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Highlanders Schuh

Meine DVD/Blue-ray-Sammlung wächst langsam, auch wenn diese Art Sammelleidenschaft zu entdecken in bevorstehenden Zeiten von Video-on-demand und Cloud-Servern wohl eher anachronistisch sein dürfte. Neu an Bord, nachdem ich meine alte selbst aufgenommene VHS-Kassette partout nicht mehr finden konnte: Highlander – Es kann nur einen geben. Ich liebe diesen Film (allerdings nicht die beiden Fortsetzungen) – und das obwohl ich Christopher Lambert als Schauspieler eigentlich nicht sonderlich schätze und ihn auch (als Mann ist dieses Urteil wohl eher obsolet) für einen der unerotischsten Männer halte. Vielleicht liegt es an Sean Connery, der den Film ähnlich wie Alec Guinness in seiner doch eher überschaubaren Leinwandzeit als Obi-Wan Kenobi in “Krieg der Sterne” einfach auf ein anderes Level heben kann. Und vielleicht - nein, sogar sicher! - liegt es im Falle des Highlander auch an der Musik, dem Soundtrack von Queen, ein Meisterwerk. Highlander hat in mir was berührt, was sicherlich auch mit meiner Liebe zu Schottland zu tun hat.

Um einen Film bei mir aber erst zu einem Klassiker zu machen braucht es noch etwas Stilprägendes für mich darin. Im Falle von Highlander waren das seine Schuhe. Kein Witz. Die Kombination eines Trenchcoat mit Jeans und diesen ausgetretenen weißen Turnschuhen war ab dem Tag des Erscheinens absolut gesellschaftsfähig. Ok, den Trenchcoat hat man dann doch besser weggelassen, aber die Schuhe waren kultig.

Bei Matrix war es übrigens die Brille, bei Mission Impossible das Klapp-Handy, bei Blues Brothers die Ray Ban und der Hut. Und wenn ich länger nachdenke, fällt mir bestimmt noch mehr ein.

Harry Potter – Ich nehme Abschied

Als ich gestern mit der besten Ehefrau aus dem Kino kam, wussten wir, dass mit “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2” für uns eine Ära zu Ende geht. Nun hab ich den letzten Teil von Potter also auch im Kino gesehen. Das war’s.

Komisch, dass wir uns beide noch so genau daran erinnern konnten, wo wir die ersten beiden Bände erstanden haben, in einem kleinen Buchladen irgendwo an der Ostsee, nachdem uns eine Bekannte davor aus einem Schulunterricht ein paar kopierte Seiten als Leseproben mit auf dem Weg gegeben hatte. Als meine Frau längst bei Band 2 war, übernahm ich die Nachhut mit Band 1. Natürlich in English als “Harry Potter and the Philosopher’s Stone“, das war sogar damals ein Running Gag von Harald Schmidt – der Klassiker der Entschuldigung, warum man als Erwachsener ein Kinderbuch liest: Zum Englisch lernen/verfestigen. Später hat keiner über 20 mehr Entschuldigungen gebraucht, wer mit Potter unter dem Arm zur Strandliege schlenderte.

Harry Potter war der “Karl May”, der “Herr der Ringe” unserer Generation. Wir erlebten seine Geburt, lernten ihn kennen und lieben und fieberten schon lange vorher dem nächsten Erscheinungstag entgegen. Wir versuchten uns virtuell die Augen und Ohren zuzustopfen um der groben Unsitte der Spoiler zu entkommen. Ja, damals starteten wir sogar Gegen-Spoiler-Aktionen um den Spaßvögeln den Spaß auszutreiben.

Potter war vielleicht nicht mal ein literarisches Meisterwerk (wer immer das beurteilen mag, ich bin kein Ranicki), aber hatte eine wunderbare Phantasie, eine mitreißende Story und schaffte eines, was es dann doch zu einem Meisterwerk machte, dass eine Story bis zum Ende eine Linie behält und gerade am Ende man entdeckt, wie genial sich nun alle Puzzle-Teile sich noch einmal zu einem großen Ganzen zusammenfügen: 7 Puzzle, die sich am Ende zu einem Gesamtwerk zusammenfügen. Chapeau, J.K. Rowling!

Es tat gut, gestern den letzten Teil nun auch im Kino zu sehen. Es war toll, spannend (obwohl man die Story ja kannte) und wieder einmal gut umgesetzt. Auch dass zeichnete die Reihe aus, dass die filmische Umsetzung gelang. Sicher waren sie keine 1:1 Buchverfilmungen, das ist auch dem Format gar nicht gerecht, aber man schaffte es eine eigene Linie zu verfolgen, Schwerpunkte zu setzen und so einfach einen anderen Blick auf die Story zu geben, ohne sie zu verkaufen.

Ich werde es vermissen, auf einen “neuen Potter” zu warten. Und ich beneide sogar ein wenig meine Kinder, die alle Teile noch neu entdecken können, auch wenn ich kaum vermeiden kann, dass sie sie vielleicht auf einem eBook wie dem Kindle lesen werden, statt die wunderbaren gebundenen Ausgaben in den Händen zu halten, oder sich gar zuerst die Filme reinziehen wollen – was definitiv ein Verlust wäre und ich werde versuchen werde die Magie des Buchs so zu vermitteln, dass sie es auch verstehen.

Ob wir alle noch eine weitere Geburt einer solchen Reihe in unserem Leben mitverfolgen dürfen?


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Die Buchvorlage

Glauben Sie an Gott? An das jüngste Gericht? Auch unwichtig an der Stelle, es geht eigentlich nur um die Metapher, denn eigentlich soll es um Buchverfilmungen gehen, wobei man aber da doch genauer das Partikulargericht meint, aber ab da wird es dann zu kompliziert. Bleiben wir also beim Bild eines Gerichtssaals und eines Engels, als Art Chronisten, der einem das eigene ganze Leben vor einem Richter ausbreitet. Am Ende kommt dann der Richter zu einem Schluss: Himmel oder Hölle, gut oder schlecht.

Eine Buchverfilmung eines großen oder doch zumindest umfangreichen Werks löst in mir das gleiche Gefühl dieser Situation aus. Als ob das ganze Leben eines Buches, all seiner Facetten, seiner Entdeckung, seiner langatmigen Seiten, seiner Schwächen, seiner Geniestreiche, seiner Triumpfe und seiner Niederlagen noch einmal zusammengefasst werden, damit ein Richter, hier der Betrachter, sich ein Bild machen kann und ein Urteil fällen: gut oder schlecht.

Vielleicht hat sich schon so mancher dieses “jüngste Gericht” schon vorstellen wollen. Wir würde das wohl sein? Wird dann eine Art Essenz, eine Summary zum besten gebracht? Eine Art Power-Point-Vortrag – mit je ein Bulletpoint für die Kernthesen und mit Oberpunkten, anschaulichen Verlaufs- und Torten-Grafiken – Marke: stetig absteigende Tendenzen in Sachen xy, dafür ein proportional überdurchschnittliches soziales Engagement gerade in den gesellschaftlich unterrepräsentierten Altersgruppen zwischen 30 und 40? Oder spielt gar Zeit und Raum keine Rolle und man sieht sich das ganze Leben als Art Film an. Aus welcher Perspektive? Ob es dann Untertitel gibt, die einem die Gedanken dabei vermitteln? Oder gibt es dann noch ein Making Of, eine Art Interview mit dem Betroffenen, der dann schildern kann, wie es hier und dazu erst kommen konnte? Was er gemeint hatte? – Nein. Wohl eher ersters, eine Zusammenfassung, eine mundgerechte Aufbereitung mit Highlights, kondensiert auf das Wesentliche, erläuternd und ergänzend, wo nötig.

Eine Buchverfilmung ist für den Leser wie der Beiwohnung beim jüngsten Gericht der Buchvorlage. Gespannt nimmt man seinen Platz ein. Beim einen ist man der tiefsten Überzeugung, dass es dieses Buch garantiert schaffen wird am Ende ein “gut” zu erhalten und in den Bücherhimmel zu kommen, während man das andere bereits in der Hölle schmoren sieht. Man hat das ganze Leben des Buchs vor Augen, man freut sich auf die besonderen Momente, von denen man bisher nur in seinem Kopf ein Bild hatte, und ist gespannt, wie das, was man sich selbst dazudachte, denn der “Wahrheit” entsprach – oder eben dem, was der Chronist dazu sagt.

Bücherfreunde sind für das Jüngste Büchergericht nicht geschaffen – jedenfalls in den seltensten Fällen. Man ist enttäuscht, man muss enttäuscht sein! Weil die Essenz nicht rüberkommt, das Leben, das dem Buch innewohnte, die Tiefe, die Finesse, das Mark seines Lebens. Es ist wie der Verhandlung eines Menschen beizuwohnen, den man kennt, dessen Leben man begleitete, dessen Freund man wurde.

Dann steht vielleicht so ein schnöseliger Jung-Engel auf und fängt an zusammenzufassen: Ja, das Leben von ihm bis zu seinem 17. Geburtstag war ziemlich gewöhnlich, übliche Kindheit, bisschen Tamtam mit den Eltern, aber wer hat das nicht. Schule, Pupertät, erste Liebe, Blabla – man kennt das ja. Dann Ausbildung und hier mal ein echter Kracher, der Streit mit seinem ersten Chef. Hab hier mal einen Videomitschnitt über 30 Minuten – ziemlich heftige Sache das.

Und da will man schon um Luft ringen, einschreiten, sich zu Wort melden. Die Bedeutung der Kindheit betonen, die Sache mit seiner Mutter, die ihn doch so sehr prägte, oder dieses Mädchen, in die er für immer verliebt bleiben sollte. Und die Sache mit dem Chef? Das war heftig, ja, ein Fehler sicher, aber doch nicht so schlimm! Er wäre auch so gegangen, irgendwann – und der Chef hatte das auch verdient. Doch man kann nicht, man hat keine Stimme. Bilder, Eindrücke, Worte überfluten einen, ergeben ein Bild, ein neues Bild, ein Bild, das so gar nicht zu dem Bild passte, das man hatte. Man sieht in die Gesichter um sich, entdeckt die, die ebenso entsetzt oder nur irritiert, und andere, die einfach neugierig sich ein Bild machen. Man meint die ausmachen zu können, die den vorne vor dem Richter genauso kannten, wie man selbst, und andere, die vorher nie von ihm gehört hatten.

Gestern sah ich zum ersten Mal die Verfilmung von Tintenherz von Cornelia Funke und Batzmann von den Fünf Filmfreunden spricht (wieder einmal) die richtigen Worte: Man versteht, dass es ‘unausweichlich ist, dass man umbaut und kondensiert, solange der Geist des Buches erhalten bleibt.’ Gelang das nicht, sieht man sich nach der “Verhandlung” ratlos, weiß nicht, was man tun soll, ob man all die Fehlinterpretationen anprangern soll, irgendjemand packen und ihm erzählen, dass das Leben dieses Buches missverstanden werden wird, wenn man das hier gesehen und gehört hat. Man will zum Anwalt des Buches werden, eine Berufung verlangen!

Doch ist die Verfilmung kein Jüngstes Gericht, es entscheidet nicht über “gut” oder “schlecht”, es ist einfach nur ein Film. Eine Interpretation. Und auch diese kann dem, der die Vorlage nicht kennt, etwas geben oder ihn einfach gut unterhalten – wie Nilz, an gleicher Stelle bei den Fünf Filmfreunden.

Der Film wird über das Buch nicht entscheiden, auf dessen Grundlage wird kein generelles Urteil gesprochen, höchstens von einzelnen, die aber auch sonst das Buch nicht gelesen hätten. Bücherfreunde werden sich das eigene Bild machen wollen, eintauchen in das Leben des Buchs, seine wahre Geschichte erfahren und selbst urteilen.

Tintenherz war für mich wie die Herr-der-Ringe-Verfilmung: Maximal eine Interpretation, nicht mehr, nicht weniger. Gelungen ist beides nicht. Bei Herr-der-Ringe wurde die Faszination, die Welt aus den Augen der Hobbits zu erleben, nicht erreicht, es wurde ein Menschenwerk aus Menschenaugen betrachtet. Bei Tintenherz wurde die Faszination “Lesen” nicht einmal versucht einzufangen, niemand, der diesen Film gesehen hat, wird auch nur im Ansatz verstehen können, welchen Zauber das Vorlesen Mos gehabt haben könnte. Welche Angst in diesem Buch steckt und auch Melancholie – und selbst wenn auch nur ein Funken davon vorhanden war, wurde dieser in einem kitschigen Ende ertränkt, der das Buch endgültig vergessen lässt.

Wenigstens hat Tintenherz keinen Schaden angerichtet – wie Herr der Ringe. Wenn ich weiterlese im Fortsetzungsband Tintenblut und dann Tintentod wird Basta nicht das Gesicht sein, den ich im Film sah und Mo nicht die Stimme haben, die ich hörte. Eliza Bennet wird nicht Meggie in meinen gelesenen Gedanken, dafür war diese Meggie einfach viel zu alt, und die Elster wird sicher nicht zu der gespielten durchgeknallten Hexe wie im Film, sondern bleibt das italienische alte Weib mit verhärmten Gesichtszügen und zusammengebundenen schwarzen Haar, deren kühler Hass mich beim Lesen schaudern ließ. Herr der Ringe war da “schädlicher”, “mein” Frodo ist für immer verloren gegangen.

Avatar – Aufbruch nach Pandora (Review)

Sagt sich so leicht: Prädikat “Muss man gesehen haben!” – und natürlich in 3D! Liest sich auch so leicht, wie damals beim Buch Harry Potter – und natürlich da nur in english – Aber dann muss man am Ende doch (s)einen Zugang zu finden, was bei Potter mir einfach fiel, da ich des englischen ausreichend mächtig bin und eine Vorliebe zu Geschichten der Phantasie-Klasse vorhanden ist. Bei Avatar (Der Film) von James Cameron musste ich da schon länger in mich gehen.

Es gibt bessere Filmkritiker als mich, daher versuche ich mich gar nicht wirklich darin und verweise auf die, die es können. Aber ein, zwei Dinge doch so von meiner subjektiven Sicht:

Die Story von Avatar ist sowas von grottenschlecht, dass ich am Ende mehr nur aus leicht irrwitziger Faszination bis zum Ende blieb (meine Frau wäre wohl sonst gegangen). Wobei “grottenschlecht” vielleicht noch das Kernproblem verfehlt, es ist eine Beleidigung des Intellekts – auch auf die Gefahr hin hier arrogant zu wirken.

Haben Amerikaner wirklich keine andere Botschaft als diese? Weißer Mann kommt in fremde Jagdgründe und verfällt der Gier des Goldes, aber einer der ihren freundet sich mit dem ausgebeuteten Urvolk an und führt sie (natürlich, schließlich brauchten sie ja einen so strammen Burschen und Ledernacken als Führer) zum Sieg. Das ganze angereichert mit absehbarer Love-Story und bisschen Mythologie und am Ende der Kampf Gut gegen Böse mit ungleichen Mitteln bis zum Finale Mann gegen Mann, wo guter Mann den bösen Mann mit Pfeil und Bogen gegen Monster-Tötungsmaschine besiegt.

Kennt man woher? Klar! Mindestens 1.000.000 mal schon verwurstet und James Cameron hat quasi die 1:1 Replik von “Der mit dem Wolf tanzt” nur ins blaue Weltall genudelt. Aber auch sonst ist die Geschichte ein Wiedersehen mit allem was der amerikanische Film so hergibt – allen voran die Szene von Independence Day oder auch eben Matrix (im Dritten Teil glaub ich): Einer steht auf einem Podest, die Lage ist aussichtslos und mit ner kernigen Ansprache und gutem Willen stürzen sich die Jünger in den Kampf, von denen die meisten hingemetzelt werden – tja, Opfer braucht es halt auch.

Es spiegelt meiner Ansicht nach einfach das amerikanische Weltbild wieder: One brave man wird gebraucht, um das Böse zu besiegen. Dass der eine Auserwählte dann aus dem eigenen Volk stammt, ist ein Ausdruck von Selbstverständnis als Eliteklasse der Welt. Man selbst ist generell der Nabel der Welt. Man zieht aus und erobert (selbstverständlich schafft man das auch), unterdrückt (selbstverständlich schafft man das auch), reflektiert sein eigenes Fehlverhalten (selbstverständlich schafft man das auch) und überwindet zum Guten (selbstverständlich schafft man das auch). Man selbst ist das Schicksal in persona und wenn es mal schwierig wird hilft der liebe Gott God’s Own Country zum Sieg – und sei es sogar im Kampf gegen einen selbst, also dem Schlechten in einem. Selbst fremde Götter dürfen das manchmal einsehen, da ist man nicht so…

Amerikanische Filme die ohne so einen “Geist” auskommen und statt dessen eine geistreiche Story kreiieren sind selten. Genannter Film Matrix hatte so Ansätze im ersten Teil, aber offenbar erschrak man derart über so viel Komplexität, dass man gleich zwei Folgefilme brauchte, um alles wieder auf die alte Formel zurückzubomben, was dann auch gelang.

Sicher, am Ende wird man sagen: Prädikat “Muss man gesehen haben!” – wegen der virtuell so noch nie dagewesenen Animationen, die Realität von Animation teilweise endgültig verwischen lassen. Allerdings muss man die wenigen Brotkrumen interessanter Gedankenansätze, wie die “denkenden Wälder” oder eben die “Verkörperung einer virtuellen Identität in einen lebendigen Avatar”, in Ehren halten und den Rest der Story mit einer gewissen Fröhlichkeit und Ironie goutieren, sonst werden die 161 Minuten plus 30 Minuten Vorlauf und Pause ein wenig lang.

Ich schließe mit einem Zitat von einem, der es eben doch besser kann als ich – das Filme kritisieren meine ich.

Batzman meint: Vielleicht wird die von Camerons Crew mitentwickelte Technik schon bald einen wirklich großen Film hervorbringen. Das Potential dazu hat sie durchaus. Dazu braucht es dann aber auch jemanden, der genauso viel Zeit in sein Drehbuch steckt, wie in die Technik. Denn wenn diese Art von Bildern bald ganz gewöhnlich ist, kommt es wieder darauf an Geschichten zu erzählen. Zumindest wenn man der König der Welt sein möchte.

Disclaimer: Nein, sowas schreibe ich nicht während meiner Arbeitszeit, hab es nur gerade rüberkopiert vom Handy und noch finalisiert.

Jung im Herzen

Nun also doch: Young@Heart lief nun doch noch im Filmtheater Valentin und ich konnte meine Gutscheine einlösen und kann aus der Preview noch eine Review machen. Doch einen Disclaimer mag ich nicht davor setzen: Diese Zeilen sind nicht einmal Gutschein-motiviert, diese Zeilen gebühren einfach dem Film.

Ich war lange nicht mehr so emotional bewegt in einem fast menschenleeren Kino gesessen – und ich mag sagen: es war unpathetisch emotional – und das macht es so stark. Es ist kein “Film”, es ist eine Dokumentation, und doch erzählt es mehr Geschichten als in 120 Minuten Blockbuster je erreicht werden kann. Man kann solche Geschichten nicht konstruieren, sie müssen einfach erzählt werden.

Man lernt Menschen kennen in der Zeit in dem man auf die Leinwand starrt und man nimmt von einigen von ihnen Abschied. Man sieht in Augen und Gesichter von Zuhörern und liest in ihnen, wie es sie bewegt, und man bemerkt das Wasser in seinen eigenen Augen und es stört einen nicht. Warum? Weil es kein Drama ist, weil nichts auf diese Gefühle hingearbeitet hat. Ein Chor mit Menschen, die nach unserem gesellschaftlichen Verständnis längst zum Sterben verurteilt sind. Menschen, die alt sind, sehr alt. Menschen über 75 sind die, die der Gesellschaft nichts mehr geben und eher eine Belastung sind – für sich selbst, für ihre Angehörigen und die der Krankenkasse das Geld kosten, das angeblich fehlt für die Jungen. Und man lernt in diesem Film, wie unsinnig diese Denkweise – wenn man sie auch nur ansatzweise zuließ – ist, wie sie alles verkennt, was uns zum Menschen macht. Man lernt, dass krank zu sein und zu sterben, Abschied zu nehmen, weder besonders zu heroisieren ist noch zu verdrängen – es ist einfach ein Teil des Weges, den wir alle gehen. Und man lernt, wie verdammt viel man in jedem Alter dieser Gesellschaft geben kann – der Chor Young@Heart hat wohl mehr Seele gegeben auf seiner Reise durch die Welt, als unsere ganze Medienlandschaft mit versucht emotional und gekünstelt semi-authentischen Real-Life-Berichten im TV je in ihrer Summe erreichen werden. Und – auch wenn es komisch klingen mag – man geht aus dem Kino mit dem Gefühl dem Filmmacher dankbar zu sein, denn wenn er den Film nicht gemacht hätte, hätte man diese “alten” Menschen nie kennen gelernt – und es ist eine Erkenntnis, die einen gleichzeitig trifft, denn die Chormitglieder sind genauso “einfache” Leute wie sie hinter so vielen Mauern dieser Stadt hier wohnen. Menschen mit einem wunderbaren Humor, riesigen Herzen, phantastischen Stimmen, riesigem Wissen oder einfach nur einem interessanten Wesen.

Young@Heart läuft natürlich nur in so einem kleinen Programmkino / Kulturkino wie dem Valentin. Statt dessen strömen die Scharen in den neuen Bond. Den neuen Bond sehe ich mir nächste Woche auch noch an, welcher der beiden Filme mir in meinem Leben etwas mitgeben wird, das weiß ich schon heute.

Ich kann nur empfehlen: Seht euch den Film Young@Heart noch an – unbedingt. Und keine Sorge, er ist nicht so, dass ihr pathetische Krankenhausberichte bekommt, auch fühlt man sich nicht peinlich berührt – zu keinem Moment. Der Film ist, das kann ich nur bestätigen “ein Stück meisterlicher und grundehrlicher journalistischer Arbeit … Echt und unaufdringlich” (moviemaze.de). – Ja, statt dessen bekommt man zum Teil bissigen Humor, den nur Menschen in dem Alter über sich selbst machen dürfen, und hervorragende Musik, die in diesem Zusammenhang neben ihrer bereits vorhandenen Qualität durch diesen Kontext eine nochmalige unglaubliche Aufwertung erlebt: Sonic Youth (»Schizophrenia«), Talking Heads (»Life During Wartime«), Coldplay (»Fix You«), Clash (»Should I stay or should I go«), Sinead o Connor (»Nothing Compares to you«) – um mal die Bands zu nennen, die vielleicht sonst nicht gleich genannt werden und man den Pointer Sisters (»Yes We Can Can«) oder James Brown (»I Got You (I Feel Good)«) sonst dem Vorzug gibt. Aber die erstgenannten sind eben meine Musik – umso mehr fand ich den Zugang.

Und auch wenn der Film so viele fröhliche Momente hat, so ist »Fix You« dann doch für mich der Song, der für mich am meisten zusammenfasst:

When you try your best, but you don’t succeed
When you get what you want, but not what you need
When you feel so tired, but you can’t sleep
Stuck in reverse

And the tears come streaming down your face
When you lose something you can’t replace
When you love someone, but it goes to waste
Could it be worse?

Lights will guide you home
And ignite your bones
And I will try to fix you

Und hier ist er: »Fix you« von Coldplay, gesungen vom wirklich wunderbaren Fred Knittle und dem Young@Heart Chor:


Nachtrag

Das Video gibt einen prima Eindruck: