Was will ich meinen Kindern sagen, wenn sie mich fragen, ob es sein kann, dass der nette Onkel, der lustige Nachbar, der Papa und vielleicht auch der Bruder sich in Uniformen stecken und wegfahren.
Wie will ich meinen Kindern erklären, dass das alles mal passiert ist, dass eben der Onkel, Nachbar, Papa und Bruder an “die Front” gefahren sind – oder morgens aus dem Haus gegangen sind, um Menschen, nur weil sie anders waren, einzusammeln, einzusperren oder nur aufzupassen, dass keiner rauskommt, während andere sie in Baracken umbrachten. Und sie zusahen, wie man die Leichen mit Schubkarren herauskarrte.
Wir machen Geschichtsbücher auf und sollen sie unseren Kindern erklären. Sollen erzählen, dass das alles jetzt “Geschichte” ist, dabei lebt die Geschichte sogar “noch” - wenn auch im hohen Alter - mitten unter uns, und wir nennen sie Ur-Opas und -Omas und sie machen liebe Geschenke, aber sie erzählen nicht mehr von damals, außer in sentimentalen Momenten, dann sind manche ganz traurig.
Wie kann ich meinen Kindern das alles glaubhaft machen und erklären, dass das alles nur “damals” passierte. Wie kann ich ihnen versichern, dass das nicht mehr passieren wird? Weil wir heute “aufgeklärter” sind? Oder “demokratischer”? Oder schlicht viel zu fett geworden und kapitalistisch, als dass wir nur für Nationalstolz unseren LCD-Flachbildschirm riskieren würden?
Ich kann das meinen Kindern aber nicht sagen, dass es nie mehr passieren wird, weil auch damals keine Zombies in den Wohnzimmern saßen – auch damals weinten Kinder, wenn der Vater in Uniform mit Küsschen und “ich komm bald wieder” ging, und auch damals wollte man sich als moderner Mensch wissen.
Auch damals dachte man, dass man aus der Geschichte, aus dem vergangenen Krieg, genug gelernt habe. Heute weiß jeder, dass dem nicht so war, und dass das eigentlich auch für unsere Generation gilt, wie für jede Generation: Der Mensch lernt nicht aus seiner Geschichte. Aber wie sag ich es meinen Kindern?
