Auch ein Kind im Fußball-fähigen Alter?
Vorweg die Grundlagen: Ohne Fußball ist Dein Kind ein Außenseiter. Akzeptier es oder lass es, aber es ist so. Zumindest als Junge und zumindest in vielen Schulen und KiTas.
Fußball ist (wieder) in Deutschland in den Schulen und Kindergärten omnipräsent. Vor allem bei den Jungs, aber auch viele Mädchen spielen Fußball. Wer kein Fußball kann, muss sich anders behelfen, aber Fußball kicken zu können löst dir so spontan eine ganze Menge Probleme als Kind: Kontakte knüpfen, Freunde finden, Anerkennung bekommen. Muss man nicht begeistert quittieren, es anzuerkennen (als Eltern) wird deinem Kind aber ne Menge ersparen.
Rumbolzen am Kinderspielplatz ist dann das eine, logischer Schritt 2 ist aber die Anmeldung im Sportverein. Und ich möchte mal bisschen was vom Vereinsfußball in der G-Klasse (G-Jugend, G1, G2) erzählen.
Marcooo! Schhhhieeeeeß! Marco! Der Marco ist frei! Ja Ja Ja Jaaaa, Marco schieeeeß! Marco! Marco! Lauf! Schieß! Pass doch zu Marco! Toll Marco! Weiter Marco! Marco! Marco!
Du kennst die Namen von der Hälfte der Kinder am Parkett – nicht persönlich, nein, nur vom Geschrei. Es ist Winter und daher Hallenturnier-Saison. Das bedeutet im Klartext (so klar war mir das vorher nicht…): 7:55 Uhr Treffpunkt am Vereinsheim am Samstag Morgen, dann Konvoi-Fahrt mit unausgeschlafenen Müttern im Van und Vätern im BMW, die meisten treffen dann doch gegen 9:00 Uhr ein, dann wirst du aus der Kabine geschickt wegen Mannschaftsbesprechung und dann zieht sich das Turnier zum Teil 4 bis 5 Stunden lang zwischen “Marcooo, Marcooo!”, Gummibärchen, Toren und Tränen.
Mein Sohn ist Torwart, das war für mich etwas überraschend, ich musste mich an den Gedanken erst mal gewöhnen, aber er ist gut, richtig gut, auch daran musste ich mich erst mal gewöhnen. Aber dazu später.
G-Jugend Kinderfußball (Bambinis) ist eine schwierige Sache, es ist eine Mischung zwischen elterlichen und trainerischen Ehrgeiz und einem Pulk Kinder, die hinter einem Ball herlaufen und wenn sie ihn haben nichts damit anzufangen wissen. Das ist ein Vorurteil gewesen, und es bestätigte sich im gleichen Maße, wie es sich revidierte. Ein Widerspruch? Nein, ein Konglumerat. Beides stimmt, beides ist berechtigt, denn die Spanne in diesem Alter reicht weit – vom Kleinen, der schon froh ist, dass er gerade aus laufen kann, über den Halldeckengucker und Am-Boden-sich-Werfer-weil-keine-Lust mehr bis hin zum jungen Bernd Schuster mit Spielverständnis und Außenrißpass.
Es ist ein Spagat zwischen Spiel und Sport, zwischen Spielen und Leistungsprinzip. Wer sich bei einem Verein anmeldet will mehr als nur Bolzen, er will den Mannschaftssport, die einen begreifen das allerdings intensiver als die anderen – und noch immer bin ich wertfrei!
Ich habe nun 5 Turniere hinter mir, mein Sohn ist seit einem halben Jahr aktiv dabei – ein Fußball-Fan vor dem Herrn. Alles was mit Fußball zu tun hat, steht ziemlich weit oben, alles. In 5 Turnieren kriegst du schon ne Menge mit und ich bin nun wahrlich Fußball vorgeschädigt…
Es gibt mindestens drei Typen Eltern, auf die du triffst: Die Ahnungslosen, die nur dabei sind, weil ihr Kind Fußball wollte, sie schreien und kreischen, haben keine Ahnung von Fußball und Mannschaftssport und meinen, wenn sie nur oft genug den Namen ihres Kindes geschrien haben, haben sie was tolles gemacht und ihr Kind unterstützt. Dann die Teilnahmslosen, die dabei sind um dabei zu sein, weil einer dabei sein muss. Sie haben Spiele dabei und Brote und kümmern sich um das Seelenheil des Kindes, reden mit dem Trainer, wenn Kind nicht spielt, weil es doch sonst traurig ist und sind auch schnell mit der Abfahrt zur Hand, wenn das Kind Bauchschmerzen verspürt. Das sind tatsächlich sogar die Ausnahmen. Und dann die Ehrgeizigen, die taktische Anweisungen reinbrüllen, den Trainer und auch mal den Schiedsrichter ins Gebet nehmen, dem Jungen (oder Mädel) die Blutgrätsche in der Euphorie des Geschehens empfehlen und beim Turniersieg dafür sorgen, dass der neue Maradonna auch den Pokal am Mannschaftsfoto in Händen hält, auch wenn er nur immer in den letzten Minuten eingewechselt wurde, wenn das Spiel schon entschieden ist.
Gehör ich zur ominösen 4. Gruppe? Ich hoffe es. Denn ich mag den Fußball. Ich schätze den Sport, ich finde einen gelungenen Spielzug als etwas schönes und ein herausgespieltes Tor freut mich, egal von welcher Mannschaft. Ich bin natürlich der Vater meines Kindes und kein Fußball-Gandhi. Aber wenn er nicht gut genug ist, dann soll er auch nicht spielen, dann soll er eben einen anderen Sport machen. Ich bin ein Verfechter von Disziplin, was auch die Eltern angeht, wie auch die Trainer und die Spieler. Das hat nichts mit Spaßverderben zu tun, das hat was damit zu tun, dass Fußball ein Mannschaftssport ist, der nur funktioniert, wenn alle sich dem Mannschaftsziel unterordnen. Das bedeutet eben: Spieler raus, die der Mannschaft nicht helfen, Klappe halten als Eltern während des Spiels in Richtung einzelner Spieler und erst Recht heißt das, es geht um Fußball und das Spiel an sich, nicht um Spielen.
Mein Sohn ist als Torwart gut, sehr gut. Er spielte sein erstes Turnier als Torwart und bekam in fünf Spielen kein Gegentor. In den nächsten Turnieren wiederholte er das – was bisweilen einfach war bei der starken Mannschaft – beim ersten Turniersieg hielt er alle Siebenmeter der Gegner. Er bekam eine Einladung für die “ein Jahr älteren”, ein G1-Gastspiel. Sie gewannen das Turnier, er hatte wenig zu tun aber bestätigte die Eindrücke. Heute spielte er ein Turnier, bei dem sie im Endspiel mal wieder die Grenzen aufgezeigt bekamen. Die Gegner waren drückend überlegen, spielten in der Vorrunde einen 9:0-Sieg raus – in 15 Minuten Spielzeit. Mein Großer hielt mit ca. 6 Glanzparaden die Niederlage mit 0:2 in Grenzen. Bei der Siegerehrung stoppte der Hallensprecher nach Glückwünschen an den Turniersieger kurz und sagte: “und einen Spieler möchte ich noch herausheben, der Torwart des Endspielgegners, der wirklich ganz herausragend gespielt hat, das hat mir einfach so gut gefallen”.
Fußball ist ein Spiel, es ist aber auch Sport. Aber wir sind auch mit Kindern unterwegs. Diese Balance aus allem ist eine schwierige Sache. Es soll unbeschwert sein, aber auch die Ernsthaftigkeit vermitteln, Pflichtbewußtsein für eine Gruppe fördern und schulen, aber auch nicht überfordern. Du sollst dein Kind durchaus ja auch fördern und fordern, aber er soll auch immer Spaß haben. Ich wollte für mein Kind immer zwei Sportarten, Einzelsport und Mannschaftssport und er macht nun Jungen-Turnen und Fußball, aber auch der Mannschaftssport ist so wichtig, weil du da lernst, dass du nur zusammen etwas erreichst und dass dein Fehler anderen etwas kostet und die Leistung anderer dir etwas bringt, dass du zusammen etwas erreichst und allein nicht weit kommst.
Wenn du der “Papa von dem! Torwart” bist, ist es leicht über Mannschaftssport zu reden. Wenn dein Kind immer gesetzt ist und in einer Mannschaft spielt, die immer unter die besten 3 kommt auch. Aber das wusste ich ja alles vorher nicht. Ich wollte immer, dass er Spaß am Fußball hat, weil ich den Fußball liebe. Dass mein Sohn derart gut sein könnte in seinem Alter, hätte ich nicht gedacht.
Heute Abend sagte mein Sohn zu mir, dass er kein Torwart mehr sein will, dass er lieber Stürmer werden wolle. Und er kämpfte in sich, merkte sicher auch meinen “Schock”. – Da hast du mal einen Sohn, der wirklich deine Träume auslebt und so früh schon so gelobt wird und “outstanding” spielt und er will das wegwerfen? Da merkst du, wie sehr dein eigener Ego, dein väterlicher Ehrgeiz dann doch höher war als die Freude am Sport und der Wille, deinem Kind einfach Sport nahe zu bringen, damit es ihm Spaß macht.
Ich ringte lange mit mir und biß mir auf die Lippen biss sie weh taten. Als er endlich im Bett war, konnte ich in Ruhe nachdenken. Und ich kam zu klaren Gedanken: Ja! Er soll das ausprobieren! Wenn er kein Torwart mehr sein will, dann ist es so – Talent hin oder her. Ich werde ihn nicht um meines Ego willen dazu pushen, aber ich werde ihn einschwören auf den Mannschaftssport, darauf, dass man in einer Mannschaft die Rolle einnehmen muss, für die man als Spieler am nützlichsten ist – und dass ich die Worte meiner Frau entleihen muss, die das ihm sagte, hätte ich auch nicht gedacht. Aber ich werde ihn unterstützen bei seinem Trainer um eine Chance zu bitten, etwas anderes auszuprobieren – ich denke dass das einfach dem Kind und dem Spiel geschuldet ist.
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