Second Life® verkündet im eigenen Hausblog, dass man in Bezug auf “Adult Content”, also kurzum sexuell-orientierten Locations in SL, komplett neue Regeln einführen will:
Upcoming Changes for Adult Content
Die Meldung an sich ist für Second-Life-Residents, also angemeldete aktive Second Life-Nutzer durchaus interessant, ebenso wir für potenziell interessierte Unternehmen und Vereinigungen, die SL für Projekte oder Veranstaltungen nutzen wollen, was aus der Meldung aber gemacht wurde, ist etwas anderes.
Die Chronologie einer Falschmeldung
Basic Thinking titelt dazu: Wildes Treiben in Second Life: Linden Labs erlaubt explizite Inhalte in der Online-Welt
Vorweg: Ich habe nichts gegen das neue Basic Thinking, ich bin sogar Leser geblieben und habe in meinen Blogs schon diverse Artikel zitiert. Es geht hier um diesen einen Artikel und wie man in diesem Einzelfall die Problematiken sehen kann, wenn ein so reichweitenstarkes Blog schlicht und ergreifend Schmarrn verbreitet und dabei noch Gehör findet.
Zitat basicthinking.de
Sex sells – auf diese Marketing-Weisheit setzen nun auch die Betreiber der Online-Welt Second Life. Demnach sollen in den nächsten Wochen und Monaten in dem Cyber-Universum spezielle Zonen mit expliziten Inhalten für Erwachsene entstehen.
[...]
Auf welche Inhalte sich Second Life-Nutzer dann freuen dürfen, verrät Linden Labs nicht. Eigentlich nicht verwunderlich, da das US-Unternehmen lediglich die Plattform als solche zur Verfügung stellt und die Inhalte fast ausschließlich von den Mitgliedern kommen. Diese hätten den Wunsch geäußert, endlich spezielle Bereiche nur für Erwachsene zu schaffen.
Über diese Nachricht dürfte sich besonders die gesamte XXX-Industrie freuen, die auf Second Life damit einen weiteren Verkaufskanal für ihre Pornofilme, Live-Cams, Strip-Shows, Erotik-Chats, Dating-Dienste und andere Dienstleistungen aus dem Rotlichtgewerbe etablieren kann. Laufen die Geschäfte mit der nackten Haut, klingelt es auch bei den Second Life-Schöpfern kräftig in der Kasse, da er an den Umsätzen in seiner Cyber-Welt prozentual beteiligt ist.
Das ist in allen Belangen nicht nur falsch recherchiert, es ist für mich sogar fahrlässig populistisch und reitet auf Boulevard-Niveau auf Vorurteilen. Fakt ist nämlich, das im Main Grid, der eigentlichen Second Life Plattform (es gibt auch ein Teen Grid), gar keine Minderjährigen zugelassen sind und Adult-Bereiche schon – solange ich SL kenne – überall verfügbar sind.
Wer also mit “Sex sells” um sich wirft und weiter Verkaufskanäle prognostiziert, hat die Sache schon dem Grunde nach verkannt – ja verkehrt die eigentliche Meldung gar ins Gegenteil. Denn die eigentliche Motivation von Linden Labs ist eine ganz andere. Gerade weil (sic!) es überall Adult-Content zu sehen gibt und gerade weil (sic!) auch Minderjährige den Weg dahin finden können, will man Second Life wieder etwas “sauberer” machen. Man will die verstreuten Adult-Contents in Zonen bringen und dort klar als solche ausweisen bzw. bereits bestehende Inseln mit Adult-Content zu einer Kennzeichnungspflicht verdonnern. Gerade damit Menschen, die einfach nur sich unterhalten wollen, Musik hören oder Landschaften ansehen, nicht mit solchen Inhalten konfrontiert werden. Es ist eine Maßnahme zur Eindämmung und Kontrolle von Adult-Content und kein Freibrief oder gar neues Geschäftsmodell, wie bei Basic Thinking suggeriert wird.
Und genau das kann man auch bei Basic Thinking sogar zitierten Artikel nachlesen, man muss es nur lesen wollen:
The core goals of this initiative are to improve Second Life for everyone – by giving Residents more control over what they see, and by providing the best available method to make Adult content accessible only to those who ought to (and who desire to) access it.
Quelle: blogs.secondlife.com
Und interessant auch, was dort über die Verbreitung ausgesagt wird
[UPDATE]
Based on our research, we estimate that around 2-4% of content on the mainland would be considered Adult according to our current thinking on defining that. For all of Second Life, our content research shows it is around 5%. In other words, 95% of Second Life either mature or PG.
Konkret: 95% von Second Life ist für Jugendliche geeignet (siehe zu G, PG, PG-13 und R Ratings Ratings bspw. hier), die anderen 5% sollen diesen Charakter (Motto: ein giftiger Pilz macht die ganze Sammlung ungenießbar) nicht ändern und daher in gelenkte Bahnen kommen, sprich: in abgeschlossene Zonen. Dies sollte SL wieder mehr Seriösität geben, denn – aus eigener Erfahrung – es ist klar, dass ein solcher Club eine ganze Sim in Misskredit bringen kann und man sich nicht unbedingt gern in der Nachbarschaft bewegen will, geschweige denn wohnen oder Handel treiben.
Zudem reagiert Linden Labs – auch wenn das sicher nicht offiziell bestätigen würde – auf den Umstand, dass eben doch auch Minderjährige den Zugang zu Second Life schaffen. Zu leicht ist es dann doch, sich die Kreditkarte des Papas mal zu stibitzen oder selbigen gleich mal persönlich eintippen zu lassen, weil man der keine Ahnung hat, was das Kindlein da so treiben kann. Daher will SL bei Zutritt solcher Zonen einen eindeutigen Beweis, wie eine Altersprüfung oder eine gültige Zahlung – und spätestens das wird Papa dann auf dem Zahlungsbeleg stutzig machen.
The system we build will have three main features, which we will describe in great detail over the next few months. First, it will provide a way to geographically separate Adult content and activities to a part of the “mainland” designed to accommodate these activities (Estate owners with Adult content on their land will be required to flag their content; they will not be required to move). Second, it will filter search results, so that those who do not wish to see “Adult” results will not. Third, it will require that those who access or see “Adult” content (whether on land or in search) have had their accounts verified – such as by a payment or age verification method.
Fazit: Ich bin kein glühender Verfechter von Second Life, aber immer wieder gern zu Besuch da. Ich habe viel Schrott gesehen, grafischen wie menschlichen, kam aber am Ende zum Schluß, dass Second Life keine bessere Welt ist, sondern einfach ein Spiegel der Realen. Und so findet man das, was man mitbringt, was man sucht. Als technisch interessierter Mensch reizt mich das Prinzip dieser Welt und auch die Kommunikation mit Menschen aus aller Welt, und auf menschlicher Seite habe ich Freunde gefunden, die ich im realen Online-Leben nicht mehr missen möchte.
Mit Meldungen wie die zitierte, wird Second Life weiter ein Image gegeben, dass noch nicht mal auf Halbwahrheiten beruht, es sind schlichte Vorurteile, die dann leider auch noch Verbreitung (Bsp.) finden. Das kannte man schon aus den Hype-Zeiten, wo sich der Boulevard darum schlug, die spektakulärsten Fantasien zu schüren rund um Second Life, und findet offenbar auch heute noch kein Ende.
Ob sowas wie Second Life Zukunft hat? Nein, weil es längst Gegenwart ist. Ob das dann noch Second Life in Zukunft heisst, was spielt das für eine Rolle? Ob damit manche nichts anfangen können, ist genauso wichtig oder unwichtig wie es bei Twitter war, bei Blogs oder beim Internet als solches.

