Ein Kommentar zur WM in Südafrika
“So schön kann Fußball sein” titelt Mr. Fachmagazin Kicker himself, Rainer Holzschuh, seine WM-Kolumne. Der Grund für seine Euphorie, die aber wohl mehr ein Ausdruck der Hoffnung sein dürfte, waren die Spiele der beiden Teams der iberischen Halbinsel vom gestrigen Tage. Trotz aller Freude kommt Holzschuh aber schnell vom Thema “schöner Fußball” ab und hin zu den fast schon skandalösen Misstönen (womit mal ausnahmsweise nicht die Tröten namens Vuvuzela gemeint sind) dieser WM. Es sind die offen geführten Diskrepanzen um Trainer und Teams, allen voran bei den Franzosen.
Aber mal ehrlich, dass was wir hier erleben ist doch nur frei nach dem Zauberlehrling: Die Geister, die ich rief, werde ich nun nicht wieder los.
Holzschuh beklagt (zu Recht!) den respektlosen Umgang mit anerkannten Fußball-Lehrern wie Domenech, Lippi und Capello, aber was ist daran nun wirklich schockierend? Es passt doch eigentlich nur ins Bild.
Seit Jahren ist medial doch längst kein Mittel mehr verboten und eine Ethik nicht mehr vorhanden. Jeder Verantwortliche wird sofort diskrediert, an den Pranger gestellt und bei der ersten Krise gefeuert. Die Spieler auf der anderen Seite werden hofiert, nach nur einer halbwegs passablen Saison als Nationalspieler gefordert, mit Millionen überhäuft und bestehende Verträge gelten nur als Preistreiber – als Verbindlichkeit sind sie längst überholt. Einen abwanderungswilligen Spieler kann man nicht halten, heißt es landläufig – warum eigentlich? Weil längst die Spieler das Zepter übernommen haben, die sportlich Verantwortlichen sind die Zampanos, die als erstes gehen dürfen, und die Vereine können es sich schlicht nicht mehr erlauben ihr Kapital, und das sind nun einmal heute mehr denn je nur die Spieler, zu beschädigen.
Sagte ich “Spieler”? Konkret müsste man sagen: Es ist der Markt- und Medienwert der Spieler, der zu bewahren ist. Und so zeigt diese WM vielleicht in einer nie dagewesenen Schonungslosigkeit auf, dass die sportliche Qualität dem hochgepushten Medienwert einzelner Protagonisten in keinster Weise entspricht.
Müssten ‘auf dem Papier’ hochkarätig besetzte Spitzenteams die Underdogs nicht nur besiegen, sondern sezieren und (taktisch, spielerisch und auch in punkte Fitness dank modernster Leistungsdiagnostik) zerlegen, müht sich die Millionentruppe gegen einfachste sportliche Defensivarbeit, basierend auf laufen und verteidigen. Würde man mancher Mannschaft schlicht eine individuelle Schwächephase oder interne Probleme zugestehen, ist die Häufigkeit der sportlich mehr als enttäuschenden Darbietungen vielleicht mehr als ein Indiz dafür, dass es mit dem “Schein” und dem “Sein” so eine Sache ist.
Vielleicht ist dies auch die eigentliche Wahrheit, die uns Carlos Dunga mit Brasilien vor Augen führt, der sich erst gar nicht auf den Schein einließ und sich eine Mannschaft zusammenstellte, bei denen ein Ronaldinho allen voran gar keinen Platz mehr fand. Die Erkenntnis, dass Fußball trotz aller Hysterie und Marketinggedöns Arbeit ist und auf der ein Marktwert nicht mehr ist, als eine Summe von Medienpräsenz und Vermarktungsgeschick.
Wie konnte es soweit kommen? Indem man den Fußball seit langem nur auf “Show” getrimmt hat. Damit das funktioniert braucht man Stars und Sternchen und eine Bühne. Und damit die Stars dort nicht zu schaden kommen, versucht man sie von der rauhen Realität fern zu halten. Die FIFA tut das bei der WM, indem sie mit einer mehr als zweifelhaften Direktive an ihre Schiedsrichter ausgab den “Kampfsport” Fußball zu vertreiben, damit nur noch die Hacke-Spitze-Fraktion ihr Ballett veranstaltet.
Doch selbst das reicht nicht aus, um die Unzulänglichkeiten zu übertünchen, die durch jahrelange Fußball-Entfremdung entstanden ist. Dazu zählt, dass man seit Jahren die Spreu vom Weizen sorgfältig zu trennen beginnt, indem man auf Regelungen (Stichwort: Salary Cap) verzichtet, die eine gleichmäßige Verteilung der Reichtümer aus dem Fußballgeschäft bedeuten würden. Statt dessen lässt man den nackten Kapitalismus wüten und manifestiert die Fußball-Upper-Class in einer eigens geschaffenen Operettenliga namens Champions-League. Statt ausgewogene Mannschaften in einer Mischung aus Kampfkraft und Kunst zu fördern, sammeln die wenigen Top-Mannschaften die Talente gleich en gros und lassen sie maximal auf Leihbasis auf Abruf ein wenig anderweitig üben, bis sie durch Spielpraxis heranreifen und dann wieder abgezogen werden.
So eine WM offenbart, was die fußballerische Inzucht der Ligen vertuscht, und nicht einmal Blatter und seine Schiedsrichter können dies kaschieren: Der Fußball ist von seiner Natur entwurzelt und die freie Zusammenstellung von Künstlern trifft auf schnöde Handwerksarbeit (in dem Falle: Fußwerksarbeit). Und die fehlende Übung im Liga-Alltag gegen Teams ähnlichen Strickmusters wie Hondoras oder Neuseeland, die fehlende Qualität mit schnöder Fitness und Leidenschaft für ihr Land kompensieren, macht sich eben bemerkbar. Und dazu kommt noch oben drauf, dass in den wenigen Top-Ligen nur noch selten auch die heimischen Top-Spieler zur Top-Qualität reifen, sondern eine Ansammlung gut vermarktbarer internationaler Zeitarbeiter, allen voran das Mutterland des Fußballs. Ein Wunder also, dass die vielleicht beste Liga der Welt nicht auch die beste Nationalmannschadt gebiert? Nicht wirklich.
Das Ergebnis ist das, was wir zu sehen bekommen: Sportliche Hilflosigkeit, überhebliche und respektlose Spieler (vor Vorgesetzten wie auch dem eigenen Land), Marionetten im Schiedsrichtergewand einer falschen Sportpolitik und ein paar Gastgeber-Fans, deren Getröte alle nervt, denen dies aber aus folkloristischer Sicht gebilligt wird, denn das ist ja auch deren einzige zugedachte Aufgabe: Buntes Beiwerk eines Spektakels, das allerdings den angekündigten Versprechungen nicht standhalten kann.
So ist das 7:0 Portugals gegen eine Mannschaft aus Nordkorea, von denen man immer noch nicht sicher weiß, ob ihnen Spieler “abhanden gekommen” sind und unter welchem Druck sie standen, nicht ‘das’ fußballerische Highlight, sondern ein Armutszeugnis einer nach Star-Sensationen heischenden Welt. Und nicht anders kam die fast euphorische Erwartung Klinsmanns an, der – selbst ein Kind des Star-Rummels – sich vor dem Spiel nicht mehr erhoffte als eine Deklassierung des Gegners aus Honduras. Doch trotz aller hochjubelnden Nachberichterstattung wird auch dieses 2:0 kein sportlicher Leckerbissen und wie sehr der Frust über die Konfrontation mit der rauhen Wirklichkeit außerhalb des fast inszenierten Fußball-Show-Biz ist, zeigen die Aussetzer und Unsportlichkeiten eines Kaka oder Villa, wobei letztere noch deutlich gravierender und in Anbetracht zweier bereits geschossener Tore noch bezeichnender ist.
Der Fußball ist vielleicht noch nicht so am Ende, wie es hier anklingen mag, aber doch auf einem schlechten Wege. Und die Spirale nach unten ist im Prinzip die gleiche wie in unserer Gesellschaft und Wirtschaft: Immer höhere Erwartungen werden geschürt und aufgepusht, immer schneller muss das Rad drehen, immer noch mehr, noch gigantischer, noch spektakulärer – und was nicht ist, wird dazu gemacht. Doch Fußball ist in einem Sinn noch unbeeinflussbar von Marketing und Medienhype: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Und bei dieser WM kann man sich in großer Häufigkeit in jeweils 90 Minuten vom wahren Status Quo des Fußballs überzeugen.
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