25. Januar 2010

Nun endgültig zurück aus meinem TV-Grippe-Camp macht man sich so seine Gedanken. Fast 1 Woche lang konfrontiert mit Fernsehen schlägt auf mein Gemüt, es depremiert mich, die unendliche Aneinanderreihung von Eindrücken von Bewegtbildern. Sender, die den halben Tag nur auf eine Art Kreuzworträtsel die Kamera halten und so tun als könnte man jetzt gleich sofort gewinnen, dabei ist die Sendung ja auf Stunden ausgelegt und das wiederholt sich auch noch täglich. Einkaufssendungen mit offensichtlichem Müll, der wie Gold angepriesen wird und den man mit pseudo-wissenschaftlichen Binsenweisheiten unterfüttert und mit ganz offensichtlich künstlicher Limitierung des Angebots eine höhere Nachfrage generiert – und das klappt angeblich auch noch.
Man könnte wirklich Stunden darüber schreiben, über Nachmittags-Programme, die u.a. mehr als “freizügig” mit Themen wie Sex (in allen Varianten, gerne auch im Familienkreis mit Stiefkindern etc.), gegenseitiger Betrug (sowohl ideell als finanziell), Gewalt und generelle Asozialität umgehen und so das Hauptaugenmerk unseres Lebens darauf lenken. Unseres Lebens, das heisst das Leben derer, die nachmittags Zeit und Gelegenheit haben sich damit zu beschäftigen – wie Kinder, Schüler.
Okultismus-Tendenzen unter anderem in Form des aktuell gehypten Vampir-Kults (neben den offen zelebrierten Wahrsage- und “Mentalisten”-Shows) ziehen sich von Kinderkanal bis Sitcom bis ins Abendprogramm und werden exzessiv penetriert. Ganz unerheblich, ob dies nur als “lustig” gesehen wird, durchziehen okulte Symbole wie Pentagramme unsere TV-Landschaft und final die Arme und Rücken unserer Kids und Jugendlichen als “trendige Tattoos”. Aber auch das zappt man eben weg, wenn man es schafft, um wieder rechtzeitig bei der Gerichtsshow zu landen, für deren Urteilsverkündung man mit fast 10 Minuten Werbeunterbrechung bezahlen sollte – nur um dann wenigstens einmal am Tag sowas wie “Werte” mitgeteilt zu bekommen.
Mein “Glück” war noch die Haushaltsdebatte, doch die Ironie erstickt mir dabei selbst im Halse. Da wird munter aufeinander eingedroschen, als wäre ‘Respekt voreinander’ etwas, was als erstes dem Rotstift zum Opfer gefallen sein muss irgendwann im letzten Jahrhundert. Auch reibt man sich die Augen, was hier nun wieder an Meinungen vertreten wird. Die einen tun so, als hätten Wahlversprechen andere Menschen für sie (eher versehentlich und natürlich unverbindlich) abgegeben, die anderen stehen da wie die Unschuld vom Lande am Pult, als wäre der Umstand, dass man selbst gerade jahrelang die Geschicke hätte lenken können, nie existent gewesen. – Die Menschen hier tragen Kostüme und Anzüge mit Krawatte, der moralische Niveau-Unterschied gegenüber der Szene-Doku auf dem anderen Kanal scheint aber nur marginal zu sein.
Man zappt zum gefühlten 250ten Mal durch die Programme bis Kanal 49 und schüttelt den Kopf: Was für eine Gesellschaft, denkt man sich … dachte ich mir. Doch jetzt kam mir die Erleuchtung, denn mir fiel der alte Witz mit dem Geisterfahrer wieder ein, der nach der Radio-Durchsage “Achtung Autofahrer, es kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen” sich nur denkt: “Einer? Tausende!”
Wenn das, was ich sah, das ist, was die Gesellschaft will, dann bin ja vielleicht _ich_ derjenige, der die Gesellschaft, die Norm, nicht erfüllt?!?
Wenn freizügiger Umgang mit Themen wie Sex schon ab Jugendalter “normal” ist, ist meine Moralvorstellung wohl einfach antiquiert – wie auch wohl in vielen anderen Bereichen des Lebens, in denen der Respekt vor anderen Menschen, Recht, Gesetz, Gesellschaft oder Religion dem Streben nach eigenem Lustgewinn in jedweder Form offensichtlich längst geopfert wurde. Triebhaftes Verhalten als Maxime unserer Gesellschaft, man nennt es nur “Quoten-orientiert”, “Kaufanreize schaffen”, “Konsumverhalten”, “Bedarfsweckung” oder eben “politisches Kalkül”.
Denn gerade letzteres mutet ja grotesk an, wenn man heute nur die Steuersenkungsversprechen verkündet, weil die große NRW-Wahl ansteht und man danach erst über die Zeche reden will. Denkt man sich: Das ist doch zu windig, das durschaut doch jeder Wähler. Aber im Gegenteil! Es wirkt! Immer wieder! Wahl für Wahl! Und dann fragst du dich: Wer ist eigentlich der Doofe? Man selbst! Wenn das so funktioniert und jeder das weiß ist doch der der Außenseiter, der immer noch nicht gelernt hat, dass der Fluß in die andere Richtung fließt.
Ich weiß noch nicht, was ich mit der Erkenntnis anfange. Schwer vorstellbar, dass der alte Hund in mir noch lernt Männchen zu machen. Zu viel verkorksten Idealmist aus den 80ern, konservative Erziehung und verblendeter Religionsvorstellungen von christlichen Werten steckt untrennbar in mir. Aber ich versuch mich künftig vielleicht etwas weniger darüber zu beschweren. Man will schließlich dem gesellschaftlichen Establishment nicht andauernd ans Bein pinkeln. Man muss auch mal lernen, dass “normal” eben das ist, was den vorhandenen Normen entspricht.
Soziale Normen (Gesellschaftliche Normen) sind konkrete Vorschriften, die das Sozialverhalten betreffen. Sie definieren mögliche Handlungsformen in einer sozialen Situation. Sie sind gesellschaftlich und kulturell bedingt und daher von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden, unterliegen aber immer dem sozialen Wandel. Normen sind (äußerliche) Erwartungen der Gesellschaft an das Verhalten von Individuen in unterschiedlicher Verbindlichkeit. Sie sind zu unterscheiden von (innerer) vernunftgemäßer Gewissensprüfung von Handlungen (siehe Moral, Ethik, kategorischer Imperativ).
Wikipedia: Soziale Norm
9. Juli 2009
Atheisten-Advisory – Die folgenden Zeilen können religiöse Inhalte haben und sind somit für empfindsame Atheisten im Zweifel nicht geeignet.
Manchmal frag ich mich, warum ich glaube und andere nicht. Ich hab lange aufgehört mich für Glauben zu rechtfertigen und ertappe mich auch nur noch selten dabei, dass ich überhaupt über religiöse Themen Grundsätze diskutiere, was vor 10 oder 15 Jahren vielleicht noch zur regelmäßigen Übung gehörte. Wenn man aber nicht diskutiert und sich auch nicht mehr erklärt verliert man manchmal selbst die Frage – und die Antwort. Irgendwann ist es ein Zustand und für manchen ist der Zustand nicht mehr herleitbar und er zweifelt. Ich zweifle nicht an meinen Glauben, ich kann das gar nicht weil ich den Zustand zu glauben eben habe, ich kann ihn nicht vor mir selbst abstreiten. Aber ich bin froh wenn ich aus welchem Grund auch immer wieder einmal erinnert werden, was die Frage und was die Antwort ist. Oder besser: Eine der Frage und eine der Antworten – von vielen.
Ich tu Peter Fox vielleicht keinen Gefallen damit, aber er hat mich mit dem Song Das zweite Gesicht wieder an etwas erinnert, an eine Antwort auf eine Frage: »Warum ich glaube?«
Die Stimme bebt und der Blick ist Eis
gleich geht jemand hier zu weit
die Zunge ist geladen und bereit
die Wörter von der Leine zu lassen, sich Feinde zu machenDie Pfeilspitzen voller Gift
der Feind wackelt, wenn du triffst
du triumphierst, wenn er kippt
doch morgen um diese Zeit tut es dir leidHahnenkampf um einen Haufen Mist
jemanden opfern für lau nen witz
eine Spinne tot-duschen, wenn du in der Wanne sitzt
einem Dummen zeigen, dass du schlauer bistDenn es steckt mit dir unter einer Haut
und du weißt, es will raus ans Licht
die Käfigtür geht langsam auf und da zeigt es sich:
Das zweite GesichtEin Biest lebt in deinem Haus
du schließt es ein, es bricht aus
das gleiche Spiel jeden Tag
vom Laufstall bis ins Grab
Als ich Jugendlicher war kannte ich “mein Biest” und es kam jeden Tag, ich schloß es ein und es brach aus, jeden Tag das gleiche Spiel – und es war nicht cool und hatte auch nichts von irgendwie geartetem heroisch-martialischem. Es war der traurige und verzweifelte Kampf gegen sich selbst, die Unfähigkeit das zu tun was man will und statt dessen daran zu verzweifeln in einem Fahrwasser zu sein, das einem treibt und in dem man erkennt, dass man zwar kurz gegen seinen Strom sich stemmen kann, aber nicht dagegen zu schwimmen vermag. Ein Ritt ins eigene Verderben, sich selbst immer und immer wieder zum Trottel zu machen, nicht heraus zu können und nicht heraus gelassen zu werden. Und man hatte Angst, dass es immer und immer so weiter gehen wird.
An dem einen Tag war das Biest weg. Und es kam nicht wieder. Es mag andere Biester geben im Leben, aber dieses Biest, das mich damals verfolgte und ich dachte, ich würde es nie mehr los, war in einem Moment weg.
Als ich zu glauben begann, verschwand das Biest, und weil es verschwand, glaubte ich. Das muss keiner verstehen außer mir.
Ach ja, wer den Song mal hören will, ist ein klasse Lied, auch wenn man sich für die Frage und Antwort gar nicht interessiert: [Link zu YouTube]
12. April 2009
Frohe Ostern, liebe Leserinnen und Leser!
Hier noch ein Crash-Kurs zum punkten im Familien- und Freundeskreis: Ostern ist nicht die Feier des Heiligen Sankt Osterhas, auch hat es nicht mit einer Art Hühner-Kult zu tun. Ostern ist die Sache mit Jesus und Auferstehung gewesen, Karfreitag war die Kreuzigung (unschöne Sache das), Ostern die Feier mit Grab leer, Tod besiegt, Halleluja und sowas. Memo Gläubige intern: Daher eigentlich auch das größere Fest als Weihnachten.
Zur Vertiefung empfohlen: Ostern (Wikipedia)
Das Herkunftswörterbuch von Duden leitet das Wort vom altgermanischen *Austro > *Ausro für „Morgenröte“ ab, das eventuell ein germanisches Frühlingsfest bezeichnete und sich im Altenglischen zu *Eostre, *Eastre, im Althochdeutschen zu ôstarun fortbildete. Der Wortstamm ist mit altgriechisch eos „Sonne“ und lateinisch aurora verwandt, die ihrerseits weitere Sprachen beeinflusst haben.
[...]
Die Einführung beziehungsweise Kultivierung des Begriffs Ostern in Deutschland hängt eng mit der Strukturierung der fränkisch-deutschen Kirchenprovinzen zusammen. Diese waren unterschiedlich sprachlich und klerikal geprägt. Im Erzbistum Köln, der kölnischen Kirchenprovinz, die fränkisch geprägt war, herrschte der Begriff pasche vor und wurde vor allem in den heute erhaltenen Dokumenten so auch geschrieben. Bonifatius hatte als Bischofssitz Mainz, und aus der angelsächsischen Tradition wurde dort in den Dokumenten ôstarun in angelsächsischer Anlehnung als typisches Missionswort verwendet.[4]
Wegen der Entdeckung des leeren Grabes Jesu „früh am Morgen, als eben die Sonne aufging“ (Mk 16,2 EU) wurde die Morgenröte in der Christenheit zum Symbol der Auferstehung.
3. März 2009
Heute glatt meine Fastenzeit gebrochen.
Saß bei der Autowerkstatt, er bot mir einen Kaffee an, ich so “klar, gern” und als ich 20 Minuten später zwischen den Autos lustwandelte dachte ich mir so “ups!”. Da hält man sich tagelang streng an seine Regeln und dann wird man in der Autowerkstatt kalt erwischt.
Glaub’ das geht wegen fehlendem Unrechtsbewußtsein durch …
25. Februar 2009
Jaaa, schon wieder.
Seit heute bin ich mal wieder selbstverlogen und mache mir was vor, fröhne der Inkonsequenz und überhaupt hab ich das ganze nicht richtig kapiert. Dennoch werde ich auch dieses Jahr wieder von Aschermittwoch bis Ostersonntag an den Wochentagen von Sonntag Abend bis Samstag Abend mich bestimmter Dinge enthalten bzw. nach einem (und schon wieder so eine unglaublich inkonsequente Haltung!) gewissen Prinzip beschränken. Kaffee bspw. möchte ich stark reduzieren und auf Frühstück und Nachmittag begrenzen, Alkohol und Süßkram gibts gar nicht (außer Sa Abend – So Abend) und auch die virtuellen Welten werden einige Zeit deutlich weniger von mir sehen müssen.
Naja, im Grunde wie jedes Jahr halt vor Ostern und Weihnachten und über die Motive hab ich auch schon mal geschrieben. Aber wenn man es aufschreibt, wird es so schön amtlich.
7. Februar 2009
… vielleicht reicht ja aber auch bisschen zum Theme twittern oder hier und da kommentieren?
Rex Kramer, Danger Seeler, Part-time airline mechanic, full-time daredevil Rex Kramer vows to take on the most dangerous situations possible “for the sake of adventure.” – Kentucky Fried Movie
30. November 2008

Im Rahmen meiner diesjährigen Fastenzeit vor Ostern sprang mir die Info unfreiwillig ins Gesicht: Die Adventszeit sei genau genommen die zweite Fastenzeit im Jahr, nach der österlichen Fastenzeit.
Wie? Die Zeit mit lecker Plätzchen und Stollen und Schoko-Adventskalendern als Fastenzeit? Klang absurd, machte aber irgendwo Sinn. Es ist immer eine Vorbereitung auf etwas, im christlichen Sinne auf die beiden größten Feiertage, der Geburt Christi und an Ostern die Kreuzigung und Auferstehung.
Im Mittelalter dauerte die Fastenzeit vor Weihnachten 40 Tage und begann nach dem 11. November, dem Martinstag. Der Brauch, davor noch eine Martinsgans zu essen, stammt daher.
Quelle: wikipedia
‘Dummerweise’ erinnerte ich mich just gerade wieder daran und ich beschloss die Anregung zu nutzen und werde wenigstens die Adventszeit bis Weihnachten nun fasten. D.h. kein Alkohol und keine Süßigkeiten von Montag bis Samstag, die Adventssonntage sollen dann die Tage sein, an denen man nachholt was nachzuholen geht.
Neben der religiösen Motivation reizt mich wieder die persönliche Erfahrung. Es ist ja heute nur noch eine Materialschlacht. Lebkuchen und Plätzchen wohin man guckt, eine Orgie der Süßwaren. Man kann das gar nicht mehr richtig schätzen und konsumiert nur noch reflexartig. Ich denke, wenn man das auf die Sonntage strikt reduziert, freut man sich mehr darauf als sonst, wenn man bei jeder Gelegenheit oder im Meeting einfach nur zu sich nimmt.
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