26. November 2009
Im Leben ist es komischerweise fast bei allem gleich, ob Produkt oder Zwischenmenschliches. Du hast was neues und bist begeistert, ob es Substanz oder nachhaltigen Nutzen hat, ist da erstmal egal. Doch dann irgendwann verliert sich die Begeisterung ob des Neuen und es bleibt das, was eben übrig ist. Bei vielem bleibt dann eben nur eine Hülle dessen, was man meinte zu sehen, oder ein Zweck oder Verwendung, die man gar nicht nutzen kann oder will.
Eigentlich ist nur etwas mit Substanz wirklich wertvoll. Vor allem mit einer Substanz, die man selbst brauchen kann, die einen ergänzt oder im Leben eine Hilfe ist – doch das reicht uns nicht immer aus. Wir gewöhnen uns an das, was nützlich ist, es wird selbstverständlich, und wir sehnen uns wieder nach der Begeisterung ob des Neuen.
Dann stehen wir vor der Wahl: Das eine aufgeben für das andere? Manche meinen, sie könnten beides haben: Mal bisschen mit etwas Neuem spielen und dann das aber das Alte wieder auspacken. Oder einfach mal von Neuem anfangen und im zweiten Anlauf dann dabei bleiben? Aber das geht oft nicht. Entweder man ist dann schon süchtig nach dem Stoff “Neu! Begeisterung!” und jagt dem immer nach, oder man findet einfach nie mehr das, was Substanz hat, Substanz die zu einem passt.
Das Dumme ist nur: Unsere Gesellschaft hat offenbar ihr aktuelles Lebensmodell auf “Neu! Begeisterung!” aufgesetzt und penetriert es in den Medien. Manche nennen es dann auch einfach Konsum.
Einen Aufschrei oder kritische Worte gibt es nicht. Vielleicht weil viele derer, die das Gesellschaftsbild prägen, also die, die man gemeinhin erfolgreich nennt, ob in Politik oder Unterhaltung, dieser Droge längst verfallen sind. Und damit sie sich nicht Scheiße fühlen, verpacken sie die Legitimation für die Droge in tolle Produkte, Werbung, Serien, Filme, Musik. Man erklärt es als modern, zum Lifestyle, zum State-of-the-Art.
Wer heute 30 Jahre verheiratet ist, ist suspekt, ein Exot. Wer seinen alten Fernseher immer noch hat ist gesellschaftfeindlicher Konsumverweigerer oder muss ein Versager sein, weil er sich nichts leisten kann. Und wer alte Autos kauft und sie pflegt ist kauzig.
Lebe den Konsum oder konsumiere dein Leben. Und böse Zukunftsvisionen sind das alles auch keine: Aktuell ist das drängendste Problem unserer Gesellschaft bereits die Frage nach der Entsorgung der ausgedienten Human-Abfälle – also all derer, die nicht mehr konsumieren können.
Heute bist du angesagt und mitten im Leben, morgen bist du selbst der, dem das Neue und Begeisternde fehlt. Quid pro quo – für das was du der Gesellschaft gibt, wirst du eine angemessene Gegenleistung erhalten. Der alte Rechtsgrundsatz gilt eh denn je. Es sei denn, du hast vorher Substanz im Leben gefunden.
24. April 2009
Es wackelt nur, es fällt nicht – aber es wackelt nicht nur, es schwankt, es hat längst seine innere Stabilität verloren, das war mir klar, es wird nicht mehr von selbst zum stehen kommen, es wird jetzt umfallen oder runterfallen und dabei kaputt gehen oder noch schlimmer auf etwas anderes fallen und dort eine Delle hinterlassen oder eine riesen Sauerei hinterlassen. Man muss das vermeiden, denkst du dir, irgendwie, zupacken, bloss nicht runterfallen lassen, irgendwas tun.
Das Problem ist, wenn du panisch zugreifst, wirst du es vielleicht erwischen, also richtig erwischen, so dass du es wieder hinstellen kannst – aber was viel wahrscheinlicher ist, ist dass du es nicht packen kannst und du beim Versuch alles nur noch schlimmer machst, weil du andere Sachen auch mit runterreisst oder umwirfst.
Irgendwas in meinem Kopf tickt dann so, dass ich in den Sekundenbruchteilen, wo sich das Ganze abspielt, mich dafür entscheide es fallen zu lassen und mich darauf zu konzentrieren es beim runterfallen in der Luft zu fangen. Und das klappt – meistens -, aber doch oft genug.
Und irgendwie dachte ich mir heute so, als ich die Sache wieder auf seinen Platz stellte, dass es vielleicht oft im Leben so ist. Dass was in Instabilität kommt, in Begriff ist zu fallen und dabei alles kaputt zu gehen droht. Und dass es dann manchmal vielleicht besser ist, statt panisch danach zu greifen und dabei alles darum herum noch in Chaos zu bringen, es ein wenig fallen zu lassen und sich dabei darauf zu konzentrieren, den freien Fall im richtigen Moment zu beenden.
Manchmal klappt das, sicher nicht immer, aber wenn es klappt, stellt man die Sache einfach wieder zurück als wäre nichts gewesen. Außer vielleicht der Gedanke, nächstes mal etwas besser aufzupassen.
11. Februar 2009
Das Leben im Hier & Jetzt ist das einzige was nach aller Abwägung Sinn macht. Nur ein Glaube an ein wie auch immer geartetes Leben danach kann diese Erkenntnis erschüttern.
Jedes Streben nach einem besseren Morgen ist wie der Versuch des Hundes, der sich versucht in den Schwanz zu beißen. Den Moment zu opfern für einen anderen zukünftigen Moment ist ein Nullsummenspiel, nur mit dem Risiko der grünen Null, dem Zéro.
Wie viel wir auch materiell einsetzen oder persönlich investieren, alles ist dem Vergänglichen unterworfen. Es wird zu einer verblassenden Erinnerung werden, wenn irgendwie möglich konserviert durch eigene Aufzeichnungen oder den omnipräsenten Digitalbildern aus allen erdenklichen Lebenssituationen. Doch auch diese werden nicht verhindern können, dass man sie über kurz oder lang betrachtet und sie einem wie Fragmente aus dem Leben eines anderen erscheinen. Man wird sich seiner eigenen Erinnerung fremd.
Das Bedürfnis nach Religion und dem Glauben an mehr als das was uns umgibt ist vielleicht mehr als nur eine nicht auszutreibende Tradition, es ist ein Schutz seiner Selbst vor der Verzweiflung seiner eigenen Vergänglichkeit. Und mancher, der nicht glauben will oder kann, flüchtet sich in den Versuch sich unsterblich zu machen, findet Trost in der Hoffnung sich selbst durch das Schreiben eines Buches oder die Gründung einer Organisation zu vererben.
Je älter wir werden, desto mehr verblasst das Jetzt, die Leichtigkeit des Heute geht, die Realität wird den Sachzwängen unterworfen, körperliche Einschränkungen hindern am Genuß des Moments. Tristesse wartet an manchen Abenden wie ein drohender Schatten auf den Moment des Endes all der gewohnten Ablenkungen des Tages.
Was bleibt? Ist alles dem Ende geweiht, des Asche zu Asche, Staub zu Staub? Lohnt es sich nicht zu leben, außer den Moment zu bestaunen um dann zu vergehen?
Vielleicht gibt es nur eine Sache, die jenseits von Glauben wirklich trägt und es sich lohnen lässt zu zu investieren: Der andere. Unsere Kinder, der Nachbar, der Freund, der Bekannte, der Mensch auf der Straße. Das Weitergeben von Gelerntem, das Vorleben von Gutem, die Erziehung für das Leben – um den anderen zu bereichern, damit er weitergeben kann, um das richtige Tun durch gelebte Praxis nicht aussterben zu lassen, um eine Basis weiterzugeben, selbst weitergeben zu können, selbst zu erziehen.
Die Menschlichkeit als das, was uns neben Glauben tatsächlich bleibt.
20. Januar 2009
Zu wissen, was man wirklich will, ist eine Erkenntnisstufe, die die wenigsten erreichen.
Hans Böller, NN-Online
… und da sagt noch einer, Fußball mache nicht philosophisch.
10. Oktober 2008
Spaßgesellschaft, Frohsinn, lustig, immer gut gelaunt, für alles Verständnis, ausgeglichen, tolerant und weltoffen, manchmal scheiß ich drauf. Sich fallen zu lassen in seine eigene Trübsal, all den Müll der eigenen Frustration an sich ranzulassen, davor haben manche verdammte Angst. Sie schlucken Dinge, die sie ruhigstellen, sie glotzen solange, bis sie todmüde umfallen, dröhnen sich mit Muntermach-Mucke zu.
Warum? Weil sie Angst haben vor sich selbst? Vor dem, was sie erwartet, wenn sie sich selbst fallen lassen, sich selbst ihrem eigenen Frust stellen. Sie laufen lieber ohne Rast und meinen sie tun sich und ihrer Umwelt einen Gefallen, wenn sie so lange laufen, bis sie an die eine Wand klatschen, vor der sie nicht mehr weglaufen können.
Manchmal, manchmal lohnt es sich sich in sich zu verlieren, in Selbstanklage, Selbstmitleid, Welthaß, Vorwürfen, dem Gefühl von Unverständnis und Leere. Es lohnt, wenn man durch gehen kann, und am Ende aufsteht wie der Phoenix aus der Asche. Sich selbst für einen Moment sterben zu lassen in Trübsal um danach Kraft zu schöpfen und aufzustehen. Ohne Groll, ohne Zerstörung, ohne Rachegefühle, ohne Wut, ohne Trauer …
9. Oktober 2008
Warum verstehen wir nur nicht die Sorgen und Nöte der großen Leute? Und warum viel Information alles nur noch schlimmer macht.
Ich bin ein kleiner Mann. Nicht mal von der Größe her, aber doch aus der Perspektive bestimmter Leute. Sogar “von der Straße” bin ich, dabei hab ich ein sehr annehmliches Dach über dem Kopf und sogar nette Nachbarn. Dennoch bin ich der “kleine Mann von der Straße”, weil ich eben keiner der Großen bin, der Großen aus Politik und Wirtschaft. Ich bin eben einer der nicht versteht, verstehen kann, die Zusammenhänge, die Notwendigkeiten, die Zwänge, die man eben nur begreift, wenn man selbst im Haus sitzt – und nicht nur von außen draufsieht, von der Straße, wenn man eben nur mal vorbeiging und Blicke erhaschen konnte von drinnen, durchs Fenster, oder was man eben verkündet bekommt oder was zu redseelige Bedienstete oder Boten aufgeschnappt und nach draußen trugen.
So ist unser Leben bestimmt, für die meisten von uns, ein “kleiner Mann von der Straße” zu sein. Wir bekommen nur mit, was nach draußen dringt, was man uns zumutet, was durchrutscht, was nach außen dringen soll – strategisch oder boshaft zum Schaden eines anderen oder um die Volksseele dosiert zum Köcheln zu bringen – nur nicht zum Kochen, das wäre zu unkontrollierbar, am Ende stürmt noch einer den Palast. Was man dem “kleinen Mann” auf der Straße zumuten kann, darüber machen sich die drinnen viele Gedanken, Gedanken über das “was” und “wie viel” und “in welcher Form”. Denn nicht alles versteht der “kleine Mann von der Straße” so auf anhieb – ja, er könnte alles mißverstehen, könnte am Ende nicht begreifen, wie eben die Zusammenhänge, die Notwendigkeiten und die Zwänge waren, die zu dem führten, was man nun verkünden muss, und der “kleine Mann von der Straße” wird einen Kopf fordern in seinem Unverstand, seinem fehlenden Kausalverständnis, das man sich erst aneignen kann, wenn man selbst einmal die Zusammenhänge, die Notwendigkeiten und die Zwänge am eigenen Leibe erlebte.
Manchmal zeigen andere “Menschen von der Straße” den anderen solche Zusammenhänge auf. Gefährliche Aussteiger und Freigeister sind das – Leute, die das ganze System mit ihren unbedachte Äußerungen gefährden, die meinen die Wahrheit würde etwas besser machen. Kinder sind es, Kinder, die nicht verstehen, dass die Wahrheit keine leichte Kost ist, eine Kost, die dem “Mann von der Straße” gar nicht bekommt, weil er damit gar nicht umgehen kann. Wer sowas tut, tut der Gesellschaft keinen Gefallen – jedenfalls aus der Sicht bestimmter Leute mit dem Blick auf den “kleinen Mann von der Straße”.
Das ganze Internet hat alles nur noch schwieriger gemacht. Medien konnte man wenigstens kaufen – und zwar mit dem Geld, dass der “kleine Mann von der Straße” mit seiner Leistung, seinen Einlagen und auf sein Risiko erwirtschaftet hat – zu seinem Schutze. Doch nun sprießen immer neue Stimmen zu Tage, immer mehr dieser Querdenker beginnen zu reden, man kann sie nur juristisch erschlagen, doch wie Ratten kommt immer wieder ein neuer Kopf aus den Löchern. Man muss sie an der Wurzel packen, ihre Glaubwürdigkeit zerstören, sie einschüchtern und überwachen – die Politik ist in der Pflicht, in der Pflicht das System zu schützen, ein System, dass sie selbst zu den Großen der Politik erst machte, sie sind in der Pflicht und in der Schuld!
Doch Schuld, Schuld an allem, an der Panik, an den Überreaktionen, das haben doch sie! Die, die reden, die modernen Aufklärer. Sie sind die Unbekannte der Gleichung, mit all ihrer Furcht und ihrem Idealismus, ihre kleinkarierte Denke um das Wohl des Einzelnen – und sie meinen sich doch nur selbst! Sie sorgen sich nur um ihr eigenes Wohl und das aller kleinen Männer!
Doch das Wohl kann gar nicht für den Einzelnen bestimmt sein, denn das System funktioniert nur im begrenzten Maßstab – eben wenn viele “auf der Straße” sind und nur wenige “im Haus” – so sind die Regeln unserer Gesellschaft, so war es immer.
Doch ist das Kind im Brunnen, wenn zu viel bereits passiert ist um die Stimmung noch retten zu können mit Vertuschung. Wenn der “kleine Mann von der Straße” den Stimmen aus dem Haus nicht mehr glaubt, dann heisst es die Gelegenheit ergreifen. Sich unters Volk mischen, sich zu einem von ihnen machen, seine eigenen Aussagen von gestern verwischen und sich einfach mit dazu stellen – zum Pulk vor dem Haus und mitgrölen, einfach das, was die Volksseele schreit: “Raus mit ihnen! Wir wollen sie zur Verantwortung ziehen!” Aus Inbrunst, bis man einen oder zwei gefunden hat, die bei drei nicht auf den Bäumen respektive aus dem Hause waren – gern genommen die, die sich nicht selbst schnell genug verleugnen konnten. Und reden muss man, viel reden, am Besten das, was jetzt offensichtlich ist und die Mahner schon riefen, als man selbst noch im Haus saß und sich über dieses Geschmeiß echauffierte.
Nach einer Weile darf man den Absprung nicht verpassen, sonst wird man selbst zu einem von ihnen, vergessen und bedeutungslos in der Masse. Nun gilt es einen Schritt vorzutreten, sich zwischen Haus und Straße zu stellen. Es gilt nun Reformer zu sein, aus der Vergangenheit lernen wollen, Einsicht zeigen ob der Fehler des Systems, natürlich nicht der eigenen, und aufbrechen wollen, diese Zusammenhänge, die Notwendigkeiten und die Zwänge. Nicht wirklich und wollend, aber überzeugend – und darauf kommt es an.
Der “kleine Mann von der Straße” wird bald müde werden, seine Konzentration bricht gern ein, wenn man nur lange genug redet um auf den Punkt zu kommen. Als sie begannen wieder zuzuhören, war das Spiel auch schon gewonnen. Dann baut man sie wieder auf, die Zusammenhänge, die Notwendigkeiten und die Zwänge, und wirbt im Rahmen des Machbaren und möglichst perspektifisch um Geduld und versichert seinen 100%igen Einsatz. Der “kleine Mann” könne daher getrost nach Hause gehen – und man selbst zurück ins Haus. Jeder auf seinen Platz zurück, der ihm gebührt.
Doch manchmal reicht das alles nicht. Manchmal brechen Systeme tatsächlich zusammen und lassen sich nicht wieder herreden. Schlimme Zeiten sind das, Zeiten der Zerstörung, der Neuordnung, des Chaos. Dann sitzen sie plötzlich alle wirklich in einem Boot, der kleine und der große Mann, und der “große Mann” weiß, dass er jetzt viel zu verlieren hat, auch gerade weil die “kleinen Leute”, die eh schon wenig hatten und nun noch mehr verloren haben, jetzt im Vorteil sind. Wer wenig zu verlieren hat, neigt zu radikalen Dingen.
Und das macht ihnen großen Kummer, den großen Leuten. Gerade weil sie nicht mehr tragen, die Zusammenhänge, die Notwendigkeiten und die Zwänge, die einen Schutz gaben und das stabile System bildeten. Großen Kummer, nicht um der Krise selbst, den Zerstörungen und den Opfern willen. Es macht ihnen Kummer, denn am Ende könnten andere die Gewinner sein.
12. September 2008
Der Mensch hat drei Möglichkeiten, klug zu handeln:
Erstens duch Nachahmen – das ist das einfachste.
Zweitens durch Nachdenken – das ist das edelste.
Und drittens durch Erfahrung – das ist das bitterste.
Konfuzius
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