29. März 2010
Wie lange wird es dauern, bis die digitale Gesellschaft merkt, dass sie ihr Vergessen verlieren wird? Ob es dazu noch mehr an Datenerfassung geben muss, ob es erst den Zusammenschluss aller Daten benötigt und man merkt, dass es einfach gar nicht mehr darauf ankommt, ob man selbst aktiv seine Daten ins Netz stellt, weil es andere für einen tun – Freunde bei Facebook, der Verein, das Leck in der Datensicherheit bei der Behörde? Warum auch immer wir es begreifen werden, der Grund für den Verlust des Vergessens ist bereits gelegt und nimmt immer mehr Raum ein, es liegt in der Erfassung und Speicherung von Informationen außerhalb unseres Kopfes.
Vergessen ist eine wichtige Funktion unseres Gedächtnisses. Vergessen sorgt dafür, dass unnötige Informationen (manchmal wider Willen) aus unserem Hirn sortiert werden um uns nicht zu überlasten, um uns Raum für neue Informationen zu schaffen und Kapazitäten für deren Bearbeitung bereitzustellen. Wir brauchen das Vergessen um tragische oder schmerzhafte Erinnerungen zu verarbeiten, um mit jedem Jahr Bruchstücke davon zu verlieren, bis sich der Moment verklärt, unkenntlich macht, wie ein abstraktes Abbild eines Bildes, wie ein Filmausschnitt aus dem Leben eines anderen.
25. März 2010
die einen meinen was
was die anderen so nicht gemeint haben
die einen reden was
aber die anderen verstehen was anderes
die einen hören was
was die anderen so nicht gesagt haben
die einen zeigen was
doch die anderen sehen darin was anderes
die einen deuten auf etwas
aber die anderen sehen woanders hin
die einen empfinden was
was die anderen nicht verspüren
die einen brauchen was
doch die anderen haben nur was anderes
und daher suchen die einen nach etwas
was bei den anderen nicht zu finden ist.
Vielleicht ist das keine große Neuigkeit,
aber es erklärt einiges.
1. März 2010
ASP – Sage nein – Lyrics
Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
Wieder Nazi-Lieder johlen
Über Juden Witze machen
Über Menschenrechte lachen
Wenn sie dann in lauten Tönen
Saufend ihrer Dummheit fröhnen
Denn am Deutschen hinterm Thresen
Muss nunmal die Welt genesenDann steh auf und misch dich ein:
Sage Nein!Meistens rückt dann ein Herr Wichtig
Die Geschichte wieder richtig
Faselt von der Auschwitz-Lüge
Leider kennt man’s zur GenügeMach dich stark und bring dich ein
Zeig es diesem dummen Schwein:
Sage Nein![Refrain]
Ob als Penner oder Sänger,
Bänker oder Müßiggänger,
Ob als Schüler oder Lehrer,
Hausfrau oder Straßenkehrer,
Ob du sechs bist oder hundert,
Sei nicht nur verschreckt, verwundertOhne zögern bring dich ein:
Sage Nein!
[/Refrain]Und wenn aufgeblas’ne Herren
Dir galant den Weg versperren
Ihre Blicke unter Lallen
Nur in deinen Ausschnitt fallen
Wenn sie prahlen von der Alten,
die sie sich zu Hause halten,
denn das Weib ist nur was wert
wie da einst an Heim und HerdTritt nicht ein in den Verein:
Sage Nein!Und wenn sie an deiner Schule
Plötzlich lästern über Schwule,
Schwarze Kinder spüren lassen,
Wie sie and’re Rassen hassen
Eher anstatt auszusterben
Deutschland wieder braun verfärbenHab dann keine Angst zu schrei’n:
SAGE NEIN!
25. Januar 2010

Nun endgültig zurück aus meinem TV-Grippe-Camp macht man sich so seine Gedanken. Fast 1 Woche lang konfrontiert mit Fernsehen schlägt auf mein Gemüt, es depremiert mich, die unendliche Aneinanderreihung von Eindrücken von Bewegtbildern. Sender, die den halben Tag nur auf eine Art Kreuzworträtsel die Kamera halten und so tun als könnte man jetzt gleich sofort gewinnen, dabei ist die Sendung ja auf Stunden ausgelegt und das wiederholt sich auch noch täglich. Einkaufssendungen mit offensichtlichem Müll, der wie Gold angepriesen wird und den man mit pseudo-wissenschaftlichen Binsenweisheiten unterfüttert und mit ganz offensichtlich künstlicher Limitierung des Angebots eine höhere Nachfrage generiert – und das klappt angeblich auch noch.
Man könnte wirklich Stunden darüber schreiben, über Nachmittags-Programme, die u.a. mehr als “freizügig” mit Themen wie Sex (in allen Varianten, gerne auch im Familienkreis mit Stiefkindern etc.), gegenseitiger Betrug (sowohl ideell als finanziell), Gewalt und generelle Asozialität umgehen und so das Hauptaugenmerk unseres Lebens darauf lenken. Unseres Lebens, das heisst das Leben derer, die nachmittags Zeit und Gelegenheit haben sich damit zu beschäftigen – wie Kinder, Schüler.
Okultismus-Tendenzen unter anderem in Form des aktuell gehypten Vampir-Kults (neben den offen zelebrierten Wahrsage- und “Mentalisten”-Shows) ziehen sich von Kinderkanal bis Sitcom bis ins Abendprogramm und werden exzessiv penetriert. Ganz unerheblich, ob dies nur als “lustig” gesehen wird, durchziehen okulte Symbole wie Pentagramme unsere TV-Landschaft und final die Arme und Rücken unserer Kids und Jugendlichen als “trendige Tattoos”. Aber auch das zappt man eben weg, wenn man es schafft, um wieder rechtzeitig bei der Gerichtsshow zu landen, für deren Urteilsverkündung man mit fast 10 Minuten Werbeunterbrechung bezahlen sollte – nur um dann wenigstens einmal am Tag sowas wie “Werte” mitgeteilt zu bekommen.
Mein “Glück” war noch die Haushaltsdebatte, doch die Ironie erstickt mir dabei selbst im Halse. Da wird munter aufeinander eingedroschen, als wäre ‘Respekt voreinander’ etwas, was als erstes dem Rotstift zum Opfer gefallen sein muss irgendwann im letzten Jahrhundert. Auch reibt man sich die Augen, was hier nun wieder an Meinungen vertreten wird. Die einen tun so, als hätten Wahlversprechen andere Menschen für sie (eher versehentlich und natürlich unverbindlich) abgegeben, die anderen stehen da wie die Unschuld vom Lande am Pult, als wäre der Umstand, dass man selbst gerade jahrelang die Geschicke hätte lenken können, nie existent gewesen. – Die Menschen hier tragen Kostüme und Anzüge mit Krawatte, der moralische Niveau-Unterschied gegenüber der Szene-Doku auf dem anderen Kanal scheint aber nur marginal zu sein.
Man zappt zum gefühlten 250ten Mal durch die Programme bis Kanal 49 und schüttelt den Kopf: Was für eine Gesellschaft, denkt man sich … dachte ich mir. Doch jetzt kam mir die Erleuchtung, denn mir fiel der alte Witz mit dem Geisterfahrer wieder ein, der nach der Radio-Durchsage “Achtung Autofahrer, es kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen” sich nur denkt: “Einer? Tausende!”
Wenn das, was ich sah, das ist, was die Gesellschaft will, dann bin ja vielleicht _ich_ derjenige, der die Gesellschaft, die Norm, nicht erfüllt?!?
Wenn freizügiger Umgang mit Themen wie Sex schon ab Jugendalter “normal” ist, ist meine Moralvorstellung wohl einfach antiquiert – wie auch wohl in vielen anderen Bereichen des Lebens, in denen der Respekt vor anderen Menschen, Recht, Gesetz, Gesellschaft oder Religion dem Streben nach eigenem Lustgewinn in jedweder Form offensichtlich längst geopfert wurde. Triebhaftes Verhalten als Maxime unserer Gesellschaft, man nennt es nur “Quoten-orientiert”, “Kaufanreize schaffen”, “Konsumverhalten”, “Bedarfsweckung” oder eben “politisches Kalkül”.
Denn gerade letzteres mutet ja grotesk an, wenn man heute nur die Steuersenkungsversprechen verkündet, weil die große NRW-Wahl ansteht und man danach erst über die Zeche reden will. Denkt man sich: Das ist doch zu windig, das durschaut doch jeder Wähler. Aber im Gegenteil! Es wirkt! Immer wieder! Wahl für Wahl! Und dann fragst du dich: Wer ist eigentlich der Doofe? Man selbst! Wenn das so funktioniert und jeder das weiß ist doch der der Außenseiter, der immer noch nicht gelernt hat, dass der Fluß in die andere Richtung fließt.
Ich weiß noch nicht, was ich mit der Erkenntnis anfange. Schwer vorstellbar, dass der alte Hund in mir noch lernt Männchen zu machen. Zu viel verkorksten Idealmist aus den 80ern, konservative Erziehung und verblendeter Religionsvorstellungen von christlichen Werten steckt untrennbar in mir. Aber ich versuch mich künftig vielleicht etwas weniger darüber zu beschweren. Man will schließlich dem gesellschaftlichen Establishment nicht andauernd ans Bein pinkeln. Man muss auch mal lernen, dass “normal” eben das ist, was den vorhandenen Normen entspricht.
Soziale Normen (Gesellschaftliche Normen) sind konkrete Vorschriften, die das Sozialverhalten betreffen. Sie definieren mögliche Handlungsformen in einer sozialen Situation. Sie sind gesellschaftlich und kulturell bedingt und daher von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden, unterliegen aber immer dem sozialen Wandel. Normen sind (äußerliche) Erwartungen der Gesellschaft an das Verhalten von Individuen in unterschiedlicher Verbindlichkeit. Sie sind zu unterscheiden von (innerer) vernunftgemäßer Gewissensprüfung von Handlungen (siehe Moral, Ethik, kategorischer Imperativ).
Wikipedia: Soziale Norm
11. November 2009
Als die Nachricht vom Freitod des Torwarts Robert Enke wie eine Flut über die Medien hereinbrach wird sich mancher vielleicht gefragt haben, was die ganze Aufregung soll. Manche fragten sich das leise für sich, einige rotzten entsprechend pietätlose Kommentare und Tweets hin und bezogen dafür natürlich reflexartig Maßregelungen aber auch Aufmerksamkeit, letzteres vielleicht gar nicht ganz unwillkommen.
Ich war und bin für meinen Teil einfach sehr betroffen von der Nachricht gewesen, aber ich verstehe durchaus das Unverständnis für das gigantische mediale wie auch social community Echo – jedenfalls solange das Unverständnis noch den gebührlichen Respekt vor der Trauer und Betroffenheit anderer wahrte.
Ist es nicht vielleicht sogar gut nachvollziehbar, dass jemand nicht verstehen kann, warum für das Ableben eines Sportlers fast eine Staatstrauer ausgerufen wird, der doch für die Gesellschaft nicht mehr bedeutete als Teil einer wirtschaftlich orientierten Sportindustrie mit Unterhaltungscharakter zu sein? (weiterlesen…)
15. September 2009
Du wirst heute Nacht nicht schlafen können – und derjenige hatte Recht, der mir das sagte. Was ich mir dann anhörte, war in allen Belangen jenseits meiner Vorstellungskraft von Gewalt und Unmenschlichkeit, ein Exzess von Brutalität, der nicht von irgendwem gehört oder erfunden war, sondern erlebt, erlitten, erduldet wurde von dem, der dir da gerade erzählt. Und keine Geschichte aus längst vergangenen Tagen, es geschah gerade, wurde erlitten, keine paar Wochen her, am lebendigen Leib. Unsägliches Leid, Demütigung und Schmerz, der nur mit einem einzigen Wunsch endete: “beende es” und dann wieder in Richtung der Ärzte: “beendet es!” Sie taten es nicht.
Und ich schlief nicht. Nicht in der Nacht – jedenfalls wenig, unruhig, immer wieder aufwachend, gequält von Gedanken, ein Stroboskop von Bildern aus dem Erzählten, so rudimentär die Erzählungen auch waren, der Versuch es an Bildern festzumachen, die man in Filmen gesehen hatte, die man so absurd fand, Filme von Tarantino, von Gewaltexzessen, und doch passt nichts. Du wachst auf, fragst dich immer wieder nur die eine Frage: Warum können Menschen sowas tun? Wie kann ein Mensch diese Grenzen überschreiten? Warum können Menschen zu Bestien werden?
Ich kam nicht mit zu Recht. Nicht nach der Nacht, nicht am Tag. Ich litt, quälte mich – die Bilder, die Worte wie Geister um meinen Kopf. Ich rief spät abends meinen Buddy nach zwei Tagen an, auch weil ich jemand brauchte, dem ich es zutraute, damit umzugehen. Ich kam an dem Abend noch vorbei und stellte eine Flasche Wodka auf den Tisch – Wodka brauchte aber nur ich. Und ich erzählte, hinreichend abstrakt, denn das mir anvertraute Geheimnis soll auch anvertraut bleiben. Ich erzählte mehr über das was wirklich geschah als hier in diesen Worten gerade, aber doch immer noch wenig genug. Ich weiß man vertraute mir und will das nicht enttäuschen, aber es musste erzählt werden, ich musste darüber reden. Und es war gut. Es ist nicht wichtig, dass der andere in dem Moment wirklich versteht, wirklich dein (Mit-)Leid nachvollziehen/nacherleben kann, es ist nur wichtig, dass er zuhört und es dann gut aufgehoben ist. Du kannst durch Reden kein Leid tilgen, du kannst damit nur damit Leben lernen.
Danach konnte ich besser damit leben. Der, um den es ging, wird von dieser Erleichterung wenig haben, außer vielleicht, dass ich nun wieder zuhören kann, damit derjenige selbst reden kann. Und vielleicht durch das Erzählen zwar nicht weniger Schmerzen hat, aber selbst damit Leben lernt. Allein weil es ausgesprochen ist und damit der Dämon seine Macht verliert.
Schweigen mag ehrenvoll sein, tapfer, etwas in sich zu fressen macht dich aber kaputt.
24. August 2009
Müsste man sich bei Menschen, die einem etwas bedeuten, entscheiden zwischen “gehasst” und “ignoriert” – wie würde diese Entscheidung ausgehen?
Lieber kaltes Desinteresse oder glühenden Hass?
Lieber bei jeder Gelegenheit attakiert werden als ein Leben lang nicht mehr bemerkt und bald vergessen?
Lieber Schrecken ohne Ende als darüber erschrecken, dass man längst das Ende verpasst hat und man nicht mal im Abspann mehr erwähnt wurde?
Anyway, manchmal gehen einem schon komische Dinge durch den Kopf.
img>
img>