapitalgetriebenen Lobbyismus liegt, lässt sich kaum leugnen.

Dass auf dieser Grundlage nicht nur Extremismus aus (im Übrigen ebenso mindestens mitinitiiert vom gnadenlosen Kapital- und Machtstreben des Kapitalismus) dem Islam kommt, sondern auch aus den Reihen unserer europäischen Gesellschaft, kann zwar deswegen nicht toleriert werden, wer aber heute die Augen davor verschließt, dass diese Entwicklung denkbar und möglich ist, und entsprechend sich weigert, dem entgegenzusteuern, handelt zumindest politisch grob fahrlässig.

Möge die Gesellschaft aus ihrer Geschichte gelernt haben und heute die Chance ergreifen, das Ruder herumzureißen. Ich meine mich aber an ein sehr treffendes Zitat aus einem Henning Mankell-Buch zu erinnern (sinngemäß): ‘Wir haben die alte Gesellschaft und ihre Werte mit Überzeugung aus den Angeln gehoben, aber wir haben vergessen uns eine neue zu geben.’

{lang: 'de'}

Frei wie ein Vogel

Frei wie ein Vogel
einfach alles hinter sich lassen
abheben und weg.

Wäre das nicht was?
Einfach losziehen
ein Umzugsunternehmen deine Sachen zusammenpacken lassen
und sich erst am Ziel telefonisch melden.
Alle vor vollendete Tatsachen stellen.

Leider sind Vögel aber viel zu doof.
Im Bild sieht man zwei Tauben
die könnten zwar fliegen wohin sie wollten
hängen aber ihr Leben meist dort rum,
wo sie eben schon immer rumhängen.

Auch die Zugvögel sind eher wie Mallorca-Urlauber
immer von A nach B und von B nach A.

Die Tiere folgen ihren Instinkten
die Menschen folgen ihren Erfahrungen
und die zeigt, dass man vielleicht den Ort wechseln kann,
aber sich doch selbst immer mitbringt.

Um frei zu sein
musst du in dir selbst fliegen können.

Where did we lose the touch
that seemed to mean so much?
It always made me feel so…

Free as a bird,
like the next best thing to be.
Free as a bird.

Home, home and dry,
like a homing bird I’ll fly
as a bird on wings.

The Beatles – Free As A Bird

{lang: 'de'}