Du wirst heute Nacht nicht schlafen können – und derjenige hatte Recht, der mir das sagte. Was ich mir dann anhörte, war in allen Belangen jenseits meiner Vorstellungskraft von Gewalt und Unmenschlichkeit, ein Exzess von Brutalität, der nicht von irgendwem gehört oder erfunden war, sondern erlebt, erlitten, erduldet wurde von dem, der dir da gerade erzählt. Und keine Geschichte aus längst vergangenen Tagen, es geschah gerade, wurde erlitten, keine paar Wochen her, am lebendigen Leib. Unsägliches Leid, Demütigung und Schmerz, der nur mit einem einzigen Wunsch endete: “beende es” und dann wieder in Richtung der Ärzte: “beendet es!” Sie taten es nicht.
Und ich schlief nicht. Nicht in der Nacht – jedenfalls wenig, unruhig, immer wieder aufwachend, gequält von Gedanken, ein Stroboskop von Bildern aus dem Erzählten, so rudimentär die Erzählungen auch waren, der Versuch es an Bildern festzumachen, die man in Filmen gesehen hatte, die man so absurd fand, Filme von Tarantino, von Gewaltexzessen, und doch passt nichts. Du wachst auf, fragst dich immer wieder nur die eine Frage: Warum können Menschen sowas tun? Wie kann ein Mensch diese Grenzen überschreiten? Warum können Menschen zu Bestien werden?
Ich kam nicht mit zu Recht. Nicht nach der Nacht, nicht am Tag. Ich litt, quälte mich – die Bilder, die Worte wie Geister um meinen Kopf. Ich rief spät abends meinen Buddy nach zwei Tagen an, auch weil ich jemand brauchte, dem ich es zutraute, damit umzugehen. Ich kam an dem Abend noch vorbei und stellte eine Flasche Wodka auf den Tisch – Wodka brauchte aber nur ich. Und ich erzählte, hinreichend abstrakt, denn das mir anvertraute Geheimnis soll auch anvertraut bleiben. Ich erzählte mehr über das was wirklich geschah als hier in diesen Worten gerade, aber doch immer noch wenig genug. Ich weiß man vertraute mir und will das nicht enttäuschen, aber es musste erzählt werden, ich musste darüber reden. Und es war gut. Es ist nicht wichtig, dass der andere in dem Moment wirklich versteht, wirklich dein (Mit-)Leid nachvollziehen/nacherleben kann, es ist nur wichtig, dass er zuhört und es dann gut aufgehoben ist. Du kannst durch Reden kein Leid tilgen, du kannst damit nur damit Leben lernen.
Danach konnte ich besser damit leben. Der, um den es ging, wird von dieser Erleichterung wenig haben, außer vielleicht, dass ich nun wieder zuhören kann, damit derjenige selbst reden kann. Und vielleicht durch das Erzählen zwar nicht weniger Schmerzen hat, aber selbst damit Leben lernt. Allein weil es ausgesprochen ist und damit der Dämon seine Macht verliert.
Schweigen mag ehrenvoll sein, tapfer, etwas in sich zu fressen macht dich aber kaputt.

